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Österreich Darum sind die Mieten in Wien so niedrig

In Wien gehört jede vierte Wohnung der Stadt, die Gewinne müssen in neue Projekte investiert werden. Das sorgt dafür, dass die Mieten insgesamt bezahlbar bleiben.

moderne Bauten
Schön sozial: Auch diese modernen Bauten gehören der Stadt Wien. Foto: epd

Touristengruppen pflegen in Städten vorwiegend rund um Altstadt, Dom oder Rathaus zu wandeln. Nicht so in Wien. Im gesichtslosen Döbling, dem 19. Wiener Gemeindebezirk, besichtigen Japaner, Amerikaner und besonders viele Deutsche Europas älteste, größte und gewaltigste Trutzburg der Arbeiterklasse. Weite Torbögen führen in eine von gepflegten Wohnbauten umgebene Grünfläche, ausgestattet mit Spielplätzen, Pavillons, Parkbänken.

Der Karl-Marx-Hof an der Heiligenstädter Straße mit seiner kilometerlangen Westfassade ist für Wien-Besucher Pflicht. Und für Wiener eine Sehenswürdigkeit, die sie stolz herzeigen. Dabei hat die Anlage nichts Museales. Noch heute bietet der Komplex, erbaut zwischen 1927 und 1930, Platz für 5000 Menschen. „Kammer, Küche, Kabinett“, wie die kleinen Wohnungen beschrieben wurden, fanden auf 42 Quadratmetern Platz. Österreichs Hauptstadt zehrt noch immer von Gebäuden, aber auch von Ideen, die damals in nur zehn kreativen Jahren entstanden.

In Wien gehört bis heute jede vierte Wohnung der Stadt und wird auch direkt von einer kommunalen Dienststelle vergeben – und sogar verwaltet. Hinzu kommen Wohnungen, die öffentlich gefördert, aber von Genossenschaften und privaten Firmen errichtet wurden, den „gemeinnützigen Bauvereinigungen“. Sie stehen, 78 an der Zahl, nach Landessitte meist einer der beiden traditionellen Großparteien SPÖ und ÖVP nahe und bauen, vermieten, aber verkaufen auch Wohnungen.

Ihre Gewinne sind gedeckelt und müssen in neue Projekte investiert werden. Unter dem Strich wird von allen Mietwohnungen knapp die Hälfte nur an Familien unterhalb eines bestimmten Einkommens vergeben. Anders als in Deutschland hört die Sozialbindung auch nicht nach 15 oder 30 Jahren auf. In Österreich gilt: einmal Gemeindewohnung, immer Gemeindewohnung. In ganz Österreich sind etwa 800 000 von 4,5 Millionen Wohnungen öffentlich gefördert.

Die prächtigen Höfe in Wien aus den 1920er Jahren schiebt eh keiner weg. Sie tragen die Namen Goethes, George Washingtons, von Vater und Sohn Liebknecht, der deutschen Sozialisten, oder des ermordeten Italieners Giacomo Matteotti. Und markieren mit ihren Namen den weiten Horizont der Wiener Sozialisten der 1920er Jahre: die Höfe, wie die großen städtischen Wohnanlagen genannt werden. Entworfen wurden sie von weltberühmten Architekten wie Adolf Loos, Josef Frank, Margarete Schütte-Lihotzky und deren Schülern.

Die ersten Planungen kamen von Schülern Otto Wagners, Urvater der „Neuen Sachlichkeit“. Weithin gerühmt werden der Reumannhof, der Anleihen bei einem Palast nimmt, und der prächtige Ludo-Hartmann-Hof mit seinen palmenartigen Keramiksäulen. Viele Anlagen stehen heute unter Denkmalschutz, dienen aber immer noch ihrem ursprünglichen Zweck: dem sozialen Wohnen.

Aber der Bestand wächst noch immer munter weiter. Wien hat 1,8 Millionen Einwohner; nimmt man die Umgebung hinzu, lebt hier jeder vierte Österreicher. Pro Jahr werden 9000 geförderte Wohnungen neu gebaut. Im etwa gleich großen Hamburg sind es 3000 und im doppelt so großen Berlin auch nicht mehr. „Ein Problem beim Ausbau sind auch bei uns die hohen Grundstückspreise“, sagt Daniel Glaser vom städtischen Amt für Wohnungsbauforschung. Noch allerdings, so Glaser, gebe es für Neubauten genügend Reserven, etwa auf alten Rangierbahnhöfen.

Wiens europaweites Alleinstellungsmerkmal, der hohe öffentliche Anteil an Wohnraum, geht zurück auf die 1920er Jahre. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war die Hauptstadt der Donaumonarchie rapide gewachsen. Wohnungselend war die Folge. Nach dem Krieg erzielten die Sozialdemokraten einen erdrutschartigen Sieg, kauften riesige Stücke Bauland und zogen in nur zehn Jahren, zwischen 1923 und 1933, 65 000 Wohnungen hoch – meist in den Höfen, damals hochmodernen, von Sozialutopien inspirierten Wohnanlagen.

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