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Orang-Utans Mit dem Rollstuhl durchs Unterholz

Neues von Benni Over: Die Abenteuer des jungen Mannes bei den Orang-Utans sind als Buch erschienen.

Zoobesuch
Allein ein Zoobesuch ist für die Overs eine logistische Meisterleistung – von langen Reisen wie hier mal ganz abgesehen. Foto: Privat

Ein ewig langer Flug nach Indonesien. Dort dann eine rasende Flussfahrt mit dem Speedboot in Kalimantan samt Auffahrunfall gegen einen treibenden Baumstamm. Stotternder Motor im Propellerflugzeug. Stundenlange Märsche über morastige Plantagenwege im tropischen Regenwald. Eine Brücke ist zusammengebrochen, der klapprige Behelfssteg nur durch knöcheltiefen Morast zu erreichen. Über einen bröseligen Zementpfad steil hinauf zur Orang-Utan-Schule. Und genauso steil wieder hinab. Dann auf der Ladefläche eines Pick-ups über Holperpisten, und das alles bei Temperaturen wie in der Sauna direkt nach dem Aufguss.

Klingt nach einer abenteuerlichen Angelegenheit für einen jungen Mann Mitte zwanzig. Klingt nach einem komplett unmöglichen Trip für einen jungen Mann Mitte zwanzig, der im Rollstuhl sitzt, dessen Kopf jemand festhalten muss, weil er keinen Muskel mehr bewegen kann außer im Gesicht und in den Fingerspitzen. 

Aber FR-Leser wissen: Klingt genau nach Benni Over, dem besten Freund der Orang-Utans. Seit Jahren begleiten sie den Weg des Unbeugsamen aus Rheinland-Pfalz, der als Kind an Muskeldystrophie Duchenne erkrankte, einem Leiden, das schleichend die Muskulatur des ganzen Körpers lähmt. Seine Geschichte ist jetzt in einem Buch erschienen: „Im Rollstuhl zu den Orang-Utans – eine Reise um die halbe Welt, um den Regenwald zu retten“. 

Den Tag der Veröffentlichung, ganz klar, legten Benni Over und seine große Schar von Unterstützern auf den Welt-Orang-Utan-Tag. Es kamen 100 Gäste, als Höhepunkt gab es Liveschaltungen nach Indonesien zur Autorin des Buchs, Christina Schott, die seit mehr als 15 Jahren in dem Land lebt, und zu Willie Smits, dem niederländischen Gründer der Orang-Utan Survival Foundation auf Borneo. Gemeinsam blickten sie zurück auf alles, was der junge Mann mit seinem enormen Willen auf die Beine gestellt hat: Filme, ein Bilderbuch über einen kleinen Affen, der den Regenwald rettet, Lernmaterialien für Schulen, unzählige Begegnungen zum Wohl von Mensch, Tier und Natur.

„Mach mal was klar, Papa“: Der Satz steht immer am Anfang des nächsten Projekts, so unmöglich es auch erscheinen mag. Nachdem der junge Mann 2012 einen Film über Menschenaffen gesehen hatte, wollte er die Tiere auch „in echt“ erleben.

Es folgten viele Besuche in deutschen Zoos – schon das „eine logistische Meisterleistung“, schreibt Christina Schott: „Es geht nicht nur um den Rollstuhltransport, sondern auch darum, wie viel von welchen Medikamenten und welche Ersatzgeräte für Atmung und andere Notfälle eingepackt werden müssen.“ Wohlgemerkt: für einen Zoobesuch. Und dann ein wochenlanger Trip nach Indonesien.

Aber wenn sie schon mal dort waren, leierten die Overs im Indischen Ozean auch diplomatische Beziehungen an, stifteten mehrere Schulpartnerschaften, etwa zwischen Berlin und Palangka Raya, knapp 11 000 Kilometer voneinander entfernt, wurden stets mit volksfestartiger Begeisterung empfangen – und rührten überall die Werbetrommel für den Schutz des Regenwaldes. Die Autorin beleuchtet das im Buch mit ausführlichen Hintergründen etwa zur Palmölproduktion, die noch immer den Lebensraum der Orang-Utans und vieler anderer selten gewordener Arten zerstört, und zum Überlebenskampf der Organisationen, die sich für den Schutz der Natur dort einsetzen.

Was bei der ganzen Geschichte am meisten anrührt, bleibt die Schilderung der Zusammentreffen von Mensch und Tier, die unendlich zarte Annäherung zwischen den sensiblen Orang-Utans und Benni Over. Viele Interviews muss er jetzt wieder einmal geben, viele Bücher signieren. Wie geht es ihm dabei? „Benni ist mächtig stolz“, sagt sein Vater Klaus Over, „es geht ihm soweit gut, aber wir müssen aufpassen mit Keimen und sehr vorsichtig sein mit Antibiotika.“ Im vorigen Jahr stand das Herz des 27-Jährigen plötzlich still, die Ärzte hatten nicht viel Hoffnung. Aber er kämpfte sich zurück wie stets.

„Benni will reisen, reisen, reisen“, sagt sein Vater, „er will wieder nach Indonesien und mit dem Buch das Geld dafür verdienen. Er sagt, er möchte so viele Bücher verkaufen wie die Harry-Potter-Frau.“ Ein ambitioniertes Ziel. Aber mit Kleinigkeiten hat sich Benni Over noch nie zufriedengegeben.

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