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Rauchen Zigaretten sind auch für die Umwelt ein Desaster

Rauchen schadet nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Planeten: Der Tabakanbau laugt die Böden aus und die Filter werden zum giftigen Müllproblem.

Die meisten Zigarettenkippen werden in die Landschaft, auf den Gehsteig, aus dem Fenster geschnippt. Weltweit machen Zigarettenkippen bis zu 50 Prozent der achtlos weggeworfenen Gegenstände aus. Foto: AFP

Man hätte sich keinen trefflicheren Ort ausmalen können für eine Konferenz im Namen des blauen Dunstes als New Delhi, Hauptstadt Indiens und inoffizielle Welthauptstadt der schlechten Luft. Anfang November, an einem Montag, an dem die mehr als 5000 Schulen der Stadt wegen Smog geschlossen blieben, kamen hier Abgesandte aus 180 Ländern zusammen, um über die weitere Umsetzung der WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle zu beraten. Der Vertrag der Weltgesundheitsorganisation, 2005 in Kraft getreten, ist einer der weitreichendsten in der Geschichte der Vereinten Nationen; er gilt, auf dem Papier, für rund 90 Prozent der Menschheit. Mit ihm sollen die gewaltigen gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme des Rauchens bekämpft werden.

„Die gesundheitlichen Auswirkungen des Tabakkonsums sind wohlbekannt“, stellte ein WHO-Bericht im Vorfeld der Konferenz fest. „Weniger Beachtung finden jedoch die beträchtlichen Folgen für die Umwelt, die Tabakproduktion und -konsum mit sich bringen.“ Jede Kippe für sich genommen: nur ein kleines Umweltproblem. Die Summe dieser Miniprobleme ergibt jedoch ein gewaltiges von globalen Dimensionen. Weltweit rauchen eine Milliarde Menschen. Zusammen lassen sie jedes Jahr rund 6000 Milliarden Zigaretten in Rauch aufgehen, selbstgedrehte nicht mitgerechnet. Die Delhi-Delegierten möchten das ändern, wollen bei Politikern und in der Öffentlichkeit das Problembewusstsein schärfen. Sie wissen, das wird nicht einfach. Der Tabak ist eine Kulturpflanze, für die das menschliche Talent zum Verdrängen so lebensnotwendig ist wie die Sonne und der Regen.

Sie gedeiht gut. Die Menge des weltweit geernteten Tabaks hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten fast verdoppelt. 1963 lag die Produktion bei knapp 4,3 Millionen Tonnen, 2013 bei fast 7,5 Millionen Tonnen. Der bei weitem größte Rohtabakproduzent ist China, gefolgt von Brasilien und Indien, den USA, Indonesien und Malawi. Alle Tabakfelder der Welt nebeneinander gereiht bilden eine Fläche größer als die Schweiz. Eine Fläche, auf der die Böden auslaugen, sich mit Chemikalien vollsaugen – und nach und nach erodieren.

„Tabak ist ein durchweg unnachhaltiges Produkt, von Anfang bis Ende“, sagt Sonja von Eichborn, Mitautorin der Studie „Tabak: unsozial, unfair, umweltschädlich“ von Brot für die Welt, Unfairtobacco.org und dem Forum Umwelt und Entwicklung. Am Ende: ein Produkt, an dem seine Konsumenten zugrunde gehen. Am Anfang: eine Pflanze, so überzüchtet, so überdüngt, so chemieabhängig, dass sie Länder und Leute ruiniert, die sich dauerhaft auf sie einlassen. Um eine Tonne Rohtabak zu erzeugen, werden knapp 3000 Kubikmeter Wasser benötigt. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei Mais. Nicht weniger gierig ist das Nachtschattengewächs bei den Nährstoffen. Im Vergleich zu Mais oder Reis entzieht er dem Erdreich ein Vielfaches an Kalium, Phosphor und Stickstoff. Die Böden erodieren zudem schneller als bei allen anderen Nutzpflanzen: mehr als fünfmal so rasch wie etwa beim Anbau von Baumwolle.

Doch Tabak ist nicht nur bemerkenswert durstig und hungrig, sondern auch anfällig für Schädlinge und Blattkrankheiten – vor allem in jenen feuchtwarmen Regionen, wo sich nicht nur der Tabak, sondern auch der Blauschimmel und andere Pilzarten wohlfühlen. Viele Bauern greifen deshalb tief in den Chemiekasten. „Tabak ist insgesamt eine aufwendige Pflanze, die viele Pestizide braucht“, sagt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. „Und sie wird vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern angebaut, in denen die Umweltauflagen nicht besonders hoch sind oder schlicht nicht eingehalten werden.“ Mancherorts könne man Tabak überhaupt nur anbauen, weil dort exzessiv Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen, sagt Udo Kienle vom Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim. „Darunter sind einige Mittel, die in der EU längst verboten sind, weil sie unter Umweltschutzgesichtspunkten oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr tragbar waren.“ Europa exportiert Umweltprobleme, wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch.

Es gibt allerdings auch Probleme, die sich wegen ihres globalen Ausmaßes nirgendwohin exportieren lassen. Wie den Klimawandel. „In manchen Gebieten Afrikas findet tabakbedingt eine großflächige Abholzung statt“, erklärt Kienle. „Um Tabakblätter zu trocknen, werden ganze Wälder gerodet.“ Falls sie nicht schon gefällt wurden, um neue Flächen für den Tabakanbau zu schaffen. Beidem zusammen, Anbau und Trocknung, fallen weltweit jedes Jahr mindestens 200 000 Hektar Wald zum Opfer – Waldgebiete, die einerseits beim Verbrennen große Mengen CO2 freisetzen und andererseits als Kohlenstoffspeicher nicht mehr zur Verfügung stehen.

Besonders rodungsintensiv ist der Virginia-Tabak, aus dem Zigaretten großteils bestehen. Während manche Tabaksorten sonnen- oder luftgetrocknet werden, benötigt Virginia-Tabak eine Trocknung im Heißluftverfahren. Dafür könnte theoretisch ein kohle-, strom- oder solarbetriebener Ofen sorgen – auf der Webseite von British American Tobacco (Lucky Strike, HB, Pall Mall etc.) ist denn auch betont neutral von einer „externen Wärmequelle“ die Rede. Tatsächlich greifen die Bauern in Afrika, Asien und Südamerika mangels Alternativen oft zum Naheliegendsten und Günstigsten: Bäumen. Um ein Kilogramm Virginia-Tabak zu trocknen, werden bis zu neun Kilogramm Holz verheizt. Auf diese Weise emittiert jede Zigarette ihre größte Rauchwolke schon vor dem Anzünden.

Und nach dem Anzünden, mit dem Erlöschen der Glut, wird aus dem Klimaproblem Zigarette ein Müllproblem. Auch das hat globale Ausmaße. Die meisten Zigarettenkippen, weltweit schätzungsweise drei Viertel, werden achtlos in die Landschaft, auf den Gehsteig, aus dem Fenster geschnippt. Ein Filter für sich genommen wiegt fast nichts. Alle Filter zusammen ergeben einen mehr als 750 000 Tonnen schweren Plastikberg. „Filter zersetzen sich extrem langsam. Und beim Rauchen sammeln sich darin sehr viele Schadstoffe an, die dann ins Wasser und den Boden abgegeben werden“, so Katrin Schaller vom DKFZ. „Diese Kippen sind quasi eine Art Sondermüll.“

Weltweit machen Zigarettenkippen bis zu 50 Prozent der achtlos weggeworfenen Gegenstände aus. Die Filter bestehen zum größten Teil aus Celluloseacetat-Fasern, die sich durch foto- und biochemische Prozesse in der Natur nur sehr langsam abbauen. Und sie sind angereichert mit all den Problemstoffen, die eine Zigarette zu bieten hat: Arsen, Blei, Cadmium beispielsweise. Aromatische Kohlenwasserstoffe. Pestizidrückstände. Nikotin natürlich und Teer. Fische, Vögel und Meeressäuger verwechseln Filter mit Futter und vergiften sich daran. Auch Tiere, die den Filter nicht verschlucken, können an ihm zugrunde gehen. In einem Experiment mit Wasserflöhen wurden diese Wasser ausgesetzt, das mit zwei benutzten Zigarettenfiltern pro Liter kontaminiert war. Keiner der Flöhe überlebte dies länger als zwei Tage.

Als Alternative sind biologisch abbaubare Zigarettenfilter im Gespräch. Doch davon hält Elizabeth Smith, Professorin für Sozial- und Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien in San Francisco, nicht viel: „Diese Idee führt uns auf eine völlig falsche Fährte. Untersuchungen zeigen, dass biologisch abbaubare Filter das Problem sogar noch verschärfen könnten.“ Solche „Bio-Filter“ würden noch mehr Raucher dazu animieren, ihre Kippen in die Landschaft zu schnippen.

Deutschland als Tabakindustrie-Standort

Allerdings dürfte es selbst unter idealen Bedingungen Monate dauern, ehe diese zumindest nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen sind. Und das Problem der im Filter steckenden Giftstoffe wäre keineswegs aus der Welt – nur eben schneller unsichtbar. Smith, die seit vielen Jahren über den gesellschaftlichen Einfluss der Tabakindustrie und die politischen Möglichkeiten der Tabakregulierung forscht, sagt: „Höchstwahrscheinlich kann allein das Verbot von Einwegfiltern Abhilfe schaffen.“ Die Abschaffung von Einwegfiltern ist auch eine der zentralen Empfehlungen des WHO-Berichts, der im Vorfeld der Delhi-Konferenz veröffentlicht wurde. Eine weitere ist, die Industrie entschiedener für die Umweltfolgen von Tabakproduktion und -konsum haftbar zu machen.

Die Internalisierung externer Effekte ist eine naheliegende Forderung – doch aus Sicht der Tabakindustrie eine existenziell bedrohliche. Schließlich funktioniert ihr Geschäftsmodell nur deshalb, weil der Großteil der Folgekosten für die Umwelt sowie für die Gesundheit der Raucher und Passivraucher auf die Gesellschaft abgewälzt wird. Das DKFZ beziffert allein die Gesundheitskosten in Deutschland auf rund 80 Milliarden Euro. Würde man diese Kosten einpreisen, läge der Verkaufspreis für eine Schachtel Zigaretten bei 11,30 Euro.

Deutschland ist einer der wichtigsten Standorte der Tabakindustrie, bis auf die China National Tobacco Corporation sind alle großen Zigarettenkonzerne mit Produktionsstätten vertreten. Um die 160 Milliarden Zigaretten exportiert Deutschland jährlich, so viel wie kaum ein anderes Land. Der deutsche Markt selbst ist mit rund 80 Milliarden versteuerten (und mehreren Milliarden als Schmuggelware unversteuert gekauften) Zigaretten der größte Westeuropas. „Deutschland ist neben Bulgarien das einzige Land in Europa, wo noch Plakatwerbung für Zigaretten erlaubt ist“, so von Eichborn. Das müsste seit Jahren verboten sein – wenn die Regierung die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle ernst nehmen würde. Laut Vertragstext verpflichteten sich alle Länder, innerhalb von fünf Jahren nach Inkrafttreten, also spätestens 2010, „ein umfassendes Verbot aller Formen von Tabakwerbung, Förderung des Tabakverkaufs und Tabaksponsoring“ zu erlassen. Dass das in Deutschland noch nicht passiert ist, überrascht Sonja von Eichborn nicht: „Das Gesundheitsministerium richtet sich an der deutschen Regierungspolitik aus. Und die lautet nicht: die Tabakindustrie abwürgen. Im Gegenteil.“

Würden Deutschland und die anderen 179 Unterzeichnerländer der WHO-Rahmenkonvention Ernst machen und der Zigarettenkonsum nähme rapide ab, wäre das global gesehen wie ein kalter Entzug: kurzfristig Nervosität und Unwohlsein, langfristig gesteigerte Lebensqualität. Das gilt sogar für Malawi, den tabakabhängigsten Staat der Welt, wo Zehntausende Tabakbauern in sklavenähnlichen Zuständen leben – allerdings wäre für eine Übergangszeit wohl internationale Hilfe nötig. „In Malawi hat der Tabak in den vergangenen Jahren die Hälfte der Exporterlöse ausgemacht“, erklärt von Eichborn. „Wenn dort von einem Tag auf den anderen alle nur noch ökologischen Gemüselandbau betreiben würden, hätte der Staat keine Devisen mehr.“

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