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Prozess Killerkommando in der Garage

Zum ersten Mal stehen zwei ausländische Geheimdienstgeneräle vor einem deutschen Gericht und müssen sich für den Mord an einem Exilkroaten vor 31 Jahren verantworten.

16.10.2014 14:24
Andreas Förster
Der frühere kroatische Geheimdienstgeneral Josip Perkovic muss sich wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Foto: afp

Stjepan Durekovic ist in Eile, als er am Vormittag des 26. Juli 1983 seine Wohnung in München verlässt. Mittags gegen halb zwölf ist er an einer Brücke in Wolfratshausen verabredet, einem Vorort von München. Dort will er sich mit seiner neuen Freundin treffen, zu einer Schlauchbootfahrt auf der Isar. Zuvor aber muss der 57-Jährige noch auf die Post und Grillfleisch einkaufen, für das Picknick am Nachmittag. Und er muss noch in die Druckerei eines Freundes fahren, um dort ein Manuskript abzugeben.

Trotz aller Hast schaut sich Durekovic aufmerksam um, als er sein Haus verlässt. Der Kroate fühlt sich bedroht und verfolgt, seit er ein Jahr zuvor sein Heimatland verlassen hat. Er weiß, dass der jugoslawische Geheimdienst Regimegegner im Ausland überwachen und auch töten lässt. Erst vor wenigen Monaten ist ein Kroate auf einem Feld nahe München zu Tode geprügelt worden, zwei Jahre zuvor waren zwei andere Dissidenten in München ermordet worden. Und auch er selbst ist davon überzeugt, dass man ihn überwacht. Denn Durekovic ist ein aufsteigender Aktivist in der gewaltfreien Dissidentenszene, in wenigen Monaten soll er in das Exilparlament des weltweit organisierten kroatischen Nationalrats gewählt werden. Und nicht nur das: Durekovic weiß auch viel von Korruption und schmutzigen Geldgeschäften im jugoslawischen Mineralölkonzern INA. In dem Staatskonzern war er bis zu seiner Flucht als Marketingdirektor tätig. Es ist ein Wissen, das für hohe Parteikader in seiner kommunistischen Heimat gefährlich ist.

Nach dem Besuch auf der Post und dem Einkauf fährt Durekovic nach Wolfratshausen, zum Grundstück seines Freundes Krunoslav Prates. Es ist jetzt kurz nach 11 Uhr. Prates ist an diesem Tag nicht in der Stadt, aber Durekovic hat zu dessen Garage, in der sich eine kleine Druckerei befindet, einen Schlüssel. Dort soll er – so ist es mit Prates abgesprochen – an diesem Vormittag seinen Artikel hinterlegen, der für die aktuelle Ausgabe einer regimekritischen Zeitung gedacht ist.

Durekovic schließt das Garagentor auf und tritt ein. Das hereinfallende Sonnenlicht reicht ihm, um sich in dem halbdunklen Raum zurechtzufinden. Als er an einen Kopierer tritt, der mitten im Raum steht, und sein Manuskript darauf legt, fallen plötzlich Schüsse. Durekovic wird an der Hand und an beiden Armen getroffen. Blitzschnell dreht er sich um, läuft in Richtung Ausgang. Wieder fallen Schüsse, zwei, sie treffen ihn in den Rücken. Kurz vor dem Eingangstor der Garage, direkt neben einer Holzpalette, sinkt er auf die Knie. Ein sechster Schuss fällt, der letzte. Er trifft ihn in den Hinterkopf. Durekovic fällt nach vorn, bleibt regungslos liegen. Aus dem Halbdunkel der Garage laufen nun die Angreifer zu ihm. Einer von ihnen schlägt mit einem Haumesser auf den Schädel des Opfers ein, immer wieder, wie in blinder Raserei. Nur wenige Minuten später ist Durekovic tot.

Geheimdienste an anderen Staat ausgeliefert

Die Spurensicherung ergibt, dass es sich um drei Täter gehandelt haben muss. Sie müssen in der verschlossenen Garage auf ihr Opfer gewartet haben. Bis heute sind die Mörder nicht identifiziert. Dafür aber glauben die Ermittler, ihre mutmaßlichen Auftraggeber zu kennen. Diese stehen jetzt, mehr als drei Jahrzehnte nach dem brutalen Mord in der Wolfratshausener Garage, vor Gericht: Vom heutigen Freitag an müssen sich die beiden früheren kroatischen Geheimdienstgeneräle Josip Perkovic, 69 Jahre alt, und Zdravko Mustac, 73, wegen Beihilfe zum Mord vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Der Prozess ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Premiere. Erstmals hat ein europäisches Land zwei seiner höchsten Geheimdienstoffiziere an einen anderen Staat ausgeliefert, damit sie dort vor Gericht gestellt werden. Jahrelang hatte sich Kroatien dagegen gewehrt, letztlich aber knickte die Regierung auf Druck Deutschlands und der EU ein. Im Januar und April 2014 wurden Perkovic und Mustac nach Deutschland überstellt, seitdem sitzen sie im bayerischen Landsberg in Haft.

Und auch für die Bundesrepublik ist das Verfahren etwas Besonderes. Erstmals verhandelt ein deutsches Gericht gegen zwei Verantwortliche der schlimmsten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwischen 1945 und 1989 sind nach Untersuchungen von Experten insgesamt 67 kroatische Staatsbürger in Deutschland aus politischen Gründen ermordet worden.

Wie viele von ihnen der SDS, die kroatische „Filiale“ des jugoslawischen Staatssicherheitsdienstes, auf dem Gewissen hat, weiß niemand genau. Über 30 sollen es seit den 1960er Jahren nach Schätzungen von Experten gewesen sein. Ermittler gehen davon aus, dass allein zwischen 1970 bis 1989 mindestens 22 Morde in Deutschland vom SDS in Auftrag gegeben wurden. Die Opfer waren zum einen militante Gegner des kommunistischen Regimes, Terroristen, die Anschläge in Jugoslawien planten oder bereits durchgeführt hatten; zum anderen aber gerieten auch gewaltfreie Publizisten und Dissidenten wie Durekovic auf die Todeslisten des SDS, weil sie politische Aktivitäten gegen Belgrad betrieben oder von kriminellen Machenschaften der politischen Elite in ihrem Heimatland wussten.

Die politischen Auftragsmorde geschahen dabei unter den Augen des deutschen Staates. Denn die Behörden, insbesondere die hiesigen Geheimdienste, wussten um den blutigen Untergrundkrieg, den Belgrad auf deutschem Boden führte. Führten doch Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst eine Vielzahl von Quellen unter den 9500 Exilkroaten in der Bundesrepublik. Von diesen Quellen erfuhren die Dienste und damit auch die Bundesregierung, dass die Morde an Dissidenten und Radikalen vom Belgrader Regime angeordnet worden waren.

Dennoch kam es in Deutschland nur zu wenigen Strafverfahren, die noch dazu ausschließlich Helfershelfer betrafen. Der FDP-Politiker Gerhart Baum, der von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister war und in dessen Amtszeit gleich mehrere Exilkroaten in Deutschland ermordet wurden, zeigt heute wenigstens einen Anflug von Reue. Er habe damals geahnt, dass der jugoslawische Geheimdienst hinter den Morden stecke, räumte Baum kürzlich in einem Fernsehinterview ein. Das Ganze sei ein „Eingriff in Deutschlands Souveränität“ gewesen. „Das konnten wir uns nicht bieten lassen, aber was sollten wir tun?“, fragte Baum.

Er spielt damit auf die geopolitischen Interessen des Westen im kalten Krieg an. Das Belgrader Regime des 1980 verstorbenen Marschalls Josip Broz Tito und seiner Nachfolger verfolgte zwar unbarmherzig seine politischen Feinde bis ins Ausland – rund 200 Morde und Entführungen weltweit werden dem jugoslawischen Geheimdienst angelastet. Aber der Westen schaute großzügig weg, denn Jugoslawien stand an der Spitze des Verbundes der sogenannten blockfreien Staaten, die man gern gegen den Warschauer Pakt in Stellung brachte. Außerdem pflegte insbesondere der BND informelle Kanäle nach Belgrad, weil der Vielvölkerstaat auf dem Balkan wichtiges Transitland für Terroristen und Waffenlieferungen in den Nahen Osten war. Pullach fürchtete, bei einem Vorgehen gegen jugoslawische Dienste von Informationen etwa über die Reisewege deutscher RAF-Terroristen abgeschnitten zu werden.

Hofierter Tito

Das alles führte auch dazu, dass Tito von der Bundesregierung hofiert wurde. Willy Brandt traf sich mehrmals mit dem Marschall, Bundespräsident Gustav Heinemann verlieh dem Diktator 1974 sogar die Sonderstufe des Großkreuzes, Deutschlands höchsten Verdienstorden. Dabei hatte Tito erst acht Jahre zuvor im „Grundgesetz über die inneren Angelegenheiten“ Jugoslawiens den Einsatz von Agenten gegen Regimegegner im Ausland ausdrücklich legitimieren lassen. Ziel war die „Passivierung“ solcher Emigranten, von denen aus Sicht des Geheimdienstes eine besondere Gefahr gegen den Tito-Staat ausgeht. Im Prozess gegen Perkovic und Mustac, die innerhalb des SDS für die Bekämpfung der „feindlichen Emigration“ zuständig waren, werden diese politischen Hintergründe zur Sprache kommen. Wichtiger aber dürften für das Gericht die Aussagen damaliger Tatbeteiligter und Mitwisser sein. Etwa von Krunoslav Prates, in dessen Garage Durekovic 1983 ermordet wurde. Der 1971 nach Deutschland geflohene Prates war Generalsekretär der europäischen Sektion des Kroatischen Nationalkomitees, der wichtigsten politischen Widerstandsbewegung – und gleichzeitig unter den Decknamen „Boem“ und „Stiv“ Agent des jugoslawischen Geheimdienstes. Weil er Perkovic den Schlüssel gegeben hatte, mit dem die Mörder in die Wolfratshausener Garage gelangen und Durekovic auflauern konnten, wurde er 2008 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Der Kronzeuge der Bundesanwaltschaft im damaligen Verfahren gegen Prates und in dem jetzt anstehenden Prozess gegen Perkovic und Mustac ist jedoch Vinko S., ein selbst in mehrere Mordanschläge verwickelter und deshalb auch vorbestrafter jugoslawischer Ex-Agent. Unter dem Decknamen „Miso“ hat er nach eigener Aussage einer für „spezielle Auslandsoperationen“ zuständigen Sondereinheit angehört und kennt daher auch die Hintergründe des Durekovic-Falles. Diese Sondereinheit schickte dem Agenten zufolge Killerkommandos durch Westeuropa, um Regimegegner in ihren Exilländern auszuschalten. Sie sei einem inoffiziellen politischen Geheimdienst unterstellt gewesen, der aus einem „Netzwerk“ hoher kommunistischer Funktionäre und Nachrichtendienstler bestand und direkt der Parteiführung zugeordnet war, sagte „Miso“ bereits im Prozess 2008 gegen Prates aus. Jeder von diesem Netzwerk beschlossene Mordauftrag habe von Tito und – nach dessen Tod 1980 – von dessen Nachfolgern in Belgrad persönlich genehmigt werden müssen, so der Kronzeuge.

Der Prozess in München wird die Zeit des kalten Krieges noch einmal auferstehen lassen. Das Gericht nimmt sich dafür viel Zeit: 50 Verhandlungstage sind schon jetzt angesetzt, 44 Zeugen und sieben Sachverständige wurden geladen. Doch keiner der Prozessbeteiligten wagt eine Prognose, ob das reichen wird, um den Mord an Stjepan Durekovic von 1983 und seine Hintergründe endlich vollständig aufzuklären.

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