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Nordsee Dickes Wasser

In der Nordsee gibt es so viele Krabben wie nie zuvor. Nicht nur das ist für die deutschen Krabben-Fischer ein Problem. 49 von 72 Kapitänen in Schleswig-Holstein bieten ihre Kutter zum Verkauf an.

Die Krabben werden sortiert und in den Kühlraum des Schiffes geschoben. Foto: imagetrust/henning Bode

Am Abend zuvor hatte sich das Wasser auf einmal verändert. Wind kam auf, die See wurde unruhig. Schnell war es dann auch stockdunkel, und Kapitän Herbert Schoer musste Schluss machen. Auf seinem Kutter „Marlies“ stampfte er durch die unruhige Nordsee vor Helgoland, als sich der Himmel zuzog, als das Wasser dick wurde, wie Seeleute sagen. 1?200 Kilogramm Krabben hatte er in den 15 Stunden zuvor gefangen und unter Deck gebracht. Das musste reichen.

Mit dem Wetterwechsel waren auch die Krabben verschwunden. Er drehte um, fuhr zurück nach Büsum. Gegen Mitternacht lief die „Marlies“ in den Hafen an der schleswig-holsteinischen Westküste. Nun hatte er Feierabend.Am Vormittag ist das Schiff entladen. Die Krabben liegen tiefgefroren im Lagerhaus und warten auf den Lastwagen, der sie zum Pulen nach Marokko fährt. Kapitän Herbert Schoer sitzt in seiner kleinen Kajüte, die „Marlies“ schaukelt leicht im Hafenbecken. Schoer trinkt einen Kaffee, um richtig wach zu werden. „1,2 Tonnen, das bringt 2?000 Euro brutto. Das geht gerade so.“

Schoer ist müde. Er erzählt, was er so alles bezahlen muss, den teureren Diesel, den Kollegen an Deck, der die Netze einholt, kaputtes Material muss ersetzt werden. Schnell redet sich Kapitän Schoer in Wut, seine Laune kippt so abrupt wie das Wetter bei Helgoland. „Es ist Irrsinn“, schimpft er und wird immer lauter: „Was habe ich eigentlich verbrochen, außer dass ich Fischer bin?“

Vor einigen Wochen haben er und 48 andere Krabbenfischer ihre Kutter zum Verkauf angeboten. 49 von 72 Kapitänen in Schleswig-Holstein. Außerdem gibt es noch 120 Schiffe in Ostfriesland. So etwas hat es noch nie gegeben. Eine ganze Flotte. Im Fischerblatt, der kleinen Zeitung für norddeutsche Küstenfischerei, fand sich das Gros der schleswig-holsteinischen Krabbenkutterflotte im Anzeigenteil unter „Zu verkaufen“ wieder: „Marlies“ und „Christine“, „Doggerbank“ und „Germania“, „Kolumbus“ und „Jan Maat“, „Hindenburg“ und „Julina-Luise“, „Hoffnung“ und „Edelweiss“, „Antares“ und „Venus“. Lauter Kutter, zwischen zehn und zwanzig Meter lang, fünf Meter breit, eineinhalb bis zweieinhalb Meter Tiefgang, zehn bis sechzig Jahre alt. Ein Viertel der gesamten deutschen Krabbenfischerei.

Kein einziges Schiff verkauft

Bislang ist kein einziges Schiff verkauft worden. Niemand in Europa kauft Krabbenkutter. Obwohl in der Nordsee so viele Krabben schwimmen wie selten zuvor. So sieht es aus. Aber warum sieht es so aus? Kapitän Schoer blickt raus auf das Hafenbecken und nippt an seiner Tasse. „ Weihnachten“, sagt er, „ist ein Drittel von uns pleite.“

Herbert Schoer ist 55 Jahre alt, drahtig, er trägt eine Basecap, seine Brille baumelt um den Hals. Seine Augen blitzen angriffslustig. Er wohnt mit seiner Frau in Friedrichskoog an der Westküste. Die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Er hat als junger Mann Zimmerer gelernt, ist nebenbei gerne auf Krabbenkuttern mitgefahren und irgendwann an Deck geblieben. Er machte sein Kapitänspatent und die nötigen Funkerscheine, er kaufte sich die 1973 in Ostfriesland gebaute „Marlies“ und fuhr auf die Nordsee raus, nie sehr weit, maximal bis Helgoland.

Weiter geht es nicht mit den kleinen Kuttern. Nun ist er seit 28 Jahren Krabbenfischer. Es ist ein harter Job, 180 Tage im Jahr auf See. Aber er tut es gerne. Er könnte eigentlich ganz zufrieden sein. Aber er ist wütend, und der Zorn nagt an ihm.

Die kleine Welt der 192 Krabbenfischer an der Nordseeküste zwischen Ostfriesland und dänischer Grenze ist nämlich völlig aus dem Lot. Fischfang und Nordsee, Angebot und Nachfrage, Kosten und Erlös, Fischer, Politiker und Umweltschützer – irgendwie passt das alles nicht mehr zusammen.

Es schwimmen einerseits enorm viele Krabben in der Nordsee. Auf der anderen Seite stehen zwei holländische Großabnehmer, Klaas Puul und Heiploeg, die den Krabbenmarkt in Europa zu 80 bis 90 Prozent in der Hand haben. Auf der ganzen Welt werden maximal 30?000 bis 35?000 Tonnen Nordseekrabben pro Jahr verspeist. Weil die Fänge der vergangenen beiden Jahre so gut waren, sind die Lagerhäuser voll – und die Preise am Boden.

Gerade einmal 1,30 Euro bekommen sie derzeit für das Kilo. 2,60 Euro bräuchten sie, um die Kosten zu decken. Bei Aldi, schimpft Kapitän Schoer, müsse man 2,29 Euro zahlen – für 100 Gramm Krabben. Vom Gewinn dazwischen sehen die Fischer nichts. Also fahren sie auf die Nordsee und gehen auf Krabbenfang – auch wenn sie damit Verlust einfahren. Zu Hause bleiben und nichts tun wäre noch teurer.

Es gab andere Zeiten. André Hamann aus Büsum kennt sie noch. Sein Vater ist Fischer, sein Onkel, sein Großvater auch. Drei Generationen Krabbenfischerei. Das erste Wort aus Andrés Mund war nicht Papa oder Mama. Es war „Fischer“, erzählt er. Alle in der Familie hätten gelacht und seien sehr stolz gewesen damals.

Wie ein Sechser im Lotto

Im Sommer hat André Hamann sein Boot, die „Stolper Bank“, verkauft. Gerade noch rechtzeitig, sagt der 38-jährige Büsumer. „War wie ein Sechser im Lotto.“

Jetzt lernt er wieder, er ist in Cuxhaven auf der Staatlichen Seefahrtschule, macht dort den Schein für die Kleine Hochseefischerei. Damit kann er mit größeren Schiffen weiter raus auf die Nordsee, bis 62 Grad Nord und sieben Grad West. Ab April 2012, wenn er fertig ist. Vielleicht fährt er dann einen Hochseeschlepper, oder er bleibt Fischer. Er ist Optimist. „Kapitäne mit praktischer Erfahrung werden gesucht.“

Nun sitzt er in seinem Klassenzimmer und erzählt. Die schlechten Jahre der Krabben waren die guten der Fischer. 1991, 1992 und 1993 waren Krabben in der Nordsee so gut wie verschwunden. Wo sie waren, das wusste kein Fischer. Einfach weg. Danach ging es bergauf, kleine Fänge, aber 17 Mark für das Kilo. Damals begannen die guten Jahre, die Krabbenfischer verdienten Geld, es lief. Und sie störten sich nicht daran, dass es nur wenige Abnehmer gab. Irgendwann, nur Meereskundler wissen es genau, setzte der Klimawandel spürbar ein, die Nordsee wurde langsam wärmer.

„Heute sind es etwa zwei Grad mehr im Durchschnitt“, erzählt Kapitän Hamann. Für die Fressfeinde der Krabben war das zu warm: Kabeljau und Wittling zogen weiter nach Norden in kältere Gewässer. „Die Nordseekrabbe hat keine Feinde mehr“, sagt Hamann. „Und wir Fischer kriegen sie auch nicht platt.“

Seitdem steigen die Fangzahlen. Und weil die Nordseekrabbe, man sagt auch Garnele, zu den Fischsorten gehört, deren Fangmengen nicht geregelt und quotiert sind, kamen im Winter die größeren holländischen Kutter in die Nordsee um Helgoland, wenn sie mit dem Schollenfang fertig waren. Sie kamen und räumten ab, während die kleinen deutschen Kutter Winterpause machen mussten. „Da haben die richtig Gas gegeben“, sagt Hamann. Die schleswig-holsteinische Konkurrenz verkaufte noch weniger.

Hamann macht eine Pause. Er ist ein kräftiger, stämmiger Mann mit Dreitagebart. Ein Kämpfertyp und wahrscheinlich deshalb Vorsitzender der schleswig-holsteinischen Krabbenfischer. Monatelang hat er mit Politikern geredet, mit den holländischen Abnehmern, mit Regierungsbeamten und Umweltschützern, mit seinen Leuten. Monatelang wollte er etwas erreichen. Ostern haben die Krabbenfischer zum ersten Mal überhaupt gestreikt. Sie fuhren nicht raus, ebenso die Kollegen in Ostfriesland, in Dänemark und einige in Holland. Karfreitag blieben sie alle in den Häfen.

Man werde erst wieder rausfahren, wenn drei Euro pro ein Kilo Krabben gezahlt würden, verkündeten die Fischer damals. Man verhandelte, die Abnehmer sagten 2,50 Euro zu, der Streik endete, die Fischer fuhren wieder auf die Nordsee, die Preise plumpsten wieder in den Keller. „Scheiß Spiel“, sagt Kapitän André Hamann. Nichts habe sich verändert. „Hier ist es längst fünf nach zwölf.“

Der Beruf ist sehr anstrengend

Sein Vater ist 61 Jahre alt. Normalerweise können Seeleute ab 57 in Rente gehen. Ihr Beruf ist sehr anstrengend. Sie können ohne Sorgen aufhören, wenn sie ihre Rentenbeiträge in die Seemannskasse eingezahlt haben und ihr Schiff verkaufen. Für einen gut erhaltenen Kutter aus Holz oder Stahl bekam ein Fischer in den vergangenen Jahren bis zu 300?000 Euro. Der Kutter war Teil der Alterssicherung. „Und was haben wir heute?“, fragt Hamann. „Die Alten werden ihre Schiffe nicht los. Sie müssen weitermachen, auch wenn es nichts bringt.“

Die Geschichte hat aber auch noch eine andere Seite. Sie handelt von Starrköpfigkeit und Sturheit, wie Kapitän Hamann es nennt. Von der Sturheit einiger Fischer, die sich nie zu einer Erzeugerorganisation zusammenschließen wollten, um dann besser mit den holländischen Abnehmern verhandeln zu können. Davon, dass es eben jahrelang gut lief. Davon, dass niemand neue oder größere Schiffe haben wollte, während die holländische Konkurrenz munter aufrüstete.

Davon, dass die traditionelle Krabbenfischerei in Deutschland ein Haufen kleiner und teilweise unmoderner Familienbetriebe ist, der „leicht auszuspielen ist“, wie Hamann sagt. Es sei auch nicht ganz einfach mit den Fischern, heißt es im Kieler Landwirtschaftsministerium.

In zwei Tagen will Kapitän Schoer wieder rausfahren. Er sagt, er könne ja nicht anders. Sein Kaffee ist längst kalt geworden. Er legt eine Karte auf den Tisch. Die Nordsee um Helgoland. Er zeigt auf die Windparks, die gebaut werden. Auf das Unterseekabel von Norwegen nach Büsum. Auf das FFH-Schutzgebiet. „Hier darf ich nicht fischen, da darf ich nicht fischen. Es wird immer weniger.“

Er schimpft auf die Grünen, auf Umweltschützer und Greenpeace, die mächtig sind und alles verbieten wollen. Auf Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, der ein Bauer ist und nichts von Fischerei versteht. Auf die Wasserschutzpolizei, die alle sechs Monate sein Boot, die Bücher, die Netze, alles kontrolliert, während in Rostock zwei russische Fischdampfer anlegen und ihren Fang abladen konnten, von dem niemand wusste, wo der eigentlich herkam. „Alles hier ist überreguliert!“, schimpft Kapitän Schoer. „Immer ist der Fischer schuld.“

Fischer sollen sich besser organisieren

Und eine Lösung? Er winkt ab. „Sollen sie uns doch die Schiffe abkaufen und den ganzen Betrieb an der Küste stilllegen.“ Er meint die Landesregierung in Kiel. Aber damit ist nicht zu rechnen. In Kiel heißt es, die Fischer sollten sich erst einmal besser organisieren, um den Großhändlern Paroli zu bieten. Die „Marlies“ schaukelt leicht ungeduldig im Hafenbecken. So, als wollte sie wieder los Richtung Helgoland. Ein kalter Wind geht, er pfeift in den Schiffsaufbauten. Wie lange er noch durchhalten kann? „Ich weiß es nicht“, sagt Kapitän Schoer.

Seit gut hundert Jahren gibt es die Krabbenfischerei an der Nordseeküste. Früher waren die kleinen braunen Zehnfußkrebse ein Essen für arme Leute. Und die Fischer waren ein stolzes Völkchen, hart arbeitend, aber eigene Herren.

Vorbei, Vergangenheit. Kapitän Schoer steht am Steuerrad, betrachtet den großen Kompass, die Bildschirme, die Funkgeräte hinter sich. Er mag seinen Beruf, er mag sein Schiff. Er schweigt einen Augenblick. Dann sagt er – und es kommt ganz tief aus seinem Innern: „Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Langsam verliere ich die Beherrschung.“

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