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Raucherleid Qualmen und qualmen lassen

Wohin am Weltnichtrauchertag? Wer sich heute eine anstecken will, ohne sich strafbar zu machen, muss auf diffizile Landesgesetze achten. Sechs FR-Korrespondenten berichten von Verbotszonen im eigenen Auto und dicker Luft im Hospital.

30.05.2011 16:36
Raucher haben immer weniger Möglichkeiten dazu. Foto: dpa

USA: Wild am Strand

Einwohner: 311 Millionen

Raucher: 24% der Männer, 18% der Frauen

Nun gehört auch die Kippe nach dem Konzert im Central Park der Vergangenheit an. So will es zumindest das Gesetz. In allen öffentlichen New Yorker Parks hat Bürgermeister Michael Bloomberg in der vergangenen Woche das Rauchen verbieten lassen. Das war einigen Bürgern dann doch zu viel des Guten.

Zahlreiche Protestgruppen veranstalteten Smoke-Ins, wie etwa am Strand von Coney Island. Die Probe aufs Exempel machte ein Reporter, der sich an verschiedenen Ecken im Bryant Park eine Kippe anzündete. Niemand protestierte – der libertäre Geist der Stadt scheint noch zu leben, trotz inzwischen drastischer Restriktionen für die Nikotinliebhaber.

An allen öffentlichen Orten der Stadt gilt schon seit acht Jahren ein Rauchverbot. Kaum ein Kneipenbesitzer widersetzt sich der Ordonnanz. Die Mehrheit der New Yorker scheint heute froh darum, dass man auf einen Cocktail oder zu einem Konzert gehen kann, ohne dass hinterher die Klamotten nach Nikotin stinken. Die Anzahl der Raucher ist seit 2002 um 20 Prozent gesunken, geschätzte 240000 Menschen weniger rauchen in der Stadt.

In anderen Teilen des Landes will man sich unterdessen ganz im Geist der konservativen Tea Party nichts von der Regierung verbieten lassen. In Staaten wie Tennessee, Alabama oder Texas wabern einem aus den Gaststätten noch immer dicke Rauchschwaden entgegen. Mit einer gehörigen Portion Trotz weigert man sich hier, den „Gesundheitswahn der Eliten“ an den Küsten mitzumachen. Elf Staaten der USA schränken das Rauchen bis heute in keiner Weise ein. smo

Brasilien: Bis der Kellner kommt

Einwohner: 195 Millionen
Raucher: 19% der Männer, 12% der Frauen

Keine Zigarette mehr zum Kaffee? Das 1996 ausgesprochene Verbotwar den meisten Gästen relativ egal. In „angemessen belüfteten“ Zonen war der Nikotingenuss ja weiter erlaubt, den sogenannten „fumódromos“. In Brasilien ist es warm, in den zur Straße offenen Bars und Cafés zirkuliert die Luft – deshalb hatten die Raucher auch auf Durchzug geschaltet, und selbst unter den 80 Prozent der nichtrauchenden Brasilianer stört sich kaum jemand daran. So ging das bis vor zwei Jahren. Da wurden die „fumódromos“ untersagt, und erstaunlicherweise wird das Verbot überwacht und eingehalten.

Das nimmt teils radikale Züge an: Selbst unter den Markisen vor den Kneipen ist das Rauchen verboten – so schnell kann man sich eine Zigarette gar nicht anzünden, wie der Kellner angewieselt kommt und ein kategorisches „não pode não“, das brasilianische Pendant zum „Gehtnich’“, ausspricht. Brasilianer neigen generell nicht zum Aufbegehren, sie fügen sich den Anweisungen des Personals, das ja auch nur den Vorschriften der Behörden Folge leistet. Und deshalb paffen sie im Zweifelsfall jenseits der Markise. Auch wenn es regnet. kth

Südafrika: Nicht vor den Kindern

Einwohner: 49 Millionen
Raucher: 27% der Männer, 8% der Frauen

Auch beim Rauchen befindet sich Afrika noch in der Prä-Moderne. Die Sucht ist bislang kein Massenphänomen, weil sich die große Mehrheit der Bevölkerung die Glimmstängel nicht leisten kann. Mancher Afrikaner raucht abends zur Feier des Tages grob geschnittenen Rohtabak, den er in Zeitungspapier rollt. In Kiosken gibt es (wie in Deutschland bis zu den 70er Jahren) Zigaretten im Zehnerpäckchen zu kaufen – viele Straßenhändler bieten sie sogar einzeln an.

Unter solchen Voraussetzungen sind strenge Gesetze kaum nötig. Allerdings weiß man von Schwellenländern wie China oder auch Südafrika, dass der Rauchkonsum proportional zum Prokopfeinkommen der Bevölkerung dramatisch ansteigt.

Deshalb hat Südafrika in den vergangenen Jahren seine Rauchergesetze drastisch verschärft. So ist das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden strikt verboten. Wer im Auto im Beisein eines Kindes unter zwölf Jahren raucht, macht sich genauso strafbar wie jene Inhalierer, die sich von den Eingängen öffentlicher Gebäude und Restaurants nicht weiter als fünf Meter entfernt halten.

Auch die Strafen wurden drastisch verschärft: Ein gesetzeswidriger Raucher kann mit umgerechnet 50 Euro belangt werden (was mehr als dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn für eine Woche entspricht), Restaurantbesitzer müssen sogar bis zu 5000 Euro Strafe berappen, wenn sie sich nicht an die Gesetze halten.

Allerdings ist die Strafverfolgung in dem Land, in dem jährlich mehr als 18?000 Menschen ermordet werden, vom europäischen Niveau noch weit entfernt. Statistiken, wieviele Süchtige im vergangenen Jahr tatsächlich wegen Regelverletzungen zur Kasse gebeten wurden, sucht man vergebens. jod

Deutschland: in der Einraum-Schänke

Einwohner: 81 Millionen
Raucher: 37% der Männer, 26% der Frauen

Die Republik qualmt auch im vierten Jahr nach Einführung des Rauchverbots in öffentlichen Räumen: In mehr als 80 Prozent aller heimischen Kneipen und Bars wird geraucht. Das stellten die Prüfer der Deutschen Krebshilfe fest, die den Nichtraucherschutz in 3000 Gastwirtschaften testeten.

Nur die Saarländer und Bayern halten sich derzeit strikt an die Verbote. Nach dem Volksentscheid wurde das Münchner Oktoberfest 2010 erstmals rauchfrei gefeiert. In Gaststätten aller anderen Bundesländer dürfen Wirte, die über einen getrennten Nebenraum verfügen, ihre Gäste weiter unbehelligt qualmen lassen.In Ein-Raum-Gaststätten bis zu einer Größe von 75 Quadratmetern ist Rauchen ohnehin erlaubt, sofern sie mit einem „Für Jugendliche unter 18 verboten“-Schild ausgestattet sind und keine aufwändig zubereiteten Speisen anbieten. Auch in Diskos darf geraucht werden, Bedingung: Es darf sich bei dem Nebenraum nicht um die Tanzfläche handeln.

Leidenschaftlichen Rauchern sei geraten, in die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens umzusiedeln; Düsseldorf belegt der Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zufolge den letzten Platz in punkto Nichtraucherschutz. In München dagegen dürften sich überzeugte Nichtraucher am besten aufgehoben fühlen, hier wird das Rauchverbot im Gastgewerbe seit August 2010 vorbildlich eingehalten. greg

Griechenland: Überall

Einwohner: 11 Millionen
Raucher: 63% der Männer, 39% der Frauen

Neun Monate sind vergangen, seit das griechische Gesundheitsministerium das Rauchen in allen geschlossenen öffentlichen Räumen untersagte. Aber inzwischen wissen alle: Das Rauchverbot ist eine Totgeburt – eigentlich keine große Überraschung in einem Land, wo 42 Prozent der über 15-Jährigen rauchen und die Menschen sich generell nicht gern vom Staat etwas vorschreiben lassen. Ungerührt und ungestört qualmen die Griechen weiter: in Restaurants und Cafés, in Ämtern und Büros, sogar in Krankenhäusern und Schulen.

Zwar drohen den Rauchern Bußgelder von bis zu 500 Euro, und Wirte, die blauen Dunst dulden, können gar mit Strafen von bis zu 10?000 Euro belegt werden – wenn jemand die Rauchverbote kontrollieren würde. Das obliegt den Kommunen. Doch die meisten Bürgermeister scheinen nicht gewillt, sich mit den Gastronomen und den Gästen anzulegen – schließlich sind Raucher auch Wähler.

Ganz anders sieht es in der benachbarten Türkei aus: Obwohl dort 60 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen rauchen, werden die Rauchverbote, die seit Juli 2009 in allen geschlossenen öffentlichen Räumen gelten, scharf kontrolliert und peinlich genau eingehalten. Anders als die Griechen sind die 77 Millionen Türken halt ein diszipliniertes Volk. Die Türkei liegt damit nach eigenen Angaben bei der Umsetzung des Rauchverbots weltweit auf Rang fünf, unter den europäischen Ländern sogar auf Platz drei. Außerdem rauchen die Türken weniger: Der Zigarettenverkauf ging seit Einführung der Rauchverbote um 13,3 Prozent zurück. öhl

China: Nur im Dienst

Einwohner: 1,3 Milliarden
Raucher: 59% der Männer, 4% der Frauen

Auch in den öffentlichen Räumen der raucherstärksten Nation der Erde gilt seit einem Monat ein offizielles Rauchverbot. Die jüngste Verordnung bestimmt, dass „der Betreiber eines solchen Raums auffällige Nichtraucherzeichen installieren“ muss und seine Angestellten vom Rauchen „abbringen“ soll. Gemeint sind Innenräume, etwa Schulen, Restaurants, Hotels, Museen, Parks, Amtsstuben – aber laut China Radio International fallen Büros nicht unter das Verbot, und von Strafmaßnahmen ist gar nicht die Rede. Andererseits: Raucherzonen im Freien dürfen künftig nicht mehr in der Nähe von Fußwegen eingerichtet werden, und Zigarettenautomaten haben aus dem „öffentlichen Raum“ zu verschwinden.

Es ist ein neuer Anlauf, den rund 300 Millionen Tabak-Konsumenten den blauen Dunst zu verleiden. Während der Olympischen Spiele in Peking und der Expo in Schanghai haben die Behörden es schon einmal versucht; die Raucher ignorierten das meistens.

Die westliche Industrie ist entzückt: „Über chinesische Raucherstatistiken nachzudenken, ist wie über die Grenzen des Weltraums zu sinnieren“, wird aus dem Hause Rothmans kolportiert.

Rauchverbote bestehen in manchen Einrichtungen allerdings seit Jahrzehnten. In Flughäfen zum Beispiel. Dies erfuhr ich vor 15 Jahren nach einem recht turbulenten Inlandsflug in der Millionenstadt Xian. Während ich den ersten Zug zu inhalieren begann, legten sich schwere Hände auf meine Schultern. Die Miliz. Fünf Euro (umgerechnet zum heutigen Kurs) kostete mich die Chose. Vielleicht floss das Bußgeld in die Taschengeld-Kasse der beiden Ordnungshüter. Während er kassierte, rauchte der eine unbekümmert weiter, direkt unter dem Verbotszeichen. Ich wies ihn zaghaft darauf hin. Seine Antwort: „Ich bin im Dienst“. gro

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