Lade Inhalte...

Prora Was tun mit dem Gebäudekomplex aus Nazi-Zeiten?

Hübsche Eigentumswohnungen im hässlichen Nazibau? Dieses Vorhaben könnte platzen: Einer der Investoren, die den „Koloss von Prora“ umbauen wollen, hat Insolvenz angemeldet.

Prora - Block 1
Mai 2017: Bauarbeiter arbeiten an den Gebäuden von Block 1. Foto: dpa

Die letzte Ostbeauftragte der Bundesregierung hat kürzlich im Fernsehen einen Bericht gesehen und sich gefreut, „dass sich da Leben entwickelt“. Nein, sie sei selbst nie in Prora gewesen, sagt die Sozialdemokratin Iris Gleicke am Telefon. Aber es sei doch gut, wenn Europas bis zuletzt größte Ruine mit der „schwierigen doppelten Vergangenheit nicht nur in der Landschaft rumsteht“ und stattdessen da etwas passiere.

Leider ist der Bericht, den Gleicke im Fernsehen sah, nicht mehr ganz aktuell. Zwar ist in dem 4,5 Kilometer langen Häuserblock seit der Wende allerlei entstanden. Vier der fünf noch intakten Blöcke waren vom Bund an Investoren verkauft worden – davon zwei Blöcke für bescheidene 455.000 Euro. Block 2 ist als einziger fertig. Für den letzten Block sollte im Herbst die Entscheidung fallen, wer von zwei Bietern den Zuschlag erhält.

Es gibt auf dem Gelände eine Jugendherberge, ein Hotel und ein Museum mit einer Dauerausstellung. Doch nun hat der Inhaber von Block 1 des riesigen Gebäudekomplexes bei Binz auf der Ostseeinsel Rügen Insolvenz angemeldet. Damit entwickelt sich einstweilen weniger Leben als geplant. Und erneut steht die Frage im Raum: Was nun?

Prora sollte die Urlaubsmaschine des Nazi-Reiches werden

Prora sollte einmal die Urlaubsmaschine des Nazi-Reiches werden, ein leicht sichelförmiger Riegel für 20.000 Menschen, eine Stadt am Meer. Die NS-Organisation Kraft durch Freude hatte Prora geplant. Zwei Wochen preisgünstiger Urlaub für alle, das war die große Idee dahinter. Aber nicht für Muße, Entspannung und Ertüchtigung. Es ging immer um Kriegsvorbereitung und um Erholung für den Endsieg. In Prora sollten Soldaten und Parteigenossen einmal im Jahr „überholt“ werden, wie es tatsächlich hieß, der Mensch war ein kleines Teil einer großen Kriegsmaschine. 

„Alles“, so beschrieb es Reichsleiter Robert Ley im Juli 1938, „dient nur dem einen, unser Volk stark zu machen, damit wir diese brennendste Frage, dass wir zu wenig Land haben, lösen können.“ Doch 1939 löste Deutschland mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus. Prora blieb nie mehr als ein Rohbau. Ohnehin waren die Baukosten – schon damals offenkundig ein Problem – weitaus zu gering veranschlagt worden.

Nach dem Krieg geriet Prora zunächst in Vergessenheit. Nach der Roten Armee kam die Nationale Volksarmee und bezog Teile des Riegels. Tausende NVA-Soldaten waren im ehemaligen Beinahe-Bad kaserniert, es gab ein Walter-Ulbricht-Heim, in dem Offiziere Ferien machten. Die Vergangenheit des Ortes war in der DDR kein Thema. Der SED-Staat machte die Gegend zum militärischen Sperrbezirk und verwandelte den Klotz ab 1950 zur größten Kasernenanlage der DDR. Bis zu 19.000 Helfer und kasernierte Volkspolizisten bauten die übriggebliebenen fünf Blöcke provisorisch um.

Am Ende wieder Gigantismus, das größte Militärareal des Arbeiter- und Bauernstaates. Untergebracht waren motorisierte Schützenregimenter, das Luftsturmregiment 40, die militärtechnische Schule „Erich Habersath“, ein Erholungsheim für Grenzsoldaten, ein Ausbildungszentrum für Truppen befreundeter Staaten wie Mosambik oder Äthiopien. Über Prora und die anderen Kasernen auf der Insel hatten die NVA-Rekruten ihr Urteil schnell gefällt: „Drei Worte genügen: Nie wieder Rügen!“

Prora löst ambivalente Gefühle aus

Nach der Wiedervereinigung kam die Bundeswehr, und nach 1992 kam nichts mehr. Die Bundeswehr zog ab. Was sollte sie mit dem Klotz auch anfangen? Zu groß, zu unbrauchbar, zu schlecht der Zustand des gewaltigen Areals. Es verfiel, Tiere zogen ein, Vögel, Eidechsen, Füchse. In manche Häuser zeitweise auch Künstler. Bis im Zuge der Finanzkrise die Zinsen fielen, Immobilien als Wertanlage interessant wurden und westdeutsche Investoren anrückten – von denen jetzt einer vorläufig gescheitert ist.

Der Theologe und Vorsitzende der SPD-Fraktion in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer, Richard Schröder, spricht mit Blick auf Prora von einer „bombastischen Kuriosität“, die kaum ein DDR-Bürger wegen des Sperrbezirks drum herum habe in Augenschein nehmen können und die daher auch nicht in ihrem Bewusstsein gewesen sei. „Ich würde keine Eigentumswohnung in diesem Riesen-Menschen-Silo kaufen“, sagt der 74-Jährige – fährt dann aber fort: „Das Ding ist nun mal da. Man muss etwas damit machen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen