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Place du Jeu de Balle Brüssel Unter dem Pflaster der Zaster

Der Place du Jeu de Balle gilt mit seinem Trödelmarkt als heimliches Herz Brüssels – nun legt eine Tiefgarage das Leben dort lahm. Bald werden die Bagger am Place du Jeu de Balle rollen.

Auf dem Jeu de Balle gibt es Trödel und Nippes, aber auch ein Stück Kultur, das sonst nirgends in der Stadt zu finden ist. Foto: Imago

Kräftig gerumst hat es bei dem Gerangel. Und hinterher hieß es aus dem Brüsseler Rathaus, die historische Holztür zum Ratssaal habe unter den Attacken der Demonstranten gelitten. Es nützte nichts. Die Stadtherren zeigten sich uneinsichtig: Vier neue Parkhäuser haben sie Brüssel jetzt geschenkt, eines ausgerechnet unter dem Place du Jeu de Balle, dem wohl urigsten Platz Brüssels. Und so ist nach einem denkwürdigen Beschluss nicht nur die schwere Tür zum Ratssaal beschädigt. Denn auf dem Jeu de Balle mit seinem kleinen Trödelmarkt schlägt das heimliche Herz Brüssels.

Um den Herzschlag zu spüren, muss man das Rathaus am Grande Place nur hinter sich lassen und auch die Touristen am Manneken Pis. Immer weiter nach Süden. Das Kopfsteinpflaster weist den Weg in die Marollen, eine bunte Mischung aus Galerien und Second-Hand-Läden. Und Kneipen, die keine Spelunken mehr sind, aber auch noch nicht Bar. Gäbe es einen Monsieur Lehmann in Brüssel, Sven Regener würde ihn wohl hier leben lassen. Und Herr Lehmann würde hier auf jede Menge Weizen-Rainer treffen. Aber bald wohl leider auch vermehrt auf die langweilige Fanta-Variante.

Dabei haben sie das Viertel noch heftig gefeiert im Vorjahr. Da kam „Chantier de la Gosse“ wieder in die Programmkinos der Stadt, ein Film aus den 50er-Jahren, der die Stimmung auf den Marollen einfängt. Kleinhändler, Arbeiter, Lebenskünstler, bei dieser Mischung ist es bis heute rund um den Jeu de Balle geblieben. Während das „Marseillaise“ schließt, geht nebenan im „Clef d’or“ schon wieder das Licht an. Und zwei Häuser weiter brutzeln an diesem kaltgrauen Dezembermorgen im „Charlotte“ schon die ersten Bouletten. „Es ist vorbei“, ruft Philippe und eilt aus seiner Küche.

Im Prenzlauer Berg würde man ihn wohl Feinkosthändler nennen. Aber der Jeu de Balle ist nicht Berlin. Und deshalb braucht Philippe auch auf seiner Visitenkarte keinen Nachnamen. Philippe würde auch niemals Burger sagen. Schließlich hat der Mann Stil. Und Sinn für’s gute Essen.

Die Sandwiches bestreicht er nach den Wünschen der Gäste mit Butter oder Margarine, es gibt Pastete aus den Ardennen oder Fisch aus der Nordsee. Cornichon? Senf? Salat? Oder doch lieber eine „Boudin blanc“, eine Mischung aus bayrischer Weiß- und Pfälzer Leberwurst vom Grill? Man ahnt es, das Leben am Jeu de Balle ist nichts für Anhänger der Gesundheitskarte. Aber für Freunde des trinkfesten Lebens.

Mit dem Trubel ist Schluss

In zweiter Generation führt Philippe den Laden, seit 22 Jahren steht er hinter der Theke. Und wenn man ihn fragt, was denn die Atmosphäre hier ausmache, dann zeigt er nur auf den Platz. „Das sieht man doch. Hier heißt es leben und leben lassen.“

Drüben auf dem Platz bauen die Händler für den Flohmarkt bereits ihre Stände auf. Es gibt alte Messinglampen und Porzellanelefanten, Teller und Besteck. Klassischer Trödel. Und natürlich Ardenner Bauernschränke. Doch mit dem Trubel auf dem Jeu de Balle ist im kommenden Mai Schluss. Dann sollen die Bagger kommen und das Kopfsteinpflaster aufreißen – für eine Tiefgarage.

Wer aber Brüssel kennt, der weiß, das Bauen kann hier dauern. Da genügt vom Jeu de Balle ein Blick den steilen Berg hinauf. Mächtig thront der Justizpalast über der Stadt. Und mächtig grüßen auch die Gerüstfassaden. Seit Jahren stehen sie dort. Die Renovierung an dem Riesenbau kommt nicht voran.

Schon sein Architekt Joseph Poelaerts wurde Ende des 19. Jahrhunderts über dem Bau irre. Und W.G. Sebald lästerte, „dass es in diesem mehr als 700 000 Kubikmeter umfassenden Gebäude Korridore und Treppen gebe, die nirgendwo hinführten und türlose Räume und Hallen, die von niemandem je zu betreten und deren ummauerte Leere das innerste Geheimnis sei aller sanktionierter Gewalt“.

Die sanktionierte Gewalt hat nun zugeschlagen und dem Jeu de Balle eine Tiefgarage beschert. „Die Strategie ist doch klar“, sagt Kenneth Mottar „sie wollen das Viertel für die Reichen aufhübschen.“ Von BoBo spricht Mottar, der bourgeoisen Bohème. Europa und sein wachsendes Gefolge fordern von Brüssel ihren Tribut.

Mottar, 32, ist Grafiker und lebt im Viertel. Den Wintermantel hat er fest zugezurrt, in der Hand qualmt eine Zigarette. Er steht vor dem Café „Chaff“ und sagt: „Ein altes Möbel ist eben ein altes Möbel. Das wird durch Aufarbeiten nicht unbedingt schöner.“ So halten sie es hier. Auf dem Flohmarkt. Und in den engen Gassen um den Jeu de Balle. „Hier schlägt das Herz von Brüssel“, sagt Mottar.

In den Kneipen ringsum schlägt dieses Herz recht demokratisch. Es ist die alte romanische Bistro-Kultur. Bei Bier oder Pernod diskutiert hier der Rentner mit dem Banker. Weniger über Politik. Aber über das Leben. Ein seltener Fall von zweckfreiem Gedankenfluss im eurozentristischen Brüssel. Das ist bald vorbei. Unter dem Pflaster lauert der Zaster. Deshalb soll hier gegraben werden.

Und so rollen am Jeu de Balle bald die Bagger. In einem Viertel, dessen enge Gassen ohnehin nur wenig Autos vertragen. „Zudem gibt es am Justizpalast schon eine Tiefgarage“, schimpft Philippe. Drüben auf dem Platz frisst sich die Kehrmaschine durch den Abfall und den grauen Tag. Sie haben es bald asphaltglattgefegt, das alte Brüssel.

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