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Obdachlose "Da kommst du alleine nicht raus"

Carsten Voss war Top-Manager in der Modebranche, dann wurde er arbeits- und obdachlos. Heute zeigt er Touristen, wie Obdachlose in Berlin leben.

31.10.2013 14:20
Annett Heide und Martina Reich
Der SChlafplatz eines Obdachlosen. Foto: imago stock&people

Wer sind die Menschen, die auf der Straße leben? Carsten Voss, 52, hat etliche von ihnen kennengelernt. Denn der ehemalige Manager bei der Modemesse Bread & Butter war selbst einige Zeit obdachlos. Er kennt die Glitzerwelt der Mode und das graue Leben auf der Straße. Inzwischen führt Voss als ehemaliger Obdachloser Menschen an Orte in Berlin, die wichtig für Obdachlose sind, und berichtet davon, wie man auf der Straße überlebt. Wo man isst, wenn man kein Geld hat, wo man schläft, wenn man kein Bett hat, wo man sich aufhält, wenn man nichts zu tun hat. „Die Leute sollen hinschauen“, sagt Voss.

Herr Voss, bevor Sie obdachlos wurden, waren Sie Manager bei der Bread & Butter. Was genau haben Sie da gemacht?
Ich war im Direktorium, zuständig für eine Teilmesse von Bread & Butter. Am Anfang in Barcelona, da sind wir zwei Mal im Jahr gependelt. Die ganze Firma, sämtliche 140 Leute sind von Berlin nach Barcelona geflogen für die Messe.

Das war ein Glitzerleben, oder?
Modebranche halt. Ich kannte damals jeden, Juhnke, Diepgen, Judy Winter, die ganze Lokalprominenz. Die damaligen Immobilienfürsten. Comma, Pabst, da hatte Berlin ja noch Modemarken, die es gar nicht mehr gibt. Das war schon etwas ganz Spezielles in West-Berlin.

Es hat Ihnen Spaß gemacht. Das merkt man, wenn Sie davon erzählen.
Ja, das war eine tolle Zeit. Nach der Wende hab ich auch erst mal für ein paar Jahre in Italien gearbeitet. 2006 bin ich zurückgekommen nach Berlin. Ein Jahr später hab ich bei der Bread & Butter angefangen.

Und dann ging es Ihnen irgendwann nicht mehr so gut.
Ich habe 80, 90 Stunden die Woche gearbeitet, war 150 Tage im Jahr auf Reisen. So ist nun mal das Messegeschäft. Ich musste andere Messen beobachten, weltweit. Dummerweise sind Messen fast immer am Wochenende. Da sind ganz viele Wochenenden draufgegangen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich immer mehr Energie brauchte für das, was ich früher mit links geschafft hatte. Ich konnte nicht mehr schlafen, mich nicht mehr richtig konzentrieren, dann hatte ich meinen ersten Hörsturz.

Wann war das?
Das war vor dreieinhalb Jahren. Den habe ich weitgehend ignoriert, war drei, vier Tage zu Hause, und dann habe ich den zweiten bekommen, der war schon eine ganze Ecke heftiger. Ich habe eine ganze Woche so gut wie nichts gehört.

Kommt so was schleichend oder ist man sich dessen bewusst, dass gerade etwas passiert?
Man ist sich schon bewusst, dass etwas nicht stimmt. Aber die Sache selbst kam von Knall auf Fall. Dann kam Schwindel hinzu, Kreislaufprobleme. Ich bin zum Arzt gegangen und habe zweimal am Tag Infusionen bekommen, da wurde es wieder besser. Ich habe das nicht als Warnung empfunden, und Burn-out hatte man auch noch nicht so auf dem Schirm. Ich bekam dann noch einen leichten Schlaganfall, da ging es mir wirklich dreckig. Hinzu kam das ganze Psychische. Dummerweise habe ich genau das Falsche gemacht und den Kopf in den Sand gesteckt. Ich habe mich vollkommen zurückgezogen.

Haben Sie sich krankschreiben lassen?
Am Anfang ja. Im Juni 2010 haben wir das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Das war ganz fair. Ich wusste, dass ich im Augenblick nicht arbeiten kann und auch nicht, ob ich es irgendwann wieder kann und will. Dann habe ich ALG 1 bekommen, das war nicht wenig, weil ich ja gut verdient hatte. Ich habe mir da gar keine Sorgen gemacht.

Hatten Sie zu der Zeit professionelle Hilfe?
Nein, ich war auf mich allein gestellt.

War das ein Fehler, dass Sie keine Hilfe gesucht haben?
Ja, klar. Aber zu dem Zeitpunkt habe ich das nicht so gesehen. Wenn ich das damals gemerkt hätte, wäre es wohl nicht so weit gekommen. Ich habe angefangen, mich wieder zu bewerben. Aber mit 52 ist es verdammt schwer, in der Modebranche wieder einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Es gab nur blöde Angebote. Das beste war ein Büstenhalterhersteller in Holland. Das fand ich noch skurril, aber insgesamt hat mich das schon frustriert. Nach einem Jahr lief dann ALG 1 aus, das war mir völlig neu.

Sie hatten zu dem Zeitpunkt aber noch Ihre Wohnung?
Am Viktoria-Luise-Platz. Aber eines Tages konnte ich die Miete nicht mehr bezahlen. Ich bin dann aber nicht zum Amt gegangen. Jobcenter, Hartz IV, Wohnungsgeld, das hätte mir ja zugestanden. Ich habe mich geschämt. Ich war zu stolz, zum Amt zu gehen und mich da nackig zu machen. Mich haben auch viele Ex-Kollegen angerufen oder Freunde und haben gefragt: Können wir dir helfen? Ich habe das nicht zugelassen. Ich hatte keine Lust auf Kontakte, keine Lust, etwas zu erklären. Eine Zeit lang habe ich noch vertickt, was man verticken konnte. Den Mac, das iPhone, ich hatte gute Klamotten, aber irgendwann war alles weg. Ich hatte zwar im Hinterkopf, dass ich bald die Miete nicht mehr zahlen kann, aber ich habe es nicht nach vorn gelassen. Irgendwann ging es mir psychisch so schlecht, dass ich mich selbst ins Krankenhaus eingeliefert habe. Zwei Wochen war ich dort. In der Zeit ist meine Wohnung geräumt worden. Die Zwangsräumung war schon anhängig, das wusste ich auch, aber es war zu spät. Ich bin entlassen worden, kam zu meiner Wohnung, und der Schlüssel hat nicht mehr gepasst.

Wie lange hatten Sie die Miete nicht gezahlt?
Drei Monate.

Ihr Vermieter hatte Sie doch sicher gewarnt?
Das habe ich ignoriert. Ich dachte, das kriegst du irgendwie hin. Aber das ist ein Teufelskreis, aus dem man allein nicht mehr raus kommt.

Sie waren krank.
Nach dem Klinikaufenthalt war mir das auch bewusst, und ich habe eine ambulante Therapie begonnen. Aber selbst, als ich auf der Straße gesessen habe, bin ich nicht auf die Idee gekommen, zum Jobcenter zu gehen oder zur Wohnungshilfe oder einer Beratungsstelle.

Wie war das genau: Sie wurden aus der Klinik entlassen und standen vor Ihrer Wohnungstür?
Ich dachte: Scheiße, nun ist es passiert. Was machst du jetzt? Ich hatte noch ein bisschen Geld und bin erstmal für drei oder vier Tage in ein Hostel gegangen. Dann habe ich ein paar Wochen bei Freunden in der Laube gewohnt. Diese Laube war wie eine Therapie. Da gab es nichts, und ich habe wieder ein bisschen zu mir selber gefunden. Auf einmal war der innere Druck weg. Dieser Effekt ist befreiend, das habe ich später von vielen Obdachlosen gehört. Du weißt, jetzt kriegst du keine Mahnungen mehr, keine Zustellungen, weil du einfach nicht mehr erreichbar bist.

Haben Sie Schulden gemacht?
Nein. Das ist meine preußische Grundeinstellung, die habe ich von meinem Vater. Na ja, dann wurde es Herbst, in der Laube wurde das Wasser abgedreht, und ich stand wirklich auf der Straße. Ich bin dann zu einer Wota (Wohnungslosentagesstätte, Anm. d. Red.) gegangen. In der Seelingstraße in Charlottenburg. Da war eine Sozialarbeiterin, der ich meine Geschichte erzählte. Sie dachte, dass sei „Versteckte Kamera“. Denn ich sah nicht so aus wie ein Obdachloser. Aber sie hat mir einen Platz in der Notübernachtung Franklinstraße besorgt, und ich hatte wenigstens erst mal ein Bett.

Viele Obdachlose wollen nicht in eine Notübernachtung. Warum?
Leute, die schon jahrelang auf der Straße leben, haben Angst vor zu vielen Menschen oder Räumen wie denen in der Lehrter Straße, wo 60, 70 Leute auf Isomatten auf dem Fußboden schlafen. Da war ich Gott sei Dank nie. Da wird man beklaut, da sind viele Junkies und Alkoholabhängige. Die werden in der Franklinstraße nicht reingelassen. Ich bin da sofort zum Chef gegangen. Der erste Damm war gebrochen durch das Gespräch mit der Sozialarbeiterin, da konnte ich mit dem dann auch sprechen. Der hat mich zur sozialen Wohnungshilfe geschickt, zum Landesamt für Bürger- und Ordnungsfragen, zum Jobcenter, irgendwann hatte ich alles, was ich haben musste, und dann hat der Chef gesagt, okay, du kannst so lange bei uns bleiben, bis du ein Zimmer oder eine Wohnung hast. Das hat noch drei Wochen gedauert, kurz vor Weihnachten bekam ich eine Übergangswohnung.

Das ging ziemlich schnell.
Nicht nur bei mir. Wenn man das möchte, geht das schnell.

Haben Sie im Freien geschlafen?
Nicht nachts, ich habe mich nie getraut, nachts auf der Straße zu schlafen. Ich bin in ein Nachtcafé für Obdachlose gegangen, in der Stadtmission Joachim-Friedrich-Straße wo man die ganze Nacht sitzen und lesen, Schachspielen, Tee trinken kann.

Wen haben Sie auf der Straße kennengelernt?
Ganz unterschiedliche Menschen. Es gibt Leute, die aus einer prekären Familie kommen und von Anfang an Probleme haben, mit bestimmten Strukturen umzugehen. Die sind schon überfordert, ein Formular auszufüllen. Dann gibt es Leute mit Drogenproblemen. Aber es ist schwer zu sagen, ob sie erst drogenabhängig waren und dadurch obdachlos wurden oder umgekehrt. In der Konsequenz ist das auch egal.

Gibt es Solidarität unter Obdachlosen? Oder Revierkämpfe?
Beides. Es gibt eine Grundsolidarität, gerade bei Leuten, die immer in dieselben Wotas gehen. Aber Freundschaften sind ganz selten. Man isst da, dann geht man wieder seines Weges. Der eine sammelt tagsüber Flaschen, andere setzen sich in den Park und trinken, die dritten gehen in die Bibliothek und lesen.

Was war Ihre Strategie?
Ich war morgens und mittags in der Wota, habe da ohne Ende gelesen, abends bin ich wieder in die Notübernachtung. In der Woche geht das ganz gut, am Wochenende weniger, weil man früh aus der Notübernachtung raus muss und erst am Abend wieder rein kann. Aber in der Woche habe ich mich oft in die Cafeteria von Karstadt gesetzt.

Hatten Sie in der Zeit Geld?
Nein, hatte ich nicht. Selbst wenn ich auf Toilette musste, bin ich ins Kaufhaus gegangen oder zu Hugendubel. Da wird man glücklicherweise auch nicht angesprochen.

Muss man in einer Cafeteria nicht zumindest einen Kaffee bestellen?
Da gibt es einen Trick. Man nimmt sich von dort, wo die Tabletts zurückgegeben werden, ein Tablett, dazu eine Kaffeetasse, und stellt das vor sich hin. Dann kann man da drei Stunden sitzen. Es war Dezember, es war tierisch kalt. Ich habe mir erst mal Winterklamotten aus der Kleiderkammer geholt.

War es Ihnen als schon professionell modebewusster Mensch nicht ganz besonders wichtig, was Sie anhatten?
Zu dem Zeitpunkt war mir das egal, Hauptsache, es war warm. Aber wenn man aus der Branche ist, findet man in den Kleiderkammern sogar richtige Schätze. Das fand ich gar nicht schlimm.

Haben Sie mal gebettelt?
Nein.

Gibt es denn überhaupt den einen typischen Obdachlosen, dem man quasi überall begegnen kann?
Nein, ganz bestimmt nicht. Die, die mit ihren Einkaufswagen durch die Straßen schieben, machen zehn, fünfzehn Prozent der Obdachlosen aus. Bestimmt fünfzig Prozent würden Sie nicht erkennen auf der Straße. Die geben sich natürlich auch große Mühe, nicht erkannt zu werden. Das ist ja ein Stigma.

Das heißt, es gibt viele Leute, die sich durchaus pflegen und ihre Kleider waschen.
Ja. Es gibt natürlich auch die anderen.

Sie haben mal gesagt, für Sie war es das Schlimmste, nicht gesehen zu werden.
Man hat so eine Schere im Kopf. Man denkt, jeder weiß, dass du obdachlos bist, die Leute sehen dir das an. Dann verhält man sich dementsprechend. Obdachlose laufen immer mit dem Blick nach unten, das ist eine Frage des Selbstwertgefühls. Guck mich nicht an, ich guck dich auch nicht an. Dann merkt man plötzlich, dass einen die Leute wirklich nicht mehr ansehen. Dass sie einen blöd angucken, damit kann ich leben. Aber wenn sie einen gar nicht mehr ansehen, das ist ganz schrecklich. Weil man ignoriert wird.

Wo schlafen die Obdachlosen?
Überall. Versteckt auf Brachflächen, am Rand von Parks, hinter Trafohäusern, in Straßen, wo viele Bäume stehen. Da schlafen die zum Teil schon seit Jahren. Die würden nie in eine Notübernachtung gehen, die nehmen es lieber in Kauf zu erfrieren.

Sind das Leute, die nichts unternehmen, um eines Tages zurückzufinden?
Wenn man das in den ersten zwölf Monaten nicht auf die Reihe kriegt, dann packt man das nicht mehr. Es gibt in Berlin das ASOG, das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz. Man kann zu seinem Bezirksamt gehen und sagen, ich bin obdachlos, bringt mich unter. Das müssen die innerhalb von 24 Stunden machen. Zum Teil werden die Leute in Hostels untergebracht. Die kriegen einen Gutschein für ein Hostel, bis der Bezirk was gefunden hat.

Kein Mensch müsste also auf der Straße leben?
Richtig. Der Pferdefuß ist nur, dass die einen in einem der 15, 16 Wohnheime für Obdachlose unterbringen. Dort gibt es Gemeinschaftsküchen, Gemeinschaftsbäder. Das wird vom Bezirksamt bezahlt. Viele arrangieren sich damit. Die wissen, wenn ich da am Abend hinkomme, hab ich mein Zimmer, da ist ein Fernseher drin, ein Kühlschrank. Tagsüber laufen sie durch die Stadt, sammeln Flaschen, gehen in die Wotas. Man darf nicht den Fehler machen, diese Leute zu bemitleiden. Die sind nicht unglücklich, die sind vielleicht auch nicht richtig glücklich, aber sie sind nicht unglücklich. Es sind auch Existenzialisten dabei, die ganz bewusst auf der Straße leben: Ich will das freie Leben, ich will keine Hemmnisse, keine Behörden. Und das sind keine dummen Leute, das ist eine Welt für sich.

Obdachlosigkeit ist ja ein gesellschaftliches Phänomen. Was läuft schief?
Das soziale Netz in Berlin ist toll. Viel besser als in anderen Städten. Aber es greift erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Jetzt gerade ist es ein Riesenproblem mit der Wohnungssuche. Selbst die, die zurück wollen, die ganzen Stufen mitmachen und sich nackig machen im Jobcenter, den WBS beantragen, selbst die haben Probleme, eine Wohnung zu finden. Entweder ist die Miete zu hoch, oder es sind die Nebenkosten. Die Wohnungsbaugesellschaften nehmen lieber „normale“ Mieter, dabei zahlt ja das Sozialamt pünktlicher als jeder Mieter.

Wie sieht jetzt Ihr Alltag aus?
Ich bekomme nach wie vor Sozialhilfe. Und ich habe eine Akademikerweiterbildung angefangen: EU-Fundraising. Das wird vom Jobcenter bezahlt. Ich möchte eben das verbinden, was ich kann, Managing mit EU-Fundraising und soziale Projekte.

Was möchten Sie machen, wenn Sie mit Ihrer Weiterbildung fertig sind?
Ich möchte Geld aus EU-Töpfen für soziale Projekte akquirieren. Es gibt so viele Fördertöpfe, alles mögliche wird gefördert. Es gibt in Deutschland nur zwei Anbieter für Weiterbildung in diesem Bereich. Das Fundraising mit EU-Mitteln ist ein Buch mit sieben Siegeln. Obwohl die Europäische Union Milliarden an Fördergeldern hat, werden sie nicht abgerufen, weil keiner das Prozedere kennt.

Angenommen, es käme jetzt ein lukratives Angebot aus der Modebranche…
Das würde ich nicht annehmen, weil ich mich wieder in dieselbe Gefahr begeben würde. Irgendwann ist ein Kapitel im Leben abgeschlossen.

Interview: Annett Heide und Martina Reich

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