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Prostitution Die entrechteten Frauen von Myanmar

In Myanmar wächst das Geschäft mit der Not von Frauen. Prostituierte verkaufen ihre Körper für zwei Euro, leben in vermüllten Armenvierteln und abgeschotteten Bordellen. Ein Besuch.

16.02.2016 13:42
Kristin Oeing
Die Illegalität drängt Prostituierte in Myanmar in den Untergrund, in schmuddelige Hinterhöfe oder illegale Hinterzimmer von Bars. Foto: Getty Images

Zwei Männer schreien düstere Worte über die Straße. Besudelte Leibchen schlabbern um ihre knochigen Oberkörper. Der eine torkelt, während sich sein Kumpan breitbeinig an den Rand des abbröckelnden Bordsteins stellt. „Was wollt ihr hier? Ihr habt hier nichts zu suchen! Fahrt weiter!“ Ein Dritter gesellt sich zu ihnen, die Stirn in Falten gelegt, die Augen zusammengekniffen, eine Bierflasche in der Hand. Die freundlichen Straßen der alten myanmarischen Hauptstadt Yangon, die einem im Licht der Sonne golden zulächeln, sind den Schatten der Nacht gewichen. Plötzlich hält ein weißer Transporter am Straßenrand an, eine Frau im traditionellen Wickelrock spricht mit den Insassen, nickt und steigt ein.

Die Kreuzung im Tharketa Township kennt Ei Phyu, 29 Jahre alt, gut. Viele Abende hat die junge Witwe auf den zerbrochenen Gehwegplatten gestanden und im Gestank der Abgase auf Kunden gewartet. Seit zwei Jahren ist sie Sexarbeiterin. An ihren ersten Freier kann sie sich gut erinnern, „nach dem Sex zahlte er nicht, rannte einfach weg“. Einige Tage später sollte sie zusammen mit ihrer Cousine auf ein Boot kommen, zwei Männer würden dort auf sie warten, sagte man den Frauen. „Doch plötzlich standen acht Männer vor uns, wir hatten keine Chance zu fliehen. Am nächsten Morgen warfen sie uns einfach über Bord.“

„Das Geld reichte einfach nicht“

Ei Phyu sitzt in einem rosagestrichenen Besprechungsraum eines kleinen Hauses, weit weg von den goldenen Pagoden der Stadt, die Touristen in Scharen anziehen. Vor vier Jahren hat die internationale Hilfsorganisation CARE hier ein Refugium für Prostituierte und Aussteigerinnen errichtet. Neben Ei Phyu sitzt die 30-jährige Khin Nyein, die den Ausstieg bereits geschafft hat. Ihr Mann wusste nichts von ihrem Nebeneinkommen. Sie arbeitete tagsüber, drei oder vier Stunden nur, so fiel ihre Abwesenheit nicht auf. „Das Geld reichte einfach nicht, ich wusste keinen anderen Ausweg.“

Im Straßenbild würden die zwei Frauen nicht weiter auffallen. Sie tragen Longhis, landesübliche Wickelröcke, Ei Phyus Wangen ziert die traditionelle gelblich-weiße Thanaka Paste. High Heels oder aufreizende Kleidung sind für die Frauen Tabu. Niemand soll sehen, womit sie ihr Geld verdienen. Denn Prostitution ist in Myanmar offiziell verboten. Wer erwischt wird, landet schnell für mehrere Jahre hinter Gittern. Ei Phyu erinnert sich an eine Nacht, in der sie drei Polizisten ansprachen. „Ich bin ein netter Mensch“, sagt einer von ihnen, „ich werde dich nicht ins Gefängnis stecken.“

Die drei Männer wollten Geld von ihr, 25 000 Kyat, umgerechnet gut 20 Euro. Das ist viel Geld für die junge Frau, weit mehr als sie an den meisten Tagen verdient. Sie musste zahlen, weil sie eine Familie hat, die auf ihr Einkommen angewiesen ist, und zwei Kinder, die noch zu klein sind, um ohne ihre Mutter zu sein. Doch mit dem Geld allein gaben sich die Männer nicht zufrieden. Ei Phyu lacht bitter. „Sie wollten Sex, alle drei.“ Die Polizisten bedrängten sie, also gab die junge Frau ihnen in einem Hotelzimmer, was sie verlangten. Die Männer nahmen sie trotzdem mit zur Wache, ließen sie erst nach einigen Stunden wieder gehen.

Thu Zar Win kennt diese Rechtsbrüche zur Genüge. Die CARE-Mitarbeiterin koordiniert das im Jahr 2011 gegründete SWIM-Projekt (Strengthening Women’s Co-operatives in Myanmar) in Yangon, das mittlerweile Prostituierten in vielen Teilen des Landes hilft. „Einige Freier sind gewalttätig, schlagen auf die Sexarbeiterinnen ein, andere nehmen ihre Kleider an sich und werfen sie in den Straßengraben“, sagt Thu Zar Win, eine kräftig gebaute Frau im violetten Longhi. Prostituierte zählen in Myanmar neben Transsexuellen und Drogenabhängigen zu der am meisten verfolgten Gruppe. „Die Polizei hat Quoten, die sie erfüllen müssen, wenn sie nicht genug Sexarbeiterinnen verhaften, bekommen sie Ärger mit ihren Vorgesetzten.“ Innerhalb eines halben Jahres seien 250 Prostituierte aus dem Tharketa Township eingesperrt wurden. Als Beweis reiche den Polizisten oft schon ein Kondom, das die Frauen bei sich tragen.

Verbote = fehlende Aufklärung

Dabei sind Kondome offiziell keine Beweisstücke, sagt Thu Zar Win. Doch niemand möchte ins Fadenkreuz der Polizei geraten. „Das Verbot der Prostitution und die dadurch fehlende Aufklärung ist eine gefährliche Kombination.“ Die Illegalität drängt die Frauen in den Untergrund, in schmuddelige Hinterhöfe und illegale Hinterzimmer der Bars, so werden sie für Hilfsorganisationen unerreichbar. HIV ist zum Problem geworden. Inzwischen hat Myanmar nach Thailand und Kambodscha die dritthöchste HIV-Rate in Asien, jährlich sterben etwa 20 000 Menschen an Aids, schon 2012 galt fast jede fünfte Sexarbeiterin als HIV-positiv.

Die vielen Neuwagen und in Eile hochgezogenen Hochhäuser, die Touristenscharen in der Altstadt und die mit Importwaren vollgestopften Einkaufszentren, sie gehören nicht zur Lebenswelt der Sexarbeiterinnen. Wer die Bayint Naung Bridge im Norden der Stadt überquert, sieht die Viertel der Stadt, die in keinem Reiseführer erwähnt werden. Statt kolonialer Wohnhäuser reihen sich einfache Bambushütten aneinander. Das Leben in den auf Stelzen erbauten Häusern, unter denen sich Müllberge ansammeln, ist ein täglicher Kampf für die Bewohner. Ihre Kleider sind abgetragen, staubig, die Schlappen, die sich vor den Hütten aneinanderreihen, dünn wie Pappe.

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Auch Ei Phyu lebt mit ihren zwei Kindern, ihrer Mutter und vier jüngeren Geschwistern in einer dieser Hütten. In einer angerosteten Blechdose liegen neben Puder, Kamm und Lippenstift auch zwei Kondome. Den Straßenstrich hat Ei Phyu hinter sich gelassen, sie arbeitet jetzt von montags bis freitags für das SWIM-Projekt, acht Stunden am Tag betreut sie ihre Kolleginnen, unterstützt sie, wenn sie Hilfe brauchen. „Ich arbeite nur noch an den Wochenende als Sexarbeiterin, habe meine festen Kunden.“ Das monatliche Gehalt von SWIM, umgerechnet etwa 100 Euro, reiche einfach nicht für die Großfamilie. „Bald mache ich eine Weiterbildung zur Näherin, dann kann ich endlich einen richtigen Job annehmen.“ Ihr Leben als Sexarbeiterin will sie hinter sich lassen. Unbedingt.

Sextourismus wie in Thailand oder den Philippinen gibt es in Myanmar nicht, doch mit dem Aufschwung des Landes steigt die Zahl der Kunden. Neben einheimischen Männern mischen sich vermehrt asiatische Urlauber und Geschäftsleute aus den Nachbarländern unter die Freier – nicht nur in der Hauptstadt, auch in Mandalay, der zweitgrößten Stadt des Landes, die sich an das Ufer des Irawadi-Flusses schmiegt.

Auf einem Hügel der Königsstadt steht ein Vier-Sterne-Hotel, ein paar Schritte entfernt blinkt ein pinkfarbenes Karaoke-Schild an einer Mauer. Wer ihm folgt, gelangt auf einen Parkplatz, über den der Bass der Musik unerbittlich wummert. Dahinter steht ein einfacher Zementbau, eine Kaschemme. Männer in dunklen Anzügen weisen Besuchern mit Taschenlampen den Weg an die Tische. Zwei Kellner erscheinen, versprühen Anti-Mücken-Spray, reichen Feuerzeuge an. Lachende Männer, junge und alte, sitzen an den Tischen, vor ihnen stehen Bierflaschen wie kleine Armeen aufgereiht.

Auf der Bühne singt eine Frau im kurzen Rock und weit ausgeschnittener Bluse – Kleidungsstücke, die im züchtigen Myanmar verpönt sind. Für umgerechnet knapp zehn Euro kann man sich ein Lied wünschen, lässt der Kellner wissen, für das Doppelte leistet einem die Dame am Tisch Gesellschaft.

Nach der Solonummer betreten sieben Frauen die Bühne, tanzen zum bollernden Beat der Musik. Aus der Karaoke-Show ist ein Schaulaufen geworden. Einige Frauen tragen aufreizende Klamotten, andere sollen in Micky-Maus-Shirts und mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen offenbar möglichst jung wirken. Diskolicht flackert auf ihren schmalen Körpern. Eine der Frauen fällt besonders ins Auge. Auf hohen Hacken stöckelt sie konsequent eine Sekunde zu spät zum Beat. Als könne sie es nicht ertragen, ihr Körper dem Takt der Musik anzupassen, als wären die lächerlich hohen Schuhe, mit Glitzersteinchen besetzt, zu schwer für ihre Füße.

Plötzlich betritt ein Mann mit einer pinkfarbenen Federboa in der Hand die Bühne, er geht auf eine der Tänzerinnen zu und legt ihr den kitschigen Fummel um den Hals. Sie steigt von der Bühne, vier Männer scharen sich um sie, schubsen sich an, lachen lauthals. Sie verlassen das Lokal, das Mädchen geht mit ihnen.

Am nächsten Mittag ist von der schmierigen Glitzerwelt Mandalays nicht mehr viel zu sehen. Am Rand der Stadt, dort wo die Asphaltstraßen zu Schotterpisten werden und zwielichtige Gestalten vor den Toren warten, wohnt Mi mit ihrem „Papa“ und 15 „Schwestern“. An einer Wäscheleine wehen bunte Kinderkleider im Wind. Dahinter erhebt sich ein mannshoher Bambuszaun. Sechs Puffs gibt es in Mandalay, einer versteckt sich hinter diesem Zaun.

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Mi ist 24 Jahre alt, sieht in ihrem Pu-der-Bär-Shirt und ihrer Spange im glatten, schwarzen Haar aber jünger aus. Von ihren Kolleginnen kommen viele aus der Irawadi Delta, die der Zyklon Nargil vor sieben Jahren besonders schwer traf. Zehntausende starben, Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Die Zahl der Prostituierten ist seitdem stark angestiegen.

Verlockt vom schnellen Geld

Auch Mis Leben ist früh aus der Bahn geraten. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie 13 Jahre alt war, sie blieb bei ihrer Mutter in Yangon. „Wir waren arm“, sagt Mi und knetet sich die Hände, „sehr arm.“ Sie arbeitete neben der Schule, wollte unbedingt auf die High School gehen, doch sie scheiterte am Aufnahmetest. Also jobbte sie in einem Modegeschäft. In einem Streit mit einer Kollegin verletzte sie diese mit einem Messer. „Sie war verrückt“, sagt die junge Frau mit leiser Stimme und senkt den Blick. Mi musste ins Gefängnis, über die Zeit spricht sie nicht gern, schämt sich. In der Zelle lernte sie Sexarbeiterinnen kennen, sie schwärmten vom schnellen Geld. Nach zwei Jahren entließ man Mi. „Ich wusste nicht wohin, also meldete ich mich unter einer der Nummern, die ich von den Frauen im Gefängnis bekommen habe.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung war entzückt, Mi war noch Jungfrau. Ihr erster Kunde musste 1000 Dollar zahlen, 600 bekam Mi. „Das war wahnsinnig viel Geld.“ Ihrer Mutter verschwieg sie ihren neuen Job, zog weg und schickte ihr fortan jeden Monat einen Scheck nach Hause.

Seitdem arbeitet Mi sieben Tage die Woche, von sieben Uhr morgens bis Mitternacht. Für eine schnelle Nummer bekommt sie 8000 Kyat, 2000 darf sie behalten, umgerechnet etwa 1,60 Euro. „Aber auch ,Papa‘ behält nicht alles, einen Teil gibt er der Polizei.“ Tut er das nicht, gibt es eine Razzia, dann muss Mi über den Zaun hinterm Haus klettern und sich in den angrenzenden Feldern verstecken. Sieben Freier muss Mi am Tag mindestens bedienen, häufig sind es mehr, „manchmal kommen 30 Kunden, an Feiertagen sind es auch schon mal 70.“ Es gibt viele Probleme mit gewalttätigen Freiern. „Der Alkohol macht die Männer aggressiv, sie verlieren ihre Hemmungen, respektieren mich nicht mehr als Mensch.“ Sie schlägt sich die Hände vor das Gesicht, „ich fühle mich oft unwohl und müde.“ Viele ihrer Kolleginnen sind HIV-positiv, vor allem die chinesischen Kunden würden Kondome oft ablehnen. Mis Traum ist es, irgendwann als „Mama“ einen eigenen Puff zu führen, „dann müsste ich keinen Sex mehr mit den Männern haben.“ Auch eine eigene Familie wünscht sie sich, „aber das wird ein Traum bleiben.“ Unwirsch wischt sie sich die Tränen weg, „kein Mann heiratet eine Hure.“

Wie der Irawadi-Fluss zieht sich die Perspektivlosigkeit der Frauen durch das Land. Schlechte Jobchancen, Armut und Hunger bilden einen Teufelskreis. Im Kachin State im Norden des Landes, in dem immer wieder heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen aufflammen, durchstreifen seit einigen Jahren Zwischenhändler die Dschungel- und Bergregionen, besuchen Dörfer und Kleinstädte und versprechen Mädchen und jungen Frauen Jobs in Restaurants und Hotels im chinesischen Grenzgebiet. „Menschenhandel ist ein großes Problem“, sagt Ja Seng Hkawn Maran, die Vorsitzende der Kachin Women’s Union, die in Myitkyina ein Haus mit Blick auf den Irawadi-Fluss unterhält. Anmutig sitzt sie auf einem türkisfarbenen Plastikstuhl, die schwarzen Haare zu einem dicken Knotenzopf gebunden, den Rücken durchgedrückt. „Die Frauen werden mit falschen Versprechen gelockt“, sagt sie, mafiöse Strukturen hätten sich etabliert. „Die Männer geben ihnen Drogen, machen sie gefügig und abhängig.“

Sobald sie die Grenze überschreiten, sind sie für ihre Familien unerreichbar. „Manche Mädchen sind erst zwölf Jahre alt.“ Viele enden an den Tanzstangen in Chang Mai und Pattaya oder werden in China zwangsverheiratet. „Wir haben schreckliche Geschichten gehört“, sagt Ja Seng. Kaum eine kehre in das aufstrebende Land der goldenen Pagoden zurück. „Sie sind für immer verloren.“

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