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Prostitution „Alice Schwarzer hat nie im Puff gearbeitet“

In der andauernden Debatte um die Prostitution geht es nicht um die Hure und ihre Freier, sondern die Gesellschaft und den Durchschnittsbürger, sagt Ilan Stephani. Die Körpertherapeutin hat jetzt ein Buch über ihre Zeit als Prostituierte geschrieben.

Ilan Stephani
„Männer sind nicht die Gewinner im Patriarchat, der Puff tut ihnen keinen Gefallen“, sagt Autorin Ilan Stephani. Foto: Merav MaroodY

Frau Stephani, in Ihrem Buch zitieren Sie zu Beginn das Credo der Berliner Beratungsstelle Hydra: „Solange es Prostitution gibt, wollen wir, dass es Prostituierten möglichst gut geht.“
Ich will die Prostitution als Symptom unserer Gesellschaft nicht verharmlosen. Im Rahmen dessen finde ich die Haltung von Hydra aber sehr ethisch und vertretbar. Sie ist pragmatisch und realistisch. Sie orientiert sich an den Bedürfnissen der Prostituierten, statt sich eine bessere Utopie auszumalen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass eine Welt ohne Prostitution eine glücklichere wäre.

Können Sie das „Symptom einer Gesellschaft“ erläutern?
Das kann man mit einem Kopfschmerz vergleichen. Da kann ich mein Leben lang Aspirin einwerfen oder mir ganz deutlich anschauen, in welchen Situationen die Kopfschmerzen auftreten und sie so bekämpfen. Statt an den Symptomen herumzudoktern, wäre es sinnvoller, die Ursachen der Dinge zu untersuchen. Prostitution wird nicht von den bösen Freiern oder dem männlichen Sexualtrieb verursacht, sondern von einer Gesellschaft, die ihren Kindern nicht beibringt, sich richtig zu begegnen. Die sexuellen Missverständnisse zwischen Männern und Frauen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Männer auf diese Art und Frauen auf eine andere Art sexuell gestrickt seien. Und um das irgendwie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen, müssen wir sozusagen einige Frauen opfern, damit alle anderen davon verschont bleiben.

Die Lösung wäre also eine tiefergehende gesellschaftliche Aufklärung?
Ja, und diese Aufklärung wiederum ist eine Frage der Regulation. Die Frage ist, ob die Menschen in unserer Gesellschaft, ganz unabhängig von Sex, überhaupt so aufwachsen, dass sie Zugang haben zu dem, was sie eigentlich glücklich macht. Offensichtlich nicht: Die Deutschen sind Weltrekordler im Pornos-gucken, ein beachtlicher Teil ist hochgradig alkoholabhängig, ausgebrannt und so weiter. Und der Rattenschwanz an Problemen, mit dem wir eine unlebendige Gesellschaft kreieren, drückt sich unter anderem auch im Geschäft der Prostitution aus. Den ständigen Drang gesellschaftlich über die Prostituierte zu debattieren halte ich für ein Ablenkungsmanöver. Es wäre viel entscheidender, mal offen über den Durchschnittsbürger zu sprechen.

Eine zentrale Frage des Buches ist ja, wieso sich diese Debatte nie beruhigt. Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Die Gesellschaft müsste mit sich selbst in die Scham, mit sich selbst in die Aufrichtigkeit gehen, statt ständig über die Hure zu diskutieren. Und das ist natürlich unbequem. Es wird zum Beispiel auch lieber über die Zwangsprostituierte geredet, als über andere Formen der Sklaverei, wie sie in der Pflege passieren oder in Großküchen. Die Gesellschaft dreht sich um das Thema Prostitution, weil sie sich um die eigene Sexualität dreht. Sie tut so, als interessierte sie sich für die Hure, dabei will sie nur gut und korrekt dastehen.

Was stört sie ganz explizit an der Debatte, wie sie etwa von Feministinnen wie Alice Schwarzer geführt wird?
Letztendlich muss man jeder einzelnen Prostituierten ihre Individualität zugestehen. In Deutschland arbeiten etwa 400.000 Prostituierte. Das heißt, es gibt in Deutschland 400.000 individuelle Formen der Prostitution. Viele feministische Stimmen klingen opferrhetorisch an. Eigentlich eine Rhetorik, die genau das tut, was sie kritisieren will: Sie entmündigt Frauen. Wenn Kritiker mehr Würde für die Prostituierten fordern, dann wäre es doch das Erste, in ihren Unterstellungen gegenüber der Prostituierten vorsichtiger zu sein und besser zuzuhören. Ich will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass ich Zwangsprostitution verharmlose. Einen Menschen seiner sexuellen Selbstbestimmung zu berauben, ist ein furchtbares Verbrechen. Dieses Verbrechen besteht aber eben nicht zwangsläufig jedes Mal, wenn Sex gegen Geld getauscht wird. Ich weiß das. Ich weiß, dass es bei mir und bei meinen direkten Kolleginnen anders war. Meines Wissens nach hat Alice Schwarzer nie aktiv im Puff gearbeitet.

Hatten Sie selbst keine Vorurteile, bevor Sie angefangen haben sich zu prostituieren?
Mein erstes Kapitel handelt ja davon, dass ich davon ausgegangen war, man könne Prostituierte erkennen. Sicherlich hatte ich auch andere Vorurteile, die mir aber erst an dem Punkt bewusst geworden sind, als sie aufgebrochen wurden. Die Neugierde war bei mir präsenter als die Angst.

Ohnehin klingt Ihr Einstieg in die Prostitution fast lässig. Trotzdem schreiben Sie recht früh im Buch, was passiert, wenn sich Sex und Geld „in meinem Körper und in meiner Seele“ begegnen. Was macht die Prostitution mit der Seele?
Ich persönlich habe nicht erlebt, dass sich in der Prostitution meine Seele von meinem Körper abgespaltet hat. Ganz anders war es in meinem Fall eben das seelische, was die Männer an den Begegnungen mit mir genossen haben. Gerade die Seele macht das Umfeld des Puffs sozial so dicht und menschlich so relevant. Und gerade die Seele ist das, was Sex gegen Geld teuer machen kann.

Welche Rolle hat das Geld überhaupt für Sie gespielt?
Ich brauchte das Geld nicht unbedingt, ich wusste das meine Eltern mir mein Studium bezahlen würden. Sie wussten von dem, was ich tue, und haben mir sehr schnell klargemacht, dass sie mich finanziell unterstützen würden. Ich wollte das einfach unbedingt ausprobieren. Ich hätte das aber auch nicht gratis gemacht, weil das, was man da in einer halben Stunde gibt, sehr viel ist.

Warum haben Sie schließlich damit aufgehört?
In meinem Buch beschreibe ich, wie ich zu einem G-Punkt-Massage-Workshop in einer Frauenrunde gegangen bin. Das war für mich eine sehr bewegende Erfahrung, weil ich mich in dieser Umgebung ganz anders auf meine Sexualität einlassen konnte. Ich habe erlebt, wie es eine seelische Ergriffenheit durch eine körperliche Stimulation geben kann. Danach war ich nur noch zwei Wochen im Puff, es hat mich ab dem Zeitpunkt einfach gelangweilt. Vorher dachte ich, ich würde damit nie aufhören.

Was halten Ihre ehemaligen Kolleginnen davon, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?
Die Frauen, die sich durch Szenen der Prostitution kennenlernen und anfreunden, die sind sehr loyal miteinander und sehr vertraut. Meiner Freundinnen aus der Zeit reagieren neugierig und positiv auf mein Buch. Und sie alle sagen, dass sie auch gerne ihre Erfahrungen aufschreiben würden. Jede Prostituierte kennt viele Geschichten, die sehr dicht sind. Der Drang das mitzuteilen ist groß, auch weil immer die Aura „du darfst darüber nicht reden“ mitschwingt.

Auch deswegen gibt es schon viele entsprechende, teilweise sehr erfolgreiche Bücher wie „Fucking Berlin“ aus dem Jahr 2013. Gibt es eine Facette, die Ihr Buch in diesem breiten Angebot noch ergänzen kann?
In meinem Buch geht keine Tür auf, durch die alle dann in den Puff gucken und staunen können. Eher geht eine Tür auf und alle gucken sich selbst an.

Wie meinen Sie das?
Ich will, dass der Diskurs um die Prostitution sauber geführt wird. Neu an meinem Buch ist, dass ich den Blick stark auf die männliche Sexualität im Rahmen der Prostitution richte. Männer sind eben nicht die Gewinner im Patriarchat, der Puff tut ihnen keinen Gefallen. Mir ist es wichtig, Prostituierte und Freier nicht als Opfer und Täter zu deklarieren, sondern ganz klar zu machen, dass beide gleichsam von sexuellem Trauma und Überforderung betroffen sind. Der Diskurs wurde bisher sehr schwarz-weiß geführt. Ist Prostitution jetzt gut oder schlecht? Sind wir dafür oder dagegen? Ich glaube nicht, dass die Prostitution im Paradies einen Platz hätte. Aber Prostitution hat nicht zuletzt den positiven Aspekt, dass sie uns einen Spiegel vorhalten kann. Und wenn wir uns trauen würden, da hinein zu schauen, würde es die Prostitution vielleicht nicht mehr geben.

Meinen Sie diesen Aspekt, wenn Sie schreiben: „Prostitution ist kein Geheimnis. Wir selbst sind dieses Geheimnis... und uns selbst zu heilen ist das Geschenk, das die Prostitution uns machen kann.“
Richtig. Die Prostituierte wird im öffentlichen Diskurs als Projektionsfläche missbraucht. Es wird darauf bestanden, dass sie hilfsbedürftig bleibt, weil wir uns dann damit beschäftigen können, ihr helfen zu wollen. Zeit, in der wir eigentlich mit unserer Ehefrau oder unserem Ehemann sprechen oder über sexuelle Vorurteile reden könnten.

Was ist die entscheidendste Erkenntnis aus Ihren Jahren als Prostituierte?
Prostitution ist ein Gefängnis für den Mann – und keine Befreiung. In einer sexuell freien, natürlichen, extatischen Kultur mit einem erotisch warmen Lebensgefühl ist Prostitution ein totales Turn-off. Der Mann braucht die Prostitution nicht. Die Gesellschaft hat gemacht, dass er sie braucht.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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