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Peru „Feminismus ist die wichtigste Revolution des 20. Jahrhunderts“

Aber eben auch sehr langwierig, sagt Virginia Vargas. Sie ist Mitbegründerin der peruanischen Frauenbewegung und eine der bedeutendsten Feministinnen Lateinamerikas. Für sie liegt die Kraft der Frauen des Kontinents in deren Diversität

Frauenbewegung in Peru
?... und ganz zum Schluss kommen die Frauen?: Peruanische Frauen bei einer Kundgebung am 8. März 2018 in Lima. Foto: rtr

Nachdem ihr Vater stirbt, wächst sie in Armut auf. Später heiratet sie einen Mann, der sie misshandelt und demütigt. Doch eine Scheidung ist rechtlich verboten, also flieht sie mit ihren Kindern. Das aber gilt als Ehebruch. Doch selbst die Justiz kann sie nicht zwingen, weiter mit dem Tyrannen zusammenzuleben. Als ihr Mann später versucht, sie zu ermorden, überlebt sie die Schussverletzungen nur knapp. Ihr Name: Flora Tristan.

Sie ist eine der ersten Frauen, die sozialistische mit feministischen Gedanken verbindet. Bereits fünf Jahre bevor Karl Marx und Friedrich Engels 1848 das „Kommunistische Manifest“ veröffentlichen, ruft sie die Proletarier in einer Kampfschrift dazu auf, sich in einer Arbeiterunion zu organisieren. „Der unterdrückteste Mann kann immer noch ein anderes Wesen unterdrücken – nämlich seine Frau. Die Frau ist die Proletarierin des Mannes“, schreibt sie wenig später.

Nach dieser französischen Sozialistin und Frauenrechtlerin wird mehr als 100 Jahre später das erste peruanische Frauenzentrum benannt, das „Centro de la Mujer Peruana Flora Tristan“. Ziel des Zentrums ist es, die strukturellen Ursachen zu bekämpfen, die die Frauen daran hindern, ihre Bürgerrechte auszuüben. Dazu gehören Kampagnen gegen Frauenmorde und gegen sexistische Werbung sowie Gesundheitsprogramme. Die Gründerin des Zentrums, Virginia Vargas, erklärt die Namenswahl so: „Tristan war eine uneheliche Tochter, eine unglückliche Ehefrau und eine Mutter ohne Rechte. Aber trotzdem war sie mutig, selbstständig, eine unermüdliche Kämpferin für die Arbeiter und die Frauen. Deshalb haben wir ihren Namen ausgewählt – weil sie sowohl Sozialistin als auch Feministin war.“

Flora Tristan und Virginia Vargas haben vieles gemeinsam: Beide haben unter schwierigen Bedingungen für die Frauenemanzipation gekämpft, beide haben sich als Töchter wohlhabender Väter für die Arbeiterklasse eingesetzt und beide haben eine enge Verbindung zu Peru. Flora Tristan reiste nach Peru, um die Familie ihres verstorbenen adeligen Vaters um finanzielle Hilfe zu bitten. Die wurde ihr verwehrt. Stattdessen waren es die Erfahrungen in diesem Land, die später starken Einfluss auf ihr feministisches Denken hatten. In ihrem zweibändigen Reisebericht „Meine Reise nach Peru. Fahrten einer Paria“ übte sie Kritik an der Sklaverei und formulierte erstmals wichtige Einsichten zur doppelten Unterdrückung der Frau durch Klasse und Geschlecht. Bis heute ist Tristans Arbeit grundlegend für die lateinamerikanische Frauenbewegung.

Auch für Virginia Vargas ist Flora Tristan ein Vorbild. 2017 hat die 72-Jährige einen Vortrag beim größten Treffen lateinamerikanischer Feministinnen in Montevideo in Uruguay gehalten, an dem rund 2200 Frauen aus mehr als 30 Ländern Lateinamerikas und der Karibik teilnahmen. Das Thema ihres Vortrags: Die Vielfalt der lateinamerikanischen Feminismen. Vargas ist klein, aber ihr bestimmtes Auftreten lässt sie größer wirken. Hunderte Frauen sind gekommen, um ihr zuzuhören. Die meisten kennen sie unter ihrem Spitznamen „Gina“. Zu lange habe es einen „weißen“ Feminismus gegeben, obwohl in Lateinamerika auch indigene und schwarze Frauen leben, so Vargas. Dabei sei die Stärke des Kontinents seine Diversität.

Vargas’ Aussage „Wir Frauen müssen uns nicht lieben, aber wir brauchen uns“ sorgte im Anschluss für einige Diskussionen. Ihrer Meinung nach sei es ein Mythos des Feminismus, dass alle Frauen Schwestern seien und sich aus Liebe zusammenschlössen. „Wir können unseren Kampf nicht auf Liebe stützen. Die Liebe versteckt Privilegien, sie versteckt zum Beispiel ungleiche Machtverhältnisse zwischen schwarzen und weißen, armen und reichen, indigenen und europäischen Frauen.“ Deshalb spricht die Aktivistin auch von vielen Feminismen. Ihrer Meinung nach gehe es beim Feminismus nicht nur ums Geschlecht, sondern auch um Kapitalismus, Kolonialismus und Rassismus: „Der Kampf gegen den Kapitalismus ist auch ein feministischer Kampf. Aber auch den Kapitalismus dürfen wir nicht für sich betrachten. Der Kapitalismus stützt sich auf das Patriarchat und die Kolonialisierung Lateinamerikas. Auch die Rasse wird zur Unterdrückung genutzt. Je ärmer die Menschen, desto billiger die Arbeitskraft – und ganz zum Schluss kommen die Frauen.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Peru

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