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Polen Geliebte Panzer

In Polen müssen kraft eines neuen Gesetzes Hunderte Denkmäler abgerissen werden. Dahinter steht die „Dekommunisierung“ – ein Schlüsselbegriff der Politik der PiS-Regierung.

Panzer
Das „Denkmal der Dankbarkeit“ ist das Wahrzeichen der Stadt Drawsko, die am größten Truppenübungsplatz Polens liegt. Und an der schönsten Kajak-Strecke. Foto: Nancy Waldmann

Das älteste Bild in seinem Fotoalbum zeigt Daniel Puchalski als Dreijährigen vor den beiden Panzern stehend. „Die Panzer gehören für mich einfach zur Stadtarchitektur“, sagt Puchalski. Und auch Eryk Krasucki hat ein Lieblingsfoto mit den Kriegsgeräten: Darauf hüpft er mit einem lila Regenschirm in der Hand vom Panzer, während sein Sohn vorn auf der Kettenrolle hockt. Krasucki findet die Panzer in gewisser Hinsicht wertvoll, weil die Menschen in der Stadt sich die Kolosse auf verschiedenste Art zu eigen gemacht haben.

Wenn jemand in Drawsko, einer Kreisstadt im polnischen Westpommern, wissen will, wie er nach Stettin kommt, heißt es: geradeaus bis zu den Panzern und dann rechts. Die Touristeninformation verkauft Kühlschrankmagneten mit den beiden sowjetischen T-34, die als Originale neben der Grundschule auf einem Sockel stehen. Das „Denkmal der Dankbarkeit“ ist das Wahrzeichen der Stadt, die am größten Truppenübungsplatz und am schönsten Kajaklauf des Landes liegt. Polens Regierung will, dass es rasch verschwindet.

Das „Denkmal der Dankbarkeit“ stand im vergangenen Jahr gleich an erster Stelle der Abrissliste, die das Institut für Nationales Gedenken vorbereitet hatte. Sie führte ein gutes Dutzend Beispiele an, damit die Abgeordneten im Warschauer Parlament wussten, worüber sie am 22. Juni abstimmten. Das Gesetz Nr. 1389/2017 verbietet „Propaganda des Kommunismus und anderer totalitärer Systeme durch Denkmäler“, es ging mit nur sieben Gegenstimmen durch.

„Denkmal der Dankbarkeit?“, überlegte Daniel Puchalski, als er damals durch die Gesetzesvorlage auf seinem Bildschirm scrollte. Puchalski ist im Rathaus von Drawsko Pomorskie für Denkmalpflege zuständig. Er ist Anfang 30, die zwei T-34 kennt er, seit er denken kann. Früher konnte man sogar ins Innere klettern. „Ich habe das nie als Denkmal für irgendwas betrachtet. Schon gar nicht als Erinnerung an den Kommunismus.“ Puchalski grinst und schüttelt den Kopf.

Für die regierende konservative Partei Recht und Gerechtigkeit von Jaroslaw Kaczynski, ist Antikommunismus Staatsräson. Das soll sich auch in den Straßen und auf den Plätzen des Landes widerspiegeln. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wird neu justiert. Das Jahr 1945: Es war keine Befreiung vom Nazi-Terror, sondern lediglich ein Wechsel zweier gleichermaßen schrecklicher Okkupanten. Die Deutschen wurden vertrieben, es kamen die Kommunisten. Bis 1989 herrschte Totalitarismus, so definiert es das Gesetz. Tausende von Straßen mussten polnische Gemeinden 2017 umbenennen. Nun sind die Denkmäler dran: Siegesobeliske, Denkmäler für die polnisch-sowjetische Waffenbrüderschaft, selbst die Tafel von Rosa Luxemburgs Elternhaus in Südostpolen, Hunderte Objekte verschwinden von den Straßen und Plätzen. Nicht von Friedhöfen, wohlgemerkt.

In Drawsko dachten sich Puchalski und seine Kollegen: „Wir dekommunisieren das Denkmal selbst, machen eine neue Inschrift, benennen es um.“ Er schrieb eine E-Mail an Pawel Knap vom Institut für Nationales Gedenken, Abteilung Stettin, eine Art Geschichtsbehörde. Die Antwort: „Solche Umarbeitungen sind im Gesetz nicht vorgesehen. Die Panzer gehören beseitigt.“

Knap sitzt in einer sanierten altpreußischen Kaserne und prüft jedes Denkmal in der Umgebung, er empfiehlt Beseitigung – oder auch nicht – in einem Gutachten. Knap, gleiche Generation wie Puchalski, leistet sich keine augenzwinkernden Kommentare. „Die Rote Armee brachte Gefangenschaft, keine Befreiung“, sagt er. „Sie marschierte 1939 in Polen ein und verschleppte Hunderttausende Polen nach Sibirien. Die Rote Armee war Stalin unterstellt, und der wollte Polen unterwerfen und ausbeuten. Dieses Denkmal glorifiziert die Rote Armee.“ Das letzte Wort hat aber nicht Knap, sondern der Wojewode, der Vertreter der Zentralregierung in den Regionen. Seit April prüft er, ob die Gemeinden ihre illegalen Denkmäler beseitigt haben.

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