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Prostitution Der Paulus von St. Pauli

In seinem früheren Leben war Peter Töpfer Herr über hundert Huren. Heute predigt er Gottes Wort und möchte alle Bordelle schließen. Von Markus Wanzeck

06.05.2009 15:05
Zum ersten Mal nach vielen Jahren läuft der ehemalige Zuhäelter Peter Töpfer über die "Große Freiheit", Stichstraße zur Reeperbahn. Foto: lukas coch/zeitenspiegel

Langsam lässt Peter Töpfer seinen Kombi über das Kopfsteinpflaster der Davidstraße rollen, blickt nach links, nach rechts, alles sieht so anders aus und doch wie früher, er biegt ab, hin zum Hans-Albers-Platz. Wie ein Faraday'scher Käfig vor Blitzen schützt, so scheint ihn das Auto vor Einschlägen der Erinnerungen zu schützen. Fast zwanzig Jahre ist es her, dass er das letzte Mal hier war. Aber da ist immer noch diese Angst. Nicht vor irgendwelchen Typen, die ihn noch kennen könnten. Die kommen erst nachts auf die Straße, wenn der Kiez in rosarotes und blaues Neonlicht getaucht ist.

Jetzt leuchtet die Vormittagssonne jeden Winkel des Viertels aus, das noch den Rausch der letzten Nacht auszuschlafen scheint. Alles ruhig, nur Peter Töpfer nicht. Mit tiefer, leiser Stimme sagt er: "St. Pauli ist für mich nicht ungefährlich. Auch nach all der Zeit nicht." Die Geister der Vergangenheit, ihre Gewalt, ihre Gelüste, sie sind nicht totzukriegen. Aber er hat den Kampf mit ihnen aufgenommen.

Mit Gottes Hilfe. "Der Herr sagt: ‚Die Last, die ich auferlege, ist leicht zu tragen.' Ich möchte, dass mein Leben geführt ist von Gott, in allem. Was soll mir passieren?" Töpfer kennt sich aus mit Gottes Wort. Der stämmige 61-Jährige mit der hohen Stirn und dem Seitenscheitel ist Prediger bei der evangelisch-freikirchlichen Glaubensgemeinschaft Mission Kwasizabantu. Mehrere Male pro Woche spricht er vor Kirchengemeinden. In Berlin, in Wolfsburg, in der Schweiz - wo immer das Wort Gottes Gehör findet.

Oft fährt er nach Lindach, ein 3000-Seelen-Dorf bei Schwäbisch Gmünd. Hier liegt die Süddeutschland-Zentrale der Mission Kwasizabantu. Nur wenige Schritte neben der missionseigenen Grund- und Realschule steht die Gemeindehalle, ein Wellblechbau, der früher als Lager diente. Knapp 200 Gläubige sind an einem Donnerstagabend im Januar zusammen-gekommen, um Töpfers Predigt zu hören. Die Männer in Bügelfaltenhosen, die Frauen in langen, weiten Röcken. "Glücklich ist ein Mensch, wenn er sagen kann: Jesus Christus hat die Werke der Finsternis in mir zerstört." Peter Töpfer stützt den Ellenbogen auf das Pult und blickt über seine Lesebrille auf die Gemeinde. "Wer Sünde tut, der ist vom Teufel", zitiert er aus dem Johannes-Evangelium. Seine Stimme wiegt sich in sanftem Singsang. Er spricht von Vergebung, Bekehrung, Gnade und Glück. Hinter ihm ein Holzkreuz, daneben, auf einer Spanholzplatte, der Bibelvers: "Gott will, dass alle Menschen errettet werden."

Als seine Predigt endet, tritt der Gemeindeleiter ans Pult. In gemütlichem Schwäbisch bittet er zum Gesang. Er und Töpfer kennen sich bereits viele Jahre. Gemeinsam haben sie manches Werk der Finsternis verhindert. 2005 zum Beispiel, als sie in Schorndorf, einem kleinen Ort bei Stuttgart, mit einer Bürgerinitiative gegen die Genehmigung eines Bordells kämpften. "Bordelle", sagt Töpfer, "sind des Teufels."

Peter Töpfer parkt an der Davidstraße. Er zögert, einen Augenblick. Dann verlässt er seinen Faraday'schen Käfig und setzt den Fuß dorthin, wo sein Kiezleben begonnen hatte, damals, in den Sechzigern. Vor der Eckkneipe Anker am Eingang der Herbertstraße, dem berühmtesten Straßenstrich Deutschlands, zeigt er auf die Fensterchen im ersten Stock. "Hier, direkt über dem Anker, hab ich 1975 mein erstes Bordell eröffnet."

Als Zuhälter wird man nicht geboren, zum Zuhälter wird man gemacht. Alle sagen das auf St. Pauli, die großen Fische und die kleinen. Peter Töpfer war ein Fisch irgendwo dazwischen. Direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in Meßkirch in Baden-Württemberg geboren, im hügeligen Niemandsland zwischen Donau und Bodensee. Er war Besatzungskind, Schlüsselkind, Problemkind. Seinen Vater, ein Offizier der französischen Armee, lernte er nie kennen. Seine Mutter musste arbeiten, hatte keine Zeit für ihn. Er wuchs auf der Straße auf, geriet mit der Polizei aneinander: Einbrüche, Schlägereien - als Flucht aus der Langeweile, auf der Suche nach Anerkennung. Seine Mutter hörte Volksmusik. Er wollte ein Rock'n'Roll-Leben. Er musste raus aus Meßkirch.

Als er volljährig wurde, ging er nach Hamburg und heuerte bei der Handelsmarine an. Das Matrosenleben war eine einzige Party. Er sah die Welt und verdiente genug, um sich bei Landgängen zu besaufen. Peter Töpfer lernte Spanisch. Genau ein Wort: "Pastillas contra dolor de cabeza" - Kopfschmerztabletten.

Erst Kneipengast, dann Freier

Immer wieder kehrte er nach Hamburg zurück, wurde Stück für Stück von St. Pauli aufgesogen. Erst als Kneipengast, dann als Freier in der Bordellszene. Bald stand er selbst hinterm Kneipentresen, schenkte Schnaps aus und zog die Kunden so gut es ging über den Tisch. "Istanbul hieß diese Kneipe. Da ging alles los, Mitte der Sechziger." Vor der Spelunke, die heute Pils-Börse heißt, stehen immer noch Frauen Spalier. "Von da an dauerte es nicht mehr lange, bis ich ein, zwei, drei Prostituierte hatte." Er wurde zum Luden. Hatte auf einmal Geld. Viel Geld. Bis zu fünfhundert, manchmal tausend Mark brachte ihm eine Hure ein. Pro Tag. Immer mehr Frauen schafften für ihn an, schon nach wenigen Monaten hatte er sich unter den Kiezgrößen einen Namen gemacht. Einige Jahre später mietete er sich im Eros-Center ein - damals Europas größtes Bordell, das Willi Bartels, der "König von St. Pauli", mit dem Segen der Stadtväter hochgezogen hatte.

Das Eros-Center heißt heute Paradise Point of Sex. Auf dem Weg dahin kommt Peter Töpfer an weiteren Stationen seines früheren Lebens vorbei: Clubs, Diskotheken - "ideale Orte, um frische Mädchen für den Strich zu rekrutieren". An der Ecke zur Großen Freiheit biegt er durch eine dunkle Unterführung in einen Innenhof ein. "Das hier war der Kontakthof", sagt er. Hier warteten die Frauen auf Freier, um sie dann auf eines der 200 Zimmer mitzunehmen.

Mitte der 1970er Jahre schloss sich Töpfer mit anderen Zuhältern zur "Nutella-Bande" zusammen. Knapp zehn Männer - für die mehr als hundert Huren anschafften. Er investierte sein schnelles Geld in schnelle Autos, in Luxusreisen und Goldschmuck, gönnte sich einen Cadillac Eldorado, ein langes, stolzes Straßenschlachtschiff. Er war nicht mehr Matrose. Jetzt war er Kapitän. Die Jahre verflogen wie im Rausch, der Geldstrom aus den Bordellen schien unerschöpflich. Das englische Boulevardblatt Daily Mirror kürte St. Pauli zur "Sex-Hauptstadt der Welt". Töpfer und seine Kumpane waren ihre Kämmerer. Fast täglich trafen sie sich im Café Adler von Dieter Bockhorn und Uschi Obermaier. Es wurde gekifft, gekokst, und die Zeit dazwischen überbrückten Cognac und Klarer. Sonntagmorgens fanden im Adler Gottesdienste statt, zu denen sich Dealer, Zuhälter und Zwielichtige versammelten. Die Predigten hielt ein blonder, langhaariger Hippie, der meist so breit war wie seine Zuhörer.

Anfang der 1980er Jahre hatte der Kiez einen Kater. Bisher waren Geschäfte und Meinungsverschiedenheiten mit Geld oder Fäusten geregelt worden. Stets galt der Kiezkodex: Kein Verrat an die Bullen! Keine Waffen! Doch das Klima wurde kälter. Am 28. September 1981 wurde St. Pauli von Schüssen erschüttert. Der Zuhälter Fritz Schröder (Chinesen-Fritz) verblutete im Boxlokal Ritze, der Mord blieb ungeklärt. Töpfer, der Chinesen-Fritz gut kannte, traf Vorkehrungen. "Vorsicht bei Festnahme - Schusswaffengebrauch!", stand in seiner Polizeiakte. Er kam in eine Sinnkrise. Ist es das wert? Was hat Wert? Er stellte sein Leben in Frage, zum ersten Mal.

Peter Töpfer steht im Kontakthof. "Das ist alles so klein und hässlich, bei Tageslicht." Er seufzt. "Am schönsten wär's, wenn all diese Läden pleite gingen." Er tritt wieder auf die sonnendurchflutete Große Freiheit, über der Reklameschilder für Bier, Discos und Sexclubs werben. Schräg gegenüber steht eine Kirche, St. Joseph. Töpfers Blick wandert ihre Klinkerfassade hinauf. Seine Hände packen die eisernen Gitterstäbe des Kirchentors. Er muss lachen. Es gibt ein richtiges Leben im falschen, scheint ihm das kleine Gotteshaus zu sagen.

1981, zwei Jahre, nachdem die Polizei das Café Adler nach mehreren Drogenrazzien geschlossen hatte, traf Töpfer auf der Straße den Hippie-Prediger wieder. Doch den Hippie-Prediger gab es nicht mehr: Er hatte jetzt kurze Haare, trug einen Anzug, er brauche keine Drogen mehr, sagte er, er brauche nur noch Jesus, der habe zu ihm gesprochen. In Südafrika, bei der christlichen Mission Kwasizabantu.

"Ach du Scheiße!", dachte Töpfer. "Jesus hat zu ihm gesprochen. Jetzt ham' sie ihn fertig gemacht!" Doch in seiner Sinnsuche war er auch fasziniert. Er ließ sich zum Besuch eines Gottesdienstes überreden. Mit offenem Hemd und Goldkette lauschte er den Worten des Predigers, der von Neid sprach und von Hass und Hurerei. Töpfer war wie elektrisiert. Er dachte: "Wer hat denn dem mein Leben erzählt?"

Danach war seine Sehnsucht, einen Schlussstrich zu ziehen, nicht mehr zu stillen, weder durch Alkohol noch durch Drogen. Er trennte sich von seinen Bordellen. Er verabschiedete sich von seinen Nutella-Kumpanen. Die wollten ihn in den Urlaub schicken, er solle sich erholen, auf Hawaii. Aber er wollte keinen Urlaub von seinem alten Leben. Er wollte ein neues. Er eröffnete einen Gebrauchtmöbelladen in Altona, besuchte Bibelkreise, heiratete seine Freundin, mit der er ein kleines Kind hatte.

"Meine Sünden waren so grausam"

Sein neues Leben war zwei Jahre alt, da hatte er "das größte Erlebnis überhaupt". Peter Töpfers Stimme wird lauter, er gestikuliert. "Während eines Gottesdienstes ging es um diese Bibelstelle, wo die Jünger zu Jesus sagen: Wenn du willst, kannst du Feuer auf die Ungläubigen herabfallen lassen!' Er erwidert ihnen: Ich bin doch gekommen, um zu retten! Das war wie ein Blitz - und mein ganzes Leben stand mir vor Augen. Ich war so erschrocken!" Peter Töpfer macht eine beschwörende Geste, sucht nach Worten: "Meine Sünden waren so grausam! Ich spürte auf meinen Schultern einen Sack, der immer schwerer wurde, ich bin aufs Gesicht gefallen und habe bitterlich geweint. Um mich war es stockdunkel."

Fünfundzwanzig Jahre ist das her. Doch auf einmal ist die Finsternis wieder ganz nah. Er schlägt die Hände vors Gesicht. "Ich lag da. Ich dachte: Jetzt musst du sterben! Jetzt ist es aus. Da hörte ich eine Stimme. Der Gemeindeleiter kniete neben mir, er las aus der Bibel - all die Stellen, in denen es um die Vergebung der Sünden geht. Ich hörte das. Und spürte, wie meine Schultern leichter wurden. Dann wurde es taghell." Peter Töpfer spreizt die Finger, blickt mit blitzenden Augen zwischen ihnen hervor. "Da wusste ich: Jetzt hat Gott dir vergeben."

"Nie wieder zurück!", sagte er sich damals. Er könne nachempfinden, was Saulus passiert war, als ihm auf dem Weg nach Damaskus das Licht erschien und ihn zum Paulus gemacht hat. Töpfer wollte den Weg zu Gott gehen. Doch seine Frau, "die liebte das Leben". Seine radikale Frömmigkeit verstörte sie. Sie ließ sich scheiden, nahm die Tochter mit. Töpfer blieb zurück. Allein, mit Gott - "Gott hat mir das Leben gerettet".

Wie Recht er damit haben sollte, erfuhr er schon bald aus Zeitung und Fernsehen. Der Ehrenkodex zählte nichts mehr im St. Pauli der 1980er Jahre. Im Oktober 1982 gibt es eine Schießerei im Eros-Center. Klaus Breitenreicher und Jürgen Becker von der Nutella-Bande sterben im Kugelhagel. "Wäre ich geblieben, wäre ich auch getötet worden." Auf dem Kiez kamen mehr als zwei Dutzend seiner Bekannten um. "Mord, Selbstmord, Drogen, Aids", zählt er auf.

Peter Töpfer sitzt wieder in seinem dunkelblauen Kombi und schließt die Augen. "Bitte Herr, sei Du weiter mit mir. Amen", betet er. Dann startet er den Motor. Sein Ziel: Haus Druhwald, eine Wohnsiedlung in einem Waldgebiet eine halbe Autobahnstunde südlich von Hamburg - die Norddeutschland-Zentrale der Mission Kwasizabantu. Das Zuhause seines neuen Lebens.

Auf den letzten Schritten in dieses Leben hat er Ordnung gemacht. "Ich bin zu den Menschen gegangen, denen ich Böses getan hatte, und bat sie um Vergebung." Alle haben sie ihm vergeben, sagt er: Ein Kiez-Kollege, der ihn umbringen wollte, die Eltern der Mädchen, die er in die Prostitution gelockt hatte, Betrogene, die noch gar nichts von Töpfers Betrug gewusst hatten. Und eine Frau, die Töpfers Tun nie vergessen konnte. Er hatte sie als Jugendlicher im Alkoholrausch vergewaltigt.

Druhwald liegt auf einer Lichtung zwischen dicht stehenden Buchen, Birken und Fichten. Siebzehn Klinkerhäuser mit Gästezimmern für mehr als 300 Leute stehen darauf, eine Halle für die Gottesdienste, ein von rostigem Maschendraht umgrenzter Bolzplatz, ein Hühnerstall. Rauchschwaden ziehen zwischen den Häusern hindurch. Es wird mit Holz geheizt. Keine Menschenseele weit und breit, es ist atemberaubend ruhig, wenn gerade keine Bibelfreizeiten stattfinden. Acht Familien leben in Druhwald. Und Peter Töpfer.

Nie wieder zurück! In Töpfers Wohnung gibt es nichts, was an die Zeit vor seinem Leben als Laienprediger erinnert. Nur der Führerschein von 1977 hat die Zeitenwende überdauert.

Auf dem Wohnzimmertisch eine blumenbestickte Tischdecke. An den Wänden Aquarelle von Landschaften, Bauernhäusern, Bäumen. Hochzeitsfotos seiner Kwasizabantu-Brüder und -Schwestern. Und Fotos von Gottesdiensten der Mission in Südafrika. Fast jedes Jahr fliegt er dorthin. Er hat Zulu gelernt. Genau ein Wort: "Yabonga" - Dankeschön.

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