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„Pick-up-Artist“ Auf die üble Tour

Der junge Amerikaner Julien Blanc zeigt Männern in Seminaren, wie sie Frauen schnell und durchaus auch mit Gewalt gefügig machen.

To match feature LASVEGAS/CASINOS
Frauen gegenüber empfindet Julien Blanc offenbar nur Verachtung. Foto: REUTERS

Der junge Amerikaner Julien Blanc verdient sein Geld damit, dass er anderen Männern beibringt, wie man erfolgreich Frauen anspricht, und zwar zu dem einzigen Zweck, sie ins Bett zu bekommen – mit ihnen Sex zu haben. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen, Blancs „Kunst“ ist eingehend auf dem Videoportal Youtube zu studieren, stundenlang, ganze Seminare: Sogenannte Bootcamps bereiten die nicht unbedingt paarungswilligen, aber dafür beischlafbereiten Jungmannen auf den Ernst des Lebens vor.

Sogar der Einsatz auf der „freien Wildbahn“ (Blanc) ist uns überliefert, gewissermaßen der Praxistext fürs zuvor Gelernte. Auf verwackelten Videos sehen wir den Amerikaner in Tokio, wie er sich offenbar willige Japanerin greift und ihren Kopf in Richtung seines Schrittes drückt. „In Tokio kannst du als weißer Mann machen, was du willst. Ruf einfach Pokémon oder Pikachu und greif sie dir.“ Blanc kennt keine Grenzen, einmal in Fahrt, weiß er auch, dass Frauen gerne hart rangenommen werden, zu ihrem Glück gezwungen werden. Vergewaltigung heißt das.

Der 25-Jährige nennt sich „Pick-up-Artist“, ein professioneller und leidlich charmanter Aufreißer ist er in jedem Fall. Gegenüber Frauen, den letztlich wehrlosen, ihm ergebenen Opferlämmern, empfindet er offenbar nur Verachtung, sein männliches Seminarpublikum unterhält er dagegen mit so gesetzten wie deftigen Worten – die schenkelklopfenden, männerbündischen Lacher sind ihm gewiss. Er scheint einen Nerv zu rühren, er selber sei auch einmal sehr schüchtern gewesen, erklärt Blanc verständnisvoll; das sei aber kein Grund zur Sorge – jeder könne erfolgreich sein.

Erfolg ist lernbar, lautet das Credo der Firma Real Social Dynamics (RSD), für die Blanc und eine Reihe weiterer Instruktoren arbeiten. „Wer möchte mein persönlicher Begleiter sein, wenn ich dich in die wirkliche Welt mitnehme und dir Schritt für Schritt zeige, wie du dich richtig an Frauen heranmachst?“ So steht es auf der Website des amerikanischen Unternehmens, das dreitägige Bootcamps für 2000 bis 2500 Dollar anbietet, die exklusive Einzelbetreuung durch einen – hier erscheint das Wort auf zynische Weise passend – persönlichen Drill-Sergeant kostet 4500 Dollar. Nicht nur gegen Julien Blanc, sondern auch gegen RSD macht sich längst Unmut breit. Auf Twitter versammelt sich der Protest unter den Hashtags #takedownjulienblanc und #takedownrsd, und seitdem RSD seine Bootcamps auch in München, Frankfurt und Berlin ankündigt, haben sich sogar deutsche Politikerinnen zu Wort gemeldet. Und die Betreiber der Seite change.org konnten mit über 50 000 Unterstützern weltweit bereits RSD-Veranstaltung in Australien verhindern, indem sie die beteiligten Hotels dazu brachten, von Blanc angemietete Räume wieder zu stornieren.

Selbst ernannte Profis

Das Phänomen des Pick-up-Artists ist nicht neu. Schon länger treiben selbsternannte Profis im Netz und vor allem in den sozialen Netzwerken und Foren ihr Unwesen. Diese „Pros“ teilen Bilder und Filme von „erfolgreichen Pick-ups“ oder „Abschleppaktion“, sie helfen ihrer Gemeinde mit Rat und Tat. Schlimm genug: Der frauenverachtende und doch auch mitleiderregende Schmonzes testosterontrunkener, hybrisgestählter Vollbolzen verharmlost die immer noch herrschenden gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse gegen Frauen als sportliche Übung und lustigen Zeitvertreib.

Doch die echten Profis von RSD sind da längst weiter. Auf der Unternehmens-Site wird für 29,95 Dollar das Buch „The Physical Game“ eines auch in Deutschland tätigen Bootcamp-Leiters angeboten, „Ozzie“ heißt der Mann und der Untertitel seines Werks verspricht, „wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt“. RSD ist nach eigenen Angaben in 70 Ländern tätig und vertreibt mit „RSD-Mastermind“ auch Lern-DVDs. Der Bedarf scheint da, einige der auf Youtube anzuschauenden Seminar-Videos von Julien Blanc erreichen über 180 000 Zuschauer.

Offenbar haben wir es mit einem lukrativen Geschäftsmodell zu tun. Und in dem findet, wie Blancs Tokio-Auftritt deutlich zeigt, auch jede Menge rassistischer und sexistischer Bullshit seinen Platz. Möglicherweise sogar strafrechtlich Relevantes: Blanc veröffentlicht unter dem Hashtag #ChokingGirlsAroundTheWorld (Frauen auf der ganzen Welt würgen) seine Erlebnisse, zusammen mit seinen Seminar- und Video-Auftritten kommt sein Gebaren dem Aufruf zur Vergewaltigung von Frauen gleich. Warum eigentlich nimmt sich die Staatsanwaltschaft nicht der RSD und ihrem Personal an?

Immerhin, #ChokingGirlsAroundTheWorld wurde mittlerweile von Blanc-Gegnern gekapert; seine Tweets offeriert der Amerikaner nur noch ausgewählten Followern. Ein Grund zur Beruhigung ist das allerdings nicht, und zwar nicht nur, weil RSD und Konsorten mit der Ausnahme von Australien, wo Blanc mittlerweile das Visum entzogen wurde, weiterhin ihren Bockmist verbreiten können. Und auch nicht nur, weil es selbst in zivilisierten Ländern wie Deutschland hinreichend vielen Männern immer noch nicht möglich ist, ihre sexuellen Bedürfnisse anders als gewalttätig zu artikulieren.

Menschenverachtendes Programm

Denn ein etwas genauerer Blick auf das RSD-Seminarangebot zeigt das vertraute Sammelsurium einschlägiger Flirttipps, wie sie uns eigentlich überall begegnen, nur dass sie bei den Pick-up-Artists im Zeichen totaler Machbarkeit erscheinen: Der zu „verführende“ Mensch, das Gegenüber verliert in dieser Perspektive alle seine Eigenheiten und wird zum bloßen, beliebig manipulierbaren Gegenstand. RSD und ihre Adepten predigen die Totalverdinglichung des Menschen. Das menschenverachtende Programm erinnert in seiner Striktheit an das Evangelium einer Sekte.

Das besonders Perfide an diesem Evangelium ist, dass es die Verdinglichung im Namen des Charaktervollen propagiert. Alles käme darauf an, so Blanc in einem seiner Bootcamp-Videos, der Frau als „Persönlichkeit“ zu erscheinen. Und dann zählt er eine Reihe von Tricks auf, die auch in jedem Rhetorik-Seminar gelehrt werden und deren mehr oder weniger gelungene Performance uns Politiker, Firmenjubiläums- oder Geburtstagsredner tagtäglich vorführen. In dieser Hinsicht ist RSD nur der restlos pervertierte Teil der ubiquitären Vertrauenserschleichungsindustrie, die unser öffentliches, auch das politische Leben längst schon verpestet.

Blanc zeigt das an einem harmlosen Beispiel. „Persönlichkeit“, da ist er sich gewiss, lässt sich auch noch bei dem banalsten Thema herstellen, es käme nur auf den „Frequenzwechsel“ an. Stellen wir uns einmal eine Plastikflasche mit Mineralwasser vor und rufen auftrumpfend und etwas zu laut: „Das hier ist wunderbares, überaus gesundes, herrlich kühles und allemal erfrischendes Wasser!“ Dann wechseln wir schnell das Register und schlagen einen vertraulichen Ton an: „Ich sage dir mal ganz unter uns, wenn du davon einen Schluck nimmst, dann wirst du das nicht vergessen ...“

Eine kurze Pause unterstreicht die Bedeutung des Gesagten, doch soll unser kleiner Vortrag nicht langweilig werden, weshalb wir der Stimme nun eine drohende Schärfe geben: „Wenn du jetzt nicht zugreifst, dann ist dir nicht mehr zu helfen – eine solche Chance bekommst du nicht wieder.“ Und weil das vielleicht etwas zu einschüchternd und deshalb abstoßend war, schieben wir noch Versöhnliches hinterher: „Na also, geht doch! Du musstest nur den inneren Schweinehund überwinden. Merkst du, wie gut dir das Wasser tut?“ Der Zuhörer darf sich geschmeichelt fühlen.

Der „Frequenzwechsel“ durchläuft innerhalb kürzester Zeit verschiedene Tonlagen und erweckt nicht nur den Eindruck des Lebendigen, sondern erhöht vor allem die Wahrscheinlichkeit, bei seinem Gegenüber auf eine, wie Blanc es richtig nennt, resonierende Schicht zu treffen, also etwas zum Schwingen zu bringen, das zuverlässig den Eindruck des Angesprochen- oder sogar Gemeint-seins hervorruft. Das ist ein bewährter rhetorischer Kniff, man schaue und höre nur einmal den etwas begabteren Rednern im deutschen Bundestag zu – mit dem „Frequenzwechsel“ zum Erfolg. Im RSD-Falle aber heißt das konkret: Sollte Ihnen beim nächsten Kneipenbesuch ein hyperventilierender, dauerquasselnder, hochdynamischer Testosteron-Troll begegnen, wenden Sie sich sofort an das Tresenpersonal oder die Türsteher. Es dient Ihrer eigenen Sicherheit.

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