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Prozess wegen Containern Wem gehören die Kekse im Müll?

Karsten Hilsen hatte weggeworfene Kekse einer Bäckerei eingesteckt und steht nun vor Gericht. Containern - also das Sammeln weggeworfener Lebensmittel - ist längst Alltag in deutschen Städten. Hilsen wehrt sich nun dagegen, als Krimineller behandelt zu werden.

13.02.2012 18:03
Anne Lena Mösken
Ist die Verwertung weggeworfener Kekse strafbar? Karsten Hilsen (vorne) muss sich wegen dieser Frage vor Gerichte verantworten. Foto: dpa

Wenn ein kleiner Junge von seiner Mutter den Hintern versohlt bekommt, dann bleibt die Botschaft dahinter manchmal ein ganzes Leben lang erhalten. „Brot ist kostbar, Karsten“, schrie die Mutter, die ein Kind des Krieges war, 1945 zu Fuß geflohen von Danzig nach Norddeutschland. Und der Junge bereute sehr, dass es so viel Spaß gemacht hatte, das Brot aus der Küche an die Hühner auf dem Hof zu verfüttern.

Heute ist Karsten Hilsen 52 Jahre alt, er lebt in einem Bauwagen am Stadtrand von Lüneburg und steht vor Gericht, weil er sich an das hielt, was die Mutter ihm beibrachte. Mehrere Jahre lang ernährte er sich von Lebensmitteln, die Supermärkte und Bäckereien in den Müll werfen.

Oft sind die durchaus noch gut, nur ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen und die Produkte können deshalb nicht länger in den Regalen stehen. Hilsen zog nachts los und belud die Packtaschen seines Fahrrads mit Essbarem, das niemand mehr haben wollte. Manchmal gab es sogar Hummer.

In einer Nacht im August 2010 wurde Hilsen schließlich vom Sicherheitsdienst einer Lüneburger Großkonditorei angehalten. Er hatte einen Eimer dabei, der randvoll mit abgelaufenen Keksen war. Der Sicherheitsdienst rief die Polizei, Hilsen wurde verhaftet und die Konditorei erstattete Strafanzeige.

Karsten Hilsen hat Gleichgesinnte auf der ganzen Welt. Containern ist längst Teil einer politischen Bewegung, dem Freeganismus, bei dem es darum geht, sein Leben ohne Konsum zu führen. Containern ist auch ein Protest gegen die Wegwerfgesellschaft. Und längst sind Containerer gut organisiert. In Wien beispielsweise haben sie die Bezirke der Stadt aufgeteilt und sie treffen sich nach ihren Streifzügen, um das Gesammelte untereinander aufzuteilen.

Immer wieder Festnahmen

Nun ist es in Wien so, dass der Müll als „herrenlose Sache“ gilt. Der Müll gehört niemandem. In Deutschland hingegen ist Müll Eigentum. Immer wieder werden Containerer hier also festgenommen, wenn sie nachts erwischt werden. 2004 wurde eine Kölnerin angeklagt, 2009 wurde gegen zwei Sachsen ermittelt. Bisher wurden die Verfahren jedoch, meist wegen Geringfügigkeit, immer eingestellt. Grundsätzlich geklärt ist bis heute also nicht, ob Containern nun strafbar ist oder nicht.
Das Lüneburger Landgericht muss deshalb nun auch die Frage verhandeln: Wem gehört der deutsche Müll? Der Konditorei? Dann müsste sie Karsten Hilsen eigentlich dankbar sein, weil er ihr die Entsorgungskosten für die Kekse erspart hätte. Dem Abfallunternehmen? Oder doch, wie in Österreich, prinzipiell niemandem und deshalb jedem?

Es ist nicht das erste Mal, dass Hilsen vor Gericht steht. Er ist seit vielen Jahren aktiv in der Anti-Atomkraft-Bewegung, kettet sich an Schienen, wenn der Castor rollt. Vorbestraft ist Hilsen jedoch nicht.

Sein Leben war nie gradlinig verlaufen, er hat mal Jura in Berlin studiert, dann irgendwann mit seiner Frau einen alten Bauernhof restauriert und als Tagungsstätte vermietet, bis mit der Scheidung die Insolvenz kam. Die vergangenen fünf Jahre hat er sich durchgeschlagen, auf dem Bau gearbeitet und zuletzt als Verfolger bei einem Ballonunternehmen, da fuhr er mit dem Auto hinter den Heißluftballons her, um am Ende des Fluges die Ausrüstung einzusammeln.

Nur ist die Ballonfahrt ein Saisongeschäft und so lebte Hilsen mit wenig Geld. Zum Arbeitsamt wollte er nie, er scheut die Bürokratie, sagt er. Er will kein Geld vom Staat, solange es irgendwie anders geht. Und es ging ja anders: Er containerte auch, weil er es sich nicht leisten konnte, frische Lebensmittel zu kaufen.

In der ersten Instanz des Keksprozesses wurde er Anfang Januar vergangenen Jahres zu einer Geldstrafe von 125 Euro verurteilt. Nicht wegen Diebstahls allerdings, sondern wegen Hausfriedensbruchs. Karsten Hilsen ist in Berufung gegangen. Er sagt, er sei empört darüber, als Krimineller behandelt zu werden, wo er doch nur Lebensmittel vor der Verschwendung retten wollte.

Zu den Verhandlungen sind auch deshalb immer viele Unterstützer gekommen. Schon in der ersten Instanz störten sie immer wieder den Ablauf, eine Aktivistin der Umweltschutzgruppierung Robin Wood wurde sogar des Saales verwiesen. Andere trugen Transparente, auf denen stand: „Kriminalisierung geht uns auf den Keks – Gerichte sind zum Essen da.“


Am Dienstag, 14. Februar, wird nun das Urteil erwartet.

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