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Partnersuche beim Adel Durchlaucht bitten zum Ball

Wie die Hochwohlgeborenen tatsächlich ihre Partner finden.

30.07.2008 00:07
ANTJE HILDEBRANDT
STOLZ UND VORURTEIL Pride & Prejudice
Ein Ball von anno dazumal: So gediegen wie in "Stolz und Vorurteil" geht’s nicht mehr zu, wenn Deutschlands Hochgeborene auf Brautschau sind. Foto: dpa

Benedikt besitzt einen Gutshof, mehrere Hühner - und viel Sinn für Humor. Den braucht er auch in seinem Job. Benedikt ist von Beruf Sohn. Der 47-Jährige entstammt einer adeligen Familie, die auf ihrem hochherrschaftlichen Landsitz im schleswig-holsteinischen Düttebüll residiert.

Man könnte auf die Idee kommen, Benedikt, Immobilienbesitzer, Landwirt, Familienmensch, Naturfreund, sei eine gute Partie - und als solche längst in festen Händen. Doch auf der Brautschau war seine adelige Herkunft bislang eher hinderlich.

Das liegt in der Natur der Sache. Wer ihm das Ja-Wort gibt, heiratet auch seine Hühner und den Rest der Familie. Potenzielle Kandidatinnen scheint das bislang eher abgeschreckt zu haben. Notgedrungen hat sich der Düttebüller jetzt auf ein Terrain vorgewagt, das in adeligen Kreisen als absolute No-Go-Area gilt. Er sucht, nein castet eine Frau via TV.

Am Sonntag zeigt Sat.1 die erste Folge von "Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau". Neben dem Spaßvogel Benedikt durften sich auch Familienmensch Constantin(44), Wirbelwind Moritz (37) und Galerist Michael (42) unter hunderten von Bewerberinnen je fünf Favoritinnen aussuchen. Nacheinander treten die Damen in so unterschiedlichen Disziplinen wie Stallausmisten, gepflegte Konversation und Picknick im Grünen gegeneinander an.

Ein Kamerateam begleitet die Auserwählten bei ihren ersten Gehversuchen in einer Welt, von der einer ihrer bissigsten Kritiker, der Schriftsteller Joseph Graf von Westphalen, einmal gesagt hat, sie sei resistent gegen "den jeweils herrschenden Zeitgeist, gegen gesellschaftliche Veränderungen und "das moderne Anything-goes-Gefühl".

Genau das aber mache den Adel "zur idealen Projektionsfläche für alberne Träume". Heute will sich der Graf zu diesem Thema nicht mehr äußern. Der Flurschaden, den er mit solchen Kommentaren angerichtet hatte, war offenbar zu groß.

In adeligen Kreisen hat die Nachricht von der Brautschau bei Sat.1 auch so schon genug Ärger erregt. Albrecht von dem Borne, der für die Vereinigung der Deutschen Adelsverbände (VdDA) das Adelsarchiv in Marburg verwaltet, spricht als einer der wenigen offen aus, was viele denken: "Das sind ganz arme Jungs, die so etwas nötig haben."

Tatsächlich? In Deutschland leben heute nach Angaben der VdDA rund 80000 Adelige, und fragt man Albrecht von dem Borne, wo die ihre Partner suchen, beim Speed-Dating, beim Betriebsausflug oder vielleicht über eine Partnervermittlung, gerät er ins Stottern. Er erzählt dann von einem Ball, zu dem die Vereinigung des hessischen Adels soeben ins kurfürstliche Schloss von Mainz Blaublüter aus ganz Europa eingeladen habe.

Es sei ein rauschendes Fest gewesen, die Gäste, gewandet in Smokings, Fracks oder glänzende Roben von Escada oder Dior, seien gar aus Frankreich und der Schweiz angereist. Offiziell, sagt der Spross einer ostelbischen Großgrundbesitzerfamilie, deren Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, dienten solche Bälle zwar nicht primär der Eheanbahnung. "Doch wer hübsch anzusehende Frauen sucht, wird dort fündig."

Albrecht von dem Borne, drei Kinder, zehn Enkel, scheint zu wissen, wovon er spricht. Seine eigene Frau hat er vor 41 Jahren ebenfalls bei einem Ball kennen gelernt, und seine Kinder haben es ihm nachgemacht."Die Familie ihrer Partner kannten wir natürlich auch", räumt er ein. Liebe in Zeiten der Emanzipation. Mag der europäische Hochadel auch längst so tun, als spielten Standesunterschiede für ihn keine Rolle mehr, mögen der holländische und der norwegische Thronfolger auch zu Maxima und Mette Mustermann unter die Haube geschlüpft sein - aus der Welt des niederen Adels will der kleine, aber feine Unterschied nicht verschwinden.

Wer es wagt, solche Rituale gesellschaftsfähig zu machen, fällt in Ungnade. Mit Schrecken erinnert sich Albrecht von dem Borne noch an die öffentlich zelebrierte Amour fou zwischen dem Hohenzollernprinz Ferfried, genannt: Foffi, und der von der Boulevardpresse als "Busenwunder" titulierten Tatjana Gsell. Ferfried war noch in dritter Ehe verheiratet, als er der vorbestraften Millionärswitwe den Hof machte, aber das war nicht das Schlimmste.

Ausgerechnet von RTL II ließ sich das ungleiche Paar auch noch bei den Hochzeitsvorbereitungen begleiten. 2006 zeigte der Krawallsender die vierteilige Dokusoap "Tatjana & Foffi - Aschenputtel wird Prinzessin". Obwohl die Hochzeit in letzter Sekunde wieder abgeblasen wurde, blieb der Adel dem Hohenzollernprinz gram. "Schwarze Schafe hat es zu allen Zeiten gegeben", sagt Albrecht von dem Borne achselzuckend. "Früher wurden die eben in die Kolonien geschickt."

Anruf bei einer adeligen Expertin für Etikette: Sybil Schleppegrell, geborene Gräfin Schönfeldt. Die Schriftstellerin hat zahlreiche Benimmratgeber veröffentlicht - allerdings unter ihrem Mädchennamen. Der fördert offenbar Vertrauen.

Schleppegrell sagt, sie selber habe ihren - inzwischen verstorbenen - Mann noch durch gemeinsame Freunde kennen gelernt, ein Adeliger, auch er. Aber in den fünfziger Jahren sei die Welt eben auch noch überschaubarer gewesen.

Ihre eigenen Söhne, tätig in der Architektur und der Film- Und- Fernsehbranche, hätten neben ihrer Ausbildung kaum Zeit gehabt, die Frau fürs Leben zu finden. Es würde sie deshalb nicht wundern, wenn adelige Singles bei der Partnersuche heutzutage auch durchs Internet surfen. Die 81-Jährige seufzt: "Mein Gott. Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist."

Den Adel unterteilt die Gräfin grob in zwei Kategorien: "Es gibt solche, die so konservativ sind, dass ihnen der Staub aus den Ohren kommt. Und es gibt solche, die sich neu erfinden."

Moritz Graf von Reventlow zählt zu letzeren. Er hat die Produktionsfirma Me, Myself & Eye (MME) zu der neuen Serie inspiriert. Eigentlich wollte sich der 37-Jährige als Kandidat für die erfolgreiche RTL-Dokusoap "Bauer sucht Frau" bewerben, die ebenfalls von MME produziert wird. Doch schnell stellte sich heraus, dass seine Hühner größere Eier als die der bürgerlichen Bauern legten. Und so castete MME noch schnell drei blaublütige Junggesellen dazu und produzierte ein "Bauer sucht Frau" de Luxe.

Der Graf gehört zu dem einen Prozent der deutschen Adeligen, die heute noch von der Bewirtschaftung ihrer Ländereien und Wälder leben.

Es sei kein Picknick, räumt er ein: "Ich wohne und arbeite auf dem Hof, laufe da also den ganzen Tag zu Hause herum. Man ist sein eigener Hausmeister. So viel Personal, wie man bräuchte, um so einen Besitz im perfekten Zustand zu halten, kann man heute gar nicht mehr bezahlen. Das muss eine Frau erstmal ertragen können. Sie muss sich mit den auf dem Gut lebenden Schwiegereltern verstehen, den Geschwistern, den Frauen im Dorf. Sie muss beim Roten Kreuz sein und mitkommen zum Feuerwehrball."

Böse Zungen behaupten, der Graf suche in Wirklichkeit gar keine Herzensdame, sondern eher eine Putzfrau oder eine neue Einnahmequelle. Angeblich soll er verkündet haben, die Aufwandsentschädigung, die ihm Sat.1 zahle, sei hoch genug, um sein Dach neu zu decken.

Die erste Folge der neuen Kuppel-Show "Gräfin gesucht" läuft am

Sonntag um 19.05 Uhr bei Sat.1.

Mehr über die Sendung erfahren Sie am Samstag auf unserer Medienseite.

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