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Online-Shopping Wer die Wahl hat, hat die Qual

Egal, ob Hemd, Schmuck oder Buch, im Internet lassen sich Produkte nach Lust und Laune individualisieren. Doch wer etwas Einzigartiges haben möchte, sollte genau wissen, was er will.

07.09.2011 18:12
Von der Stange war gestern: Im Internet hat man nicht nur riesige Auswahl, sondern kann seine Einkäufe selbst entwerfen. Foto: dpa

Sie ist groß, meine Sehnsucht nach dem ganz besonderen Kleidungsstück, das niemand sonst hat. Leider kann ich nicht nähen. Ich habe zwei linke Hände. Das weiß ich, seit ich in der Näh-AG im Gymnasium ein Herzkissen nähen sollte und das so eckig geriet, dass ich die Lust an Handarbeiten für immer verloren habe.

Doch dank Internet lässt sich der Traum vom selbstgestalteten Kleidungsstück verwirklichen – per Mausklick, ganz ohne Nadel und Faden. 10 hoch 36 verschiedene Hemden hat Youtailor im Angebot, das sind so unvorstellbar viele, dass es für diese Zahl keinen Namen mehr gibt. Auch der individuelle Duft ist im Netz zu haben, der meinen Mann ganz sicher nicht an eine seiner Ex-Freundinnen erinnert. 28 Milliarden Kombinationsmöglichkeiten gibt es bei Myparfuem. 10 Milliarden sind es immerhin noch bei Myuniquebag, wo man Taschen passend zum Outfit gestalten kann. Da ist das Risiko extrem gering, dass ein zweiter das gleiche Hemd, den gleichen Duft oder die gleiche Tasche trägt.

Masse nach Maß

Individualisierbare Produkte liegen im Trend und Deutschland ist Vorreiter. Nirgendwo sonst gibt es so viele Anbieter für Massenprodukte nach Maß. Es fing an mit Fotos auf allen möglichen Gegenständen, dann kamen Lebensmittel und inzwischen bieten immer mehr Firmen individualisierte Mode, Schmuck und Accessoires an. Das Spektrum reicht von Briefmarken mit eigenem Foto über Hundefutter, Kondome mit exakt passender Länge bis hin zur Pasta nach Wunsch.

„In wenigen Schritten zur perfekten Bluse“ verspricht der Blusenkonfigurator von Youtailor. Ich beschließe, meine Designerkarriere mit einer Bluse zu beginnen, denn die sind rar in meinem Kleiderschrank. 144 Stoffe stehen zur Auswahl, sie heißen Montpellier (hellblau in der Webart twill), Halifax (schwarz in oxford) oder Bari (blau, pink gestreift, in der Webart poplin). Mit Webarten kann ich nichts anfangen. Ich versuche es über die Linien, in die der Konfigurator die Stoffe unterteilt: Exklusiv, Premium, Standard. Die goldene Mitte soll es sein, jetzt sind es nur noch 69 Stoffe. An Mustern gibt es Karos und Streifen, nichts Ausgefalleneres, also entscheide ich mich für einen Klassiker: eine weiße Bluse.

Die erste Entscheidung ist getroffen, aber die Arbeit noch lange nicht getan. Hemdbluse oder taillierte Bluse? Hoher oder tiefer Kent- oder doch lieber ein Stehkragen? Acht Manschettenformen sind möglich, drei Knopfleisten und ebenso viele Ärmellängen. Was immer ich auswähle, neben dem Konfigurator sehe ich meine Kreation. Wie sie an meinem Körper aussehen wird, das kann ich dort kaum beurteilen.

Die perfekte Entscheidung

Ob der Ärmelschlitz einen Knopf haben soll oder nicht? Keine Ahnung. Habe ich normal dicke oder eher schlanke Oberarme? Ist meine Uhr so dick, dass die Manschette am linken Handgelenk weiter ausfallen sollte? Will ich eine Brusttasche und wenn ja, welche? Fragen über Fragen. Langsam wird es lästig. Und dann erst die Knöpfe! 15 stehen zur Wahl. Ich merke, dass ich gar keine genaue Vorstellung davon habe, was ich eigentlich will. Und auch nicht davon, was gut zusammen aussieht. Ich bin kein Designer. Aber ständig muss eine Entscheidung getroffen werden, die perfekte Entscheidung.

„Das kann schon anstrengend sein“, bestätigt Heiko Vogelsang, der das auf personalisierte Produkte spezialisierte Internetmagazin egoo.de betreibt. Die meisten Anbieter böten deshalb einen Marktplatz zur Inspiration, wo man die Kreationen anderer bestellen oder sie noch leicht abwandeln könne. Das komme den Kunden entgegen, die faul seien, aber dennoch etwas Außergewöhnliches wollten, sagt Vogelsang. „95 Prozent der Dinge, die der Mensch nutzt, hat er gerne als Standardartikel. Nur für den kleinen Rest empfinden wir genug Leidenschaft, um ihn zu individualisieren“, sagt auch Frank Piller, Leiter des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der Universität Aachen. Piller erforscht das Phänomen Produktindividualisierung bereits seit über 15 Jahren und ist der Meinung, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir uns künftig nur noch mit Personalisiertem umgeben.

Die Frage ist, wieviel Leidenschaft ich für eine Bluse empfinde. Design und Details sind abgearbeitet, doch es gibt noch weitere Optionen: ein Monogramm oder Schulterklappen zum Beispiel. Besonders kniffelig wird es beim Thema Kontrast. Kragensteg und Kragen können innen und außen aus einem anderen Stoff gefertigt werden. Gleiches gilt für Knopfleiste, Ärmel und Manschetten. Wäre ich modemutiger, dann könnte ich mir eine Bluse designen, die aussieht wie ein Gemälde von Mondrian. Doch die Möglichkeiten der neuen Warenwelt sind noch längst nicht ausgeschöpft. Die Zwirnfarbe der Knopflöcher und der Nähte kann ich mir aus 20 Farben aussuchen. Ich klicke wie wild herum, will die unbegrenzten Möglichkeiten nutzen. Schließlich ist so eine individuelle Bluse kein Schnäppchen: Der Einstiegspreis liegt bei 39?Euro, aber viele Extras gibt’s nur gegen Aufpreis und so ist man schnell bei 80?Euro. Dennoch ist das weit billiger, als zum Maßschneider zu gehen.

Nach einer Stunde verwerfe ich alles wieder. Wie zusammengewürfelt wirkt die Bluse, ohne klare Handschrift. Am besten sieht sie ganz in Weiß aus. Ohne Kontrast, dafür mit Perlmuttknöpfen. Viel Zeitaufwand für ein ziemlich gewöhnliches Kleidungsstück.

Dem Programm vertrauen?

Ich könnte sie nun einfach in meiner Konfektionsgröße bestellen. Weil sie aber perfekt passen soll, wähle ich die Möglichkeit, mich nach Online-Anleitung selbst zu vermessen. Und wieder sind Entscheidungen gefragt: Sind meine Schultern und mein Rücken abfallend, normal oder gerade? Dann muss ich zwölf Werte eingeben, die ich per Maßband unter Verrenkungen vor dem Spiegel ermittelt habe. Richtwerte stehen daneben. Ich traue der Modekompetenz des Programms nicht so recht und wähle bei der Länge der Bluse trotzig einen niedrigeren Wert. Bis alle Maße eingetragen sind, ist eine weitere Stunde vergangen.

Zwei Wochen später kommt meine Bluse mit der Post. Sie ist ordentlich vernäht, der Stoff fühlt sich gut an. Allerdings ist sie recht kurz, so dass sie immer wieder aus der Hose flutscht. Hätte ich dem Programm mal lieber vertraut.

Als ich die Bluse zum ersten Mal trage, spricht mich eine Kollegin an. Ob das ein Designerstück sei, will sie wissen. Die sitze ja wirklich super. Die Qual der Wahl hat sich wohl doch gelohnt.

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