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Prozess Plädoyer für den Angeklagten Kachelmann

Psychologie-Professor Günter Köhnken sieht in der Aussage des vermeintlichen Opfers Sabine W. einen „eklatanten Strukturbruch“ und spricht phasenweise sehr für Kachelmann.

09.05.2011 16:26
Christoph Albrecht-Heider
Der Sachverständige Günter Köhnken. Foto: dpa

Sagt Sabine W. die Wahrheit? Oder will sie Jörg Kachelmann ans Messer liefern? Die 38 Jahre alte Radiomoderatorin aus Schwetzingen hat wieder und wieder die Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 geschildert. An vier verschiedenen Tagen hat sie ihre Version Polizei und Staatsanwaltschaft erzählt, zwei Tage der Psychologie-Professorin Luise Greuel Rede und Antwort gestanden, später auch dem Psychiater Hans-Ludwig Kröber und schließlich rund 22 Stunden dem Gericht. Ihre Berichte über die von ihr behauptete Vergewaltigung sind „dünn“, „detailarm“, sie fülle „Lücken durch Plausibilitätsschlüsse“. Das sagen alle Experten. Dagegen erzählt sie – auch da sind sich die Gutachter einig – sehr ausführlich über das Trennungsgespräch, das nach ihrer Darstellung der angeblichen Vergewaltigung in ihrer Schwetzinger Wohnung vorausging.

Von einem „eklatanten Strukturbruch in der Aussage“ spricht demzufolge Psychologie-Professor Günter Köhnken, 62. Sabine W. sei intellektuell „zu einer hochqualitativen Aussage in der Lage, produziert aber eine schwache“. Köhnkens Ausführungen an diesem 40. Verhandlungstag vor der 5. Großen Strafkammer des Mannheimer Landgerichts klingen phasenweise wie ein Plädoyer – für Kachelmann.

Kontaminierte Autosuggestion

Mit aussagepsychologischen Methoden, das wird später an diesem Tag Luise Greuel sagen, kann der Wahrheitsgehalt einer Aussage nicht bestätigt werden. Aussagepsychologen versuchen stattdessen, bestimmte Hypothesen auszuschließen. Köhnken legt sich da zuungunsten von Sabine W. fest. Er hält für möglich, dass sie über jene Nacht mit Kachelmann absichtlich Falsches sagt.

Eine andere Aussagevariante wäre, im forensischen Jargon, die kontaminierte Autosuggestion. Anders gesagt: Eine von selbst erzeugten Umdeutungen, Ausschmückungen bestimmte Erzählung, die auf einem tatsächlichen Erlebnis basieren kann. Nein, sagt Köhnken, das halte er in diesem Fall „nicht für denkbar“. Sabine W. hätte ihre Geschichte in den 5, 6 Stunden zwischen dem Weggang Kachelmanns und dem Besuch bei den Eltern, dem die Anzeige bei der Polizei folgte, erfinden müssen. Die Zeit sei zu kurz gewesen. Auch kann nach Köhnkens Meinung das Entsetzen Sabine W.s über das Beziehungsende in dieser Nacht nicht so groß gewesen sein, da sie von der Existenz einer Nebenbuhlerin wusste.

„Massive Selbstbilderschütterung“

Köhnken, der für sein Gutachten auch auf die Aussageprotokolle angewiesen war, kritisiert die Vernehmungen der Schwetzinger Polizei am 9. und 11. Februar , die bei dem Hauptthema, der Vergewaltigung, kaum nachgehakt hätten. Bei der „akribischen Vernehmung“ durch die Kammer im Herbst seien „die Probleme größer statt kleiner“ geworden. Eigentlich „müssten wir erwarten, dass alles, was das Messer betrifft, besonders gut erinnert wird“. Stattdessen habe Sabine W. auf Detailfragen zum Ablauf des Kerngeschehens, der angeblichen Vergewaltigung unter Einsatz einer Waffe, immer wieder „weiß ich nicht“, „kann ich mich nicht erinnern“ geantwortet. Auf die Frage von Richter Joachim Bock: „Wenn die Nebenklägerin lügt, warum lügt sie so furchtbar schlecht?“ weiß aber auch Köhnken keine Antwort.

Luise Greuel, die an diesem Tag noch einmal auftritt, schließt im Gegensatz zu Köhnken eine andere Hypothese nicht aus und erläutert öffentlich, was sie am 38. Verhandlungstag nichtöffentlich ausführte. Die Trennung von Kachelmann in jener Nacht habe eine „massive Selbstbilderschütterung“ bedeutet, die zu „Wahrnehmungsdefiziten“ bei der behaupteten Vergewaltigung geführt haben könnten.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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