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Porträt Wer kennt Krystyna Stypulkowska?

Eine polnische Dolmetscherin spielte die weibliche Hauptrolle in „Spur der Steine“. Jetzt heißt sie Misses Smith und lebt in Amerika. Zu Besuch bei einer Unbekannten.

02.12.2011 16:53
Matthias Dell
Die Schauspielerei war eine frühe Episode in ihrem Leben. Krystyna Stypulkowska in ihrem Garten in Arlington. Foto: Matthias Dell

Eine polnische Dolmetscherin spielte die weibliche Hauptrolle in „Spur der Steine“. Jetzt heißt sie Misses Smith und lebt in Amerika. Zu Besuch bei einer Unbekannten.

Arlington, Virginia fängt da an, wo Washington D.C. aufhört. Man könnte auch sagen, Arlington macht einfach weiter mit Washington D.C.: Verwaltungsödnis und Eigenheimakkuratesse. Keine Stadt, derentwegen man von Amerika träumt. Das Gehen auf dem schmalen Bürgersteig macht verdächtig, die Aufmerksamkeit der Leute ist hoch. Schließlich, am Ende einer kleinen Straße im Viertel Williamsburg, ein verwilderter Besitz: unruhig umwaldet, grobe Büsche, leuchtende Blüten. Auf das Klingeln öffnet eine zierliche Frau, die einen riesigen, bellenden Pudel davon abhält, den Besucher anzuspringen.

Die Frau ist Krystyna Stypulkowska. Sie spielte die weibliche Hauptrolle in Frank Beyers legendärem Film „Spur der Steine“, die Figur der Bauingenieurin Kati Klee. Krystyna Stypulkowska wurde in Deutschland eigentlich nie bekannt. Eine paradoxe Situation: Einerseits ist „Spur der Steine“ eine Art Synonym für das DEFA-Filmschaffen. Andererseits ist es eigentlich kein DDR-Film, weil ihn in der DDR nie jemand hatte sehen können, der Film wurde 1966 verboten wie alle Filme aus diesem Jahrgang, und erst im Herbst 1989 wieder aufgeführt.

Zufällig zum Film gekommen

Krystyna Stypulkowska hat „Spur der Steine“ 1991 das erste Mal gesehen. Im Goethe-Institut von Washington. Sie sagt, dass sie ihre Rolle mochte. Sie sagt aber auch, dass sie dieses Zuviel an großer, schwerer Politik gestört habe: „Man hätte das einfacher erzählen können.“ Sie sagt das direkt, nüchtern, unprätentiös.

Krystyna Stypulkowska ist eigentlich gar keine Schauspielerin. Sie ist Übersetzerin, geboren in Warschau 1939. Die Mutter legt Wert auf Sprachen, und so lernt Krystyna als Kind von einem Franzosen die fremde Sprache nebenher. Später studiert sie Romanistik, auch in Paris, lernt weitere Sprachen, Italienisch, Englisch. Sie dolmetscht, wenn Yves Montand oder René Clair Polen besuchen.

Zum Film ist sie zufällig gekommen. Andrzej Wajda hatte eine junge Frau für seinen nächsten Film gesucht, sie geht hin, weil Wajda sie interessiert, „Asche und Diamant“ ist gerade herausgekommen, der Wajda-Film, der Polen-Film. Und sie bekommt die Rolle. „Die Kamera mochte mich, und ich mochte die Kamera.“

Der Film, den Wajda 1960 mit ihr dreht, heißt „Die unschuldigen Zauberer“. Ein Aufbruchsfilm, ein Film über eine junge Generation, die das Recht ihrer eigenen Geschichte einklagt, nicht mit großer Geste, sondern durch verführerischen Ennui. In den 60-Jahren sind überall in Europa solche Filme entstanden, Wajdas „Die unschuldigen Zauberer“ ist einer der ersten. „Wir waren die lustige Bude im Ostblock“, sagt Krystyna Stypulkowska. Ihr Credit im Vorspann steht über denen von Tadeusz Lomnicki und Zbigniew Cybulski, Roman Polanski spielt einen verdrucksten Bassisten. Lomnicki und Cybulski waren so was wie Eberhard Esche und Manfred Krug in der DDR, die männlichen Hauptdarsteller in „Spur der Steine“, Bühnenheld und Generationenidol.

„Kalifornien geht nicht“

„Die unschuldigen Zauberer“ ist im Grunde eine einzige Liebeserklärung an Krystyna Stypulkowska, Frank Beyer, der Regisseur von „Spur der Steine“, hatte den Film damals in Neu-Delhi gesehen. Ihre Figur, die zierliche, kurzhaarige Pelagia, steht im Mittelpunkt des Begehrens, während die modelhaften Schönheiten, mit denen sich Lominickis Bazyl langweilt, ihm den Hof machen. Eine Nacht haben Bazyl und Pelagia zusammen. Er: „Wenn ich in einer Lotterie gewinnen würde, würde ich mir ein Auto kaufen“, sie: „Ich würde reisen – Spanien, Italien, vielleicht Griechenland.“ Am Ende geht sie einfach, aber das wurde noch geändert; wenn schon die polnische Jugend sich unbeeindruckt von den Errungenschaften des Sozialismus zeigte, dann musste wenigstens im Geschlechterverhältnis Ordnung herrschen. Zensur kannte sie also schon und „Spur der Steine“ war keine neue Erfahrung.

Zurück in Arlington. „Ich habe das Haus wegen des Blicks gekauft“, sagt Mister Smith, der amerikanische Mann von Krystyna Stypulkowska. Das Haus liegt leicht erhöht, und unter ihm tut sich der weite Garten auf. „Die anderen haben riesige Häuser mit kleinen Gärten, bei uns ist es umgekehrt“, sagt Krystyna Stypulkowska. Europa in Amerika. Aber warum ausgerechnet Arlington – San Francisco etwa ist doch viel schöner, viel europäischer?

„Kalifornien geht nicht“, sagt Krystyna Stypulkowska entschieden, zu weit weg von Europa. Sie fahren jedes Jahr mindestens einmal hinüber, nicht nur nach Polen. Dieses Jahr die erste Kreuzfahrt, Venedig, Griechenland, Istanbul. „Ich habe ja nur 20 Tage Urlaub im Jahr, use it or lose it.“

Krystyna Stypulkowska arbeitet noch Vollzeit. Sie bildet für das State Department Diplomaten aus, zum Büro sind es ein paar Minuten von hier. Es ist kein bloßer Verwaltungsjob, es ist die Konsequenz aus ihrem Leben, die Verbindung ihrer schauspielerischen Fähigkeiten – die man immer noch spürt, wenn sie sich wunderbar herablassend über den kleingeistigen Nationalismus von polnischen Politikern äußert – mit der Neugier auf die Welt, die Begeisterung für fremde Sprachen, die sie selbst heute noch lernt; vor der Spanienreise vor ein paar Jahren hat sie lauter Telenovelas geguckt.

Krystyna Stypulkowska lehrt interkulturelle Kommunikation, wo es um Codes, Sitten, Gebräuche geht, das alltägliche Nationaltheater, das kennen muss, wer sich diplomatisch verhalten will. Madeleine Albright war ihre Schülerin, sie hat, als sie Anfang der 80er- Jahre in Polen war, ihre Mutter besucht.

Kein Museum des eigenen Ruhms

Das erzählt sie eher nebenbei. Auch dass ihre Studenten manchmal ihre Filme entdecken und dann ganz aufgeregt sind: Warum haben Sie uns nichts davon erzählt? Für Krystyna Stypulkowska ist der Film eine Episode ihrer Biografie, lange her.

Ihr Leben schildert sie nicht als Museum des eigenen Ruhms, voller Prominenter, die sie kannte, Politiker und Künstler, Carters Sicherheitsberater Brzezinski, Kieslowski, Peter Brook, Roger Blin, dessen Theater sie in den 70er-Jahren, als sie nach der ersten Ehe in Amerika in Paris lebte, sehr gemocht hat. Krystyna Stypulkowska lebt in der Gegenwart.

Und so klingt ihre Stimme an diesem Sonntagnachmittag am freudigsten, wenn sie von dem Computerprogramm spricht, das sie zuletzt entwickelt hat. „Das muss ich Ihnen zeigen“, sagt sie und steht schon im Nebenraum, fährt den Computer hoch, macht begeistert Handzeichen, die hier dieses und dort jenes bedeuten.

Ihr Leben ist eine globalisierte Biografie avant la lettre, ein Spaziergang zwischen den Welten, dessen Schritte sie sich nicht hat vorschreiben lassen. Einen Tag vor der Niederschlagung des Prager Frühlings ist sie aus Polen ausgereist, durch Heirat mit einem jungen Amerikaner. Der zweite Amerikaner, den sie geheiratet hat, ist Michel Smith. Einige Jahre älter, gewesener Diplomat, Kindheit in Deutschland in den 30er-Jahren, nach dem Krieg dort Konsul, auch ein Kosmopolit, auch ein Entkommener: Einen Tag, bevor 1979 in der US-Botschaft in Teheran die Angestellten als Geiseln genommen wurden, ist er ausgereist.

Der Doppelname wird eingekürzt

Krystyna Stypulkowska ist nur weggegangen damals, sie ist keine Renegatin. Ihre Abneigung gegen die Enge des sozialistischen Ostens hat sie nicht zu den Illusionen des kapitalistischen Westens überlaufen lassen. Sie hatte auch in den USA kein Bedürfnis, sich an Regeln zu halten, die sie unsinnig fand. An dem College, an dem sie Ende der 60er-Jahre unterrichtete, ließ sie einmal einen Basketballspieler durchfallen, der nie in ihrem Kurs erschien. Der Dekan intervenierte, so gehe man nicht mit einem College-Star um. „Er war nicht einmal da, hielt sie dagegen, also fällt er durch.“

Krystyna Stypulkowska-Smith verkürzt ihren Doppelnamen häufig auf die zweite Hälfte, „er passt einfach nicht auf eine Kreditkarte“. Der Name Smith mag das Rubrum alleramerikanischster Gewöhnlichkeit sein, in diesem Haus verbirgt sich hinter ihm ein eigener Geist.

Beim Abschied blickt der Riesenpudel durch die Fenstertür in den Garten. „Wir können ihn nicht rauslassen“, sagt Krystyna Stypulkowska. „Er würde die Nachbarschaft terrorisieren.“

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