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Prinzessin Lillifee Zuckersüße Freundin

Sie gehört in Deutschland und 25 weiteren Ländern zu den Stars im Kinderzimmer: Prinzessin Lillifee ist die Projektion aller Mädchenträume - und mit Vorsicht zu genießen. Von Boris Halva

Prinzessin Lillifee gehört in Deutschland und 25 weiteren Ländern zu den Stars im Kinderzimmer. Foto: Verlag

Die Kleine hat alles, was das Kinderherz begehrt. Sie wohnt in einem Schloss, hat einen riesigen Schrank voll wunderschöner Kleider, sie kann zaubern und ist umgeben von possierlichen Freunden. Sie ist ein Star. Kaum ein Mädchenzimmer landesweit, in dem das goldbelockte Fabelwesen nicht zugegen wäre. Sie ziert Poesiealben, Schulranzen, Nachthemden, Kleiderschränke. Ihre CDs sind gerade mit der vierten Goldenen Schallplatte ausgezeichnet worden. Und jetzt erobert Prinzessin Lillifee die Kinoleinwand.

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Die Bewohner von Rosarien, dem Reich der Feen-Prinzessin, sind sauer, weil eine Hand voll Feen nichts besseres zu tun hat, als mit ihren Zauberkräften Schabernack zu treiben. Lillifee muss sich was einfallen lassen, um die Harmonie im Lande wieder herzustellen. Das ist leichter gesagt als getan - und als Lillifee der Mut verlässt, sie gar ihre Zauberkräfte verliert, sieht es düster aus fürs rosarote Feenreich.

Lillifee ist überall

Aber woher kommt dieses Wesen, das Kinderaugen zum Leuchten bringt? Fakt ist: 2004 erschien das erste Lillifee-Buch im Coppenrath Verlag, der Ende der 70er Jahre Janoschs Tigerente groß rausbrachte und seit Mitte der 90er Jahre das Land mit Büchern über die Abenteuer des kleinen Hasen Felix überschwemmt. Zeitgleich zum ersten Feen-Buch brachte das Münsteraner Unternehmen die ersten fünf, sechs Lillifee-Artikel auf den Markt: Bleistifte, Perlensets, Krimskrams, bei dem Kinder schwach werden, den Eltern der Griff zur Geldbörse aber nicht zu weh tut.

Inzwischen vertreibt Coppenrath 300 Lillifee-Artikel, etwa 35 Firmen haben Lizenzen erworben und steuern ihren Teil zur rosa Welle bei. Gartenscheren, Backmischungen, Brillen. Kurzum: Sollte ein Mädchen den Wunsch haben, sich wie eine Prinzessin zu kleiden und zu betten, sollte es spielen und speisen wollen wie eine Fee - alles kein Problem.

Ob das Tüllmäuschen allerdings das Zeug zum Dauerbrenner vom Schlage einer Pippi Langstrumpf hat, ist schwer zu sagen. Dass Lillifee aus Marketingsicht ein Schwergewicht ist, steht außer Frage. So hat Tomas Rensing, Sprecher des Coppenrath Verlages, auch nichts dagegen, wenn Lillifee derzeit als Zugpferd des Verlags bezeichnet wird. Und die Blue Ocean Entertainment Group, die inzwischen drei Lillifee-Magazine herausgibt, frohlockt über Auflagezahlen, die manchen Tageszeitungs-Verleger ins Schwärmen bringen würden.

Das Erstaunliche an der Kunstfigur Lillifee ist vor allem, dass sie - verglichen mit einem anderen großen Kinderstar, Pippi Langstrumpf - eine Art Mädchen ohne Eigenschaften ist. Sicher, es gibt einige Parallelen zu Astrid Lindgrens Wunderkind. Sie sind beide tierlieb und Herrin im eigenen Haus, Schule und andere weltliche Dinge sind ihnen herzlich schnuppe. Aber das rebellische geht Lillifee völlig ab.

Das sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, bekräftigt Monika Finsterbusch, die Erfinderin von Lillifee. "Schule, Eltern, Alltag - das interessiert mich alles gar nicht." Sie wollte "ein Märchenwesen" erschaffen, "es geht mir um das Spielerische, das Träumerische". Finsterbusch liebt Natur und Tiere, wie sie sagt - das sei eben unbewusst auf die kleine Fee übergegangen.

Aber Lillifee soll kein Barbie-Ersatz für die Drei- bis Sechsjährigen sein, sagt die Autorin. Kleidchen und Krönchen, die gehörten schon dazu, weil kleine Mädchen so etwas eben liebten. Sie reagiert jedoch gereizt, wenn die Fee zur tüllverzierten Hülle reduziert wird. "Es geht nicht nur ums Anziehen. Es geht in den Geschichten vor allem darum, die Kinder in eine Traumwelt zu entführen - und Lillifee begleitet sie dabei."

Warnung vor Perfektion

Kleine Mädchen in rosarote Welten zu entführen, sei schon in Ordnung, sagt Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann im Gespräch mit der FR. Bergmann ist einer der renommiertesten Kinder- und Familientherapeuten Deutschlands. Eltern müssten allerdings "ein Gegengewicht sein zu dieser Welt". Gerade in der heutigen Zeit definierten sich zu viele Kinder über solch "perfektionierte Medienfiguren" wie Lillifee oder Barbie. Wenn ein Kind nicht zum Ausgleich draußen mit anderen spiele, sich bewege, den eigenen Körper spüre, "dann kann da nichts Gutes bei rauskommen". Bergmann zufolge könnten daraus narzisstische Kränkungen unterschiedlicher Schwere erwachsen, was zur Folge haben kann, dass Kinder schon nach der kleinsten Enttäuschung oder Niederlage aufgeben.

Doch die rosaroten Welten ziehen nicht nur die primäre Zielgruppe der drei- bis sechsjährigen Mädchen in ihren Bann. Es scheint, als entdeckten auch deren Mütter die in ihnen schlummernde Prinzessin wieder - und nutzten nun die Gelegenheit, unerfüllte Kindheitsträume zu verwirklichen. So kamen zu den bundesweit 70 Musical-Shows nicht nur die Töchter im Feenkostüm, auch viele Mütter streiften zum Familienevent den Rüschenrock über und griffen zum glitterverzierten Feenstab. Psychologe Bergmann nennt das "eine enorme Infantilisierung der Gesellschaft".

Ein Hotelbetreiber im Münsterland nennt es Marktlücke: Er hat ein Lillifee-Zimmer eingerichtet - mit Himmelbett und allem drum und dran. Und das buchen nicht nur Eltern, die ihren Töchtern eine Freude machen wollen.

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