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Rabiate Erziehung Das Muttermonster

Amy Chua drillt ihre Töchter und schockt mit einem Erziehungsbuch die Welt. Darin wirft sie die Frage auf, ob eine Dreijährige bereits Sartre lesen muss.

27.01.2011 16:55
Katja Irle
Bestseller-Autorin und gestrenge Mutter: Amy Chua. Foto: dapd

Amy Chua drillt ihre Töchter und schockt mit einem Erziehungsbuch die Welt. Darin wirft sie die Frage auf, ob eine Dreijährige bereits Sartre lesen muss.

Die Mutter des Erfolgs sieht nicht aus wie jemand, der Kinder quält. Bilder und Videos zeigen sie mit einem zauberhaften Lächeln. Ihre Stimme ist samtweich, der Blick freundlich und selbstbewusst. Kann diese Frau mit dem Engelsgesicht zur Monster-Mom mutieren? Sie kann.

Oder besser: Sie konnte es als Autorin eines Buches, das in den USA wegen seiner Monstrosität in Erziehungsfragen gerade zum Bestseller wird. Seit dieser Woche gibt es das Buch auch auf Deutsch: „Die Mutter des Erfolgs“.

Mittlerweile ist die echte Amy Chua kaum noch von ihrer Projektion im Buch zu trennen. Im freundlichsten Fall ist das eine etwas verrückte Chinesin, die bei der Erziehung schlicht den Faden verloren hat. Im unfreundlichsten eine Brutalo-Pädagogin, die ihre beiden Töchter mit stundenlangem Klavierüben ohne Pipipausen auf die Psychiater-Couch treibt. Das hat ihr in den USA bereits Morddrohungen eingebracht. Im Video-Portal Youtube kursiert ein Animationsfilm, der sie als Feuer speienden Drachen zeigt, während die beiden Töchter in Sträflingskleidung Klavier und Geige üben. Ein neuer Begriff macht nun in der Fachwelt die Runde: „Aggressive Parenting“, eine Art Angriffs-Erziehung, die den Nachwuchs auf den Weg nach oben vorbereitet.

Mit drei Jahren Sartre gelesen

Trotz aller Anfeindungen scheint Amy Chua davon überzeugt, dass Kinder nur durch Erfolgserlebnisse glücklich werden. Das heißt in ihrer Definition: Das Optimum ist gerade gut genug, und der Weg dorthin ist ein chinesischer. Vergleichsstudien wie Pisa geben der Tiger-Mutter vordergründig recht: Die Paukschüler aus Schanghai lassen die westliche Konkurrenz in den Tests weit hinter sich.

Chuas Tochter Sophia soll schon mit 18 Monaten das Alphabet perfekt beherrscht haben. Den Einwand ihres Kinderarztes, das sei unmöglich, lässt die Juristin nicht gelten. Glaubt man Amy Chua, dann las Sophia bereits mit drei Jahren Sartre in englischer Übersetzung. Immerhin wusste das Kind damit schon früh, dass die Hölle immer die anderen sind – einer der bekanntesten Sätze Sartres. Manchmal ist es eben auch die eigene Mutter.

Chuas Stil geht selbst dem deutschen Disziplin-Papst Bernhard Bueb zu weit („Lob der Disziplin“, „Von der Pflicht, zu führen“). „Mich stört die Maßlosigkeit, mit der Frau Chua ihre chinesische Pädagogik vertritt“, sagt der ehemalige Leiter des Elite-Internats Salem – was ihn jedoch nicht daran hindert, auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe grundsätzlich für die Lektüre zu werben. Man kann sie fast durchs Telefon erkennen, die zwei Seelen in Buebs Pädagogen-Brust. Zwar hält er Chuas Methoden für zu radikal, doch wenn sie von der chinesischen Selbstdisziplin spricht, geht Bueb das Herz auf. Man müsse Kindern mehr abverlangen, sagt er: „Gerade begabte Kinder vertragen einen härteren Erziehungsstil.“

Und weil das ein bisschen nach „Gorch Fock“ für Schüler klingt, beleuchtet Bueb noch schnell die Schattenseiten der chinesischen Erziehungsmethoden. Die kennt er, weil betuchte chinesische Eltern ihre Kinder gern zur Ausbildung nach Salem schicken. Er habe schnell gelernt, dass man nur jene chinesischen Kinder aufnehmen sollte, die auf jeden Fall den Schulabschluss schaffen würden: „Ansonsten hätten sie bei der Rückkehr in die Heimat ihr Gesicht verloren und vor dem Nichts gestanden.“

Das „Alles-oder-nichts“-Prinzip verfolgt auch Amy Chua. Damit ihre Kinder die Besten der Besten werden, hat sie eiserne Regeln aufgestellt: Ihre Töchter durften nie bei anderen übernachten, wertvolle Zeit bei Kinderpartys oder beim Spielen am Computer verplempern. Geige und Klavier mussten sie hingegen täglich mehrere Stunden üben – auch im Urlaub.

Vor diesem gigantischen Programm aus Konsequenz und Unerbittlichkeit schrumpfen die musikalischen Ambitionen westlicher Bildungsbürger auf die Größe einer Klaviertaste. Amy Chua kann über diese Kuschelpädagogik nur milde lächeln: „Meine westlichen Freunde, die sich als strenge Eltern bezeichnen, ließen ihre Kinder jeden Tag dreißig Minuten, maximal eine Stunde üben. Bei der chinesischen Mutter ist die erste Stunde der leichtere Teil. Hart wird es in der zweiten und dritten Stunde.“

So schlimm? Nicht wirklich. Selbstironie nennt die Autorin ihr Werk inzwischen, ein Erziehungsratgeber sei das natürlich nicht. Als Dozentin einer Eliteuniversität hat sie sich mit ganz anderen Themen befasst – und zwar sehr seriös. Vor einigen Jahren erschien etwa ihr Buch „World on Fire“ , in dem es um Gerechtigkeit und Diskriminierung in der globalisierten Welt geht.

Leser sollten bei der Lektüre von Chuas Erziehungstipps nicht alles völlig ernst nehmen. Und ganz sicher versöhnt die hübsche Buch-Episode, in der die Wunder-Tochter Lulu eigenmächtig die Geige gegen einen Tennisschläger tauscht: „Mama, ich hab’s kapiert. Ich habe dich beobachtet und eine Million Mal deine Vorträge gehört. Aber ich will nicht, dass du mein Leben kontrollierst.“

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