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Norbert Leithold Perle zwischen Staub und wildem Leben

Der Historiker Norbert Leithold mischt die Goethe-Forschung auf. Den Leipziger Buchpreis wird er dennoch nicht erhalten. Seine Vergangenheit als Porno-Filmer ließ die Jury zurückzucken. Von Harry Nutt

Norbert Leithold Foto: Monika Lawrenz/Osburg Verlag

Ein möglicher Anfang dieser Geschichte führt über meterhoch aufgestapelte Bücher. In Leder und Pappe gebunden, verstaubt, mit gebrochenen Rücken und eingerissenen Seiten. "Können Sie alles haben", hatte der Antiquar gesagt. "Das kauft hier doch keiner."

Da war Norbert Leitholds Leidenschaft für seinen Bücherfund bereits vollends entbrannt. An einem Frühlingstag im April 2003 kaufte er rund drei Dutzend. Heute besitzt er mehr als 500 Exemplare aus einer Sammlung von über 5000 Büchern, die eine Art Zwillingsbibliothek zu der 2004 ausgebrannten Anna Amalia-Bibliothek in Weimar darstellt. Eine Entdeckung mit Geheimnissen. Das wusste Norbert Leithold damals aber noch nicht. Überhaupt wusste er so gut wie nichts über die Bücher und ihren Besitzer, auf den sich die Stempel im Buchinnern bezogen: Ex Bibliotheca Comitum de Goertz.

Aus der Bibliothek ist erst allmählich eine bemerkenswerte historische Figur hervorgegangen. Sechs Jahre lang hat Norbert Leithold (52), an der Biografie über Johann Eustach Graf von Goertz gearbeitet, der Historikern allenfalls eine Randnotiz wert war. Graf Goertz war am Weimarer Hof Erzieher des Prinzen Carl August, Kontrahent des jungen Goethe in Bezug auf die Gunst der Herzogin Anna Amalia und später als Geheimdiplomat in Diensten des preußischen Königs, Friedrich II., genannt der Große. Goertz war einer, der überall dabei war auf der geschichtlichen Bühne des späten 18. Jahrhunderts, die vom Weimarer Musenhof bis zum Machtbereich des russischen Zaren reichte.

Auf die Spur von Goertz stieß Norbert Leithold, als er den Notizen folgte, die an die Ränder jener Bücher aus dem Antiquariat geschrieben waren. Sie führten ihn in ein Familienarchiv bei Stuttgart, in dem Briefe des Ehepaars Goertz aufbewahrt sind, die kürzlich den Literaturkritiker Tilman Krause in der Zeitung Die Welt zu der Vermutung veranlassten, dass die Geschichte von Goethes erstem Weimarer Jahrzehnt umgeschrieben werden müsse.

Aber das führt bereits zu einer anderen Geschichte, die Norbert Leithold in seiner Goertz-Biografie ebenfalls ausbreitet, und die nun auch die Goethe-Forschung zu beschäftigen beginnt. Die Goertzens waren ein meinungsstarkes Paar und schonten ihre berühmten Zeigenossen in ihren Briefen nicht. Es ist keineswegs pure Freude, die dem Privatforscher Leithold und seinen Fundsachen entgegenströmt. "Eine Entdeckungsreise in die Goethezeit" heißt das im Berliner Osburg Verlag erschienene Buch im Untertitel. Ausreichend emotionalen Schmierstoff liefert darin die Dreiecksgeschichte zwischen Goethe, der Herzogin Anna Amalia und der Hofdame Charlotte von Stein.

Wer liebte wen am Weimarer Hof?, fragte unlängst die Wochenzeitung Die Zeit. Und der britische Goethe-Forscher Nicholas Boyle bescheinigt Leitholds Fund, die Weimarer Verhältnisse "teilweise in ein neues oder wenigstens grelleres Licht" zu rücken. Es sieht ganz so aus, als habe ein emsiger Privathistoriker eine ganze Menge Unruhe in den akademischen Betrieb gebracht. Davon berührt wurde wohl auch Jan Philipp Reemtsma, dessen Hamburger Institut für Sozialforschung die Übersetzung der Goertz-Briefe an dessen Frau finanziert. Reemtsma verwahrte sich mit Nachdruck dagegen, vom Osburg Verlag mit einem werbenden Zitat für die Goertz-Biografie eingespannt zu werden. Man ist empfindlich in dem Gewerbe.

Für Norbert Leithold war dennoch alles auf einem guten Weg. Die gewiss nicht auf boulevardeske Neuigkeiten versessene Goethe-Forschung schenkte ihm Aufmerksamkeit. Die großen Feuilletons rezensierten seinen Goertz umgehend. Und es gab noch eine weitere gute Nachricht. Das Buch sollte für den Leipziger Buchpreis in der Rubrik Sachbuch nominiert werden. Doch dann folgte ein kurioses Stück Preispolitik, das in seiner Rätselhaftigkeit selbst den Geheimdiplomaten Goertz überrascht hätte. Oder war da einfach was dumm gelaufen?

Der Autor war von der Jury über die Nominierung informiert worden, und der Verlag hatte geschäftstüchtig, aber voreilig, wie sich herausstellte, die Auflage erhöhen lassen. Noch vor der offiziellen Bekanntgabe der Nominierten war der Name Leithold wieder von der Liste verschwunden. Man habe Zweifel an den Angaben des Autors, ließ die Jury hinter vorgehaltener Hand wissen. Offiziell sei gar nichts passiert. Man hatte es sich halt noch einmal anders überlegt. Aber warum? Der Autor wurde dazu weder informiert noch befragt.

Die Nominierungsaffäre hat Spuren hinterlassen bei Norbert Leithold. Es gehe ja nicht um ihn. Sein unglaublicher Bücher- und Briefschatz sowie die Geschichte des Grafen möge aber nicht in einer Buchpreisaffäre untergehen, bei der selbst das Skandalpotenzial unausgegoren erscheint. Tatsächlich wird das Buch, an dem Leithold mehrere Jahre gearbeitet hat, noch von einer ganz anderen Geschichte überlagert - seiner eigenen.

Zum Gespräch im Niederländischen Hof in Schwerin hat er einige Exemplare aus seiner kostbaren Büchersammlung mitgebracht. Eins enthält eine persönliche Widmung von Friedrich dem Großen an den Grafen Goertz. Im brandenburgischen Schloss Rheinsberg will Leithold demnächst eine Ausstellung mit Friedrichs Goertz-Depeschen eröffnen. Norbert Leithold könnte stundenlang erzählen. Über die Bücher oder die Diplomatiegeschichte des späten 18. Jahrhunderts. Auf seine eigene Geschichte angesprochen, hält er inne. Was soll er sagen? Und wie?

Norbert Leithold hieß einmal anders. Unter dem Namen Norbert Bleisch hat er noch vor dem Fall der Mauer eine schriftstellerische Laufbahn begonnen, die bald in ein soziales Nachwendepanorama mit einem Schuss Krimi mündete. Ein bisschen hat der junge, in Schwerin aufgewachsene Autor mit den Verlockungen eines wilden Lebens gespielt, schließlich fand er nur mit Mühe wieder aus einer romanhaften Verstrickung heraus.

Dabei begann alles sehr vielversprechend. Sein Roman "Kontrollverlust" erschien 1988 in einem Rostocker Verlag, und für die bei Suhrkamp erschienene Erzählung "Viertes Deutschland" wurde er mit dem Alfred-Döblin-Förderpreis der Akademie der Künste ausgezeichnet. Ein Leisetreter war Norbert Bleisch allerdings nicht. Als er 1992 beim legendären Klagenfurter Bachmann-Preis mit einem pornografischen Textexperiment antrat, sagte der Kritiker Karl Corino: "Schlimmer hätte der Wettbewerb nicht beginnen können als mit diesem Text."

Da war Norbert Bleisch, Anfang 30, längst in einem anderen künstlerischen Metier unterwegs. Unter dem Label Gay Video Sebastian B. drehte er binnen fünf Jahren Dutzende Filme für den pornografischen Markt. Schwuler Sex aus dem unverbrauchten Osten schien eine Art Marktlücke zu schließen. Das Kultusministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern hatte sogar unfreiwillig den Anstoß dazu gegeben.

Den Schülern sollten mit künstlerischen Mitteln die Dinge des Alltags näher gebracht werden. Norbert Bleisch hat das wohl zu wörtlich genommen. Entstanden war die Idee bei einem Videoprojekt für die Schule. Alles ganz freiwillig und mit einem großen Maß an Eigendynamik. Zunächst wurden in dem Videokurs Vorabendserien nachgestellt, "dann griff man schon mal an die Brust und dann flog schon mal der Pullover runter und dann waren plötzlich beide ausgezogen, und so wurde immer mehr preisgegeben".

Norbert Leithold ist nicht stolz auf seine Geschichte als erfolgreicher Pornofilmer, in der er sich rasch professionalisierte und in Kontakt mit einem großen Produzenten kam. Nachzulesen ist der Verlauf der unternehmerischen Blitzkarriere in einem Suhrkamp-Band, den der Schriftsteller Ingo Niermann unter dem Titel "Minusvisionen" herausgegeben hat. Darin sind Protokolle vom produktiven Scheitern enthalten, in denen Unternehmer mit visionären Ideen am Ende fast immer eine Bruchlandung erleiden. Als Minusvision betracht Norbert Leithold seine Zeit als Filmer allemal. Bis heute holt sie ihn immer wieder ein.

Eine zeitlang schien es allerdings so, als wäre sie mit kultureller Aufmerksamkeit verknüpft. Bleisch hatte ein pornografisches Manifest verfasst und an Beate Uhse geschickt. Er war davon überzeugt, einen künstlerisch wertvollen pornografischen Film machen zu können. Derek Jarman und Peter Greenaway waren seine ästhetischen Vorbilder, ein bisschen auch der Fotograf Robert Mapplethorpe. Seine filmischen Aktivitäten spielten sich keineswegs im Verborgenen ab, der Schriftsteller Bleisch genoss wachsende Anerkennung.

Während einer Tagung über Uwe Johnson, bei der auch der große Suhrkamp-Verlger Siegfried Unseld anwesend war, hatte der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns Bleisch den neuen Johnson genannt und ihn anschließend dezent beiseite genommen: "Aber das mit den Filmen, das lassen Sie besser sein." Er habe das nicht als Warnung, sondern schönredend eher als Ritterschlag verstanden, sagt Norbert Leithold. Was soll schon sein, habe er sich gedacht, wenn jeder Bescheid wisse. Aber die Zweifel am Tun waren längst vorhanden.

Den Schlussstrich unter die Pornofilmerei zog schließlich ein Staatsanwalt. Norbert Bleisch hatte sich strafbar gemacht. Nicht weil er Verbotenes gezeigt oder Zwang auf die Darsteller ausgeübt hatte. Der Vorwurf des Missbrauchs wurde nie erhoben. Gegenüber seinen Akteuren sei er äußerst gewissenhaft gewesen, sagt Leithold. Lauter korrekte Verträge, die Angebote und Nachfragen seien aus ganz Europa eingetroffen. Oft habe er sich sogar die Genehmigungen der Eltern eingeholt. Strafbar war auch keineswegs der Dreh mit Darstellern unter 18.

Verurteilt wurde Norbert Bleisch, weil er seine Schauspieler bezahlte. Die rechtliche Situation sei so paradox, sagt Leithold, dass die Jugendlichen das, was sie drehen, nicht sehen dürfen. Strafrechtlich relevant war schließlich aber die Entlohnung der Schauspieler. Norbert Bleisch wurde von einem Schöffengericht zu zweieinhalb Jahren verurteilt, von dem er ein Jahr im offenen Vollzug verbüßte.

Bevor er dort seinen Roman "Kein Blick zu wilden Tieren" schreiben konnte, musste er auf einem Saatgut Kartoffeln schälen für die landwirtschaftliche Schweinehaltung. Das war absurd genug. Die Kartoffeln durften keine schadhaften Stellen haben und mussten von einer bestimmten Größe sein. Dem Staatsanwalt sei er dennoch dankbar für sein Einschreiten. Es habe ein Kapitel seines Lebens beendet, das ihm entglitten war.

Ausdruck eines Neuanfangs war nicht zuletzt der Namenswechsel. Norbert Leithold nahm den Nachnamen seiner Frau an. Ein Skandalautor und straffällig gewordener Regisseur mutiert zum Historiker! So könnte man seine Wandlung oberflächlich betrachtet wohl zuspitzen. Ein begabter Autor lenkt seine überschüssigen künstlerischen Energien kurzerhand um. Ganz so küchenpsychologisch schlicht ist es aber doch nicht. Er werde auch wieder Romane schreiben, sagt Leithold.

Und der Historiker war schon immer mit von der Partie. Als Schriftsteller mit einem Faible für alles Preußische setzte er fort, was ihn seit seiner Kindheit fasziniert hat. Auf die Geschichte des Grafen Goertz war er letztlich nur gestoßen, weil er auf der Suche nach Material für ein Buch über Friedrich den Großen war. Er hatte sich vorgenommen, die vielen Friedrich-Klischees und Irrtümer zu korrigieren.

Seinen eigenen Irrtum glaubte er mit der verbüßten Strafe längst hinter sich gelassen zu haben. Heute bezeichnet er seine Porno-Experimente als völligen Irrweg. Geblieben scheint die provokative Energie. Ein Hinweis zu der Vermutung, dass die Leipziger Jury angesichts des Autors kalte Füße bekommen haben könnte, führt über einen Roman Leitholds mit dem Titel "2040".

Es handelt sich um einen Zukunftsroman, der lediglich in einer Vorauflage erschienen ist. Kurz darauf erschien der Text im Internet. Norbert Leithold schildert darin die Bundesrepublik auf dem Weg in einen islamischen Staat. Die Entstehung von Parallelgesellschaften und was daraus werden kann, habe ihn interessiert. Das Buch sollte ein Beitrag zur Islamkonferenz des Bundesinnenministers sein. Diskutiert wird es in Internetkreisen nunmehr als politisch unkorrekter Ausdruck von Islamophobie. Das sei nicht seine Intention gewesen, sagt Leithold. Aus den Blogs halte er sich aber schon aus Selbstschutz heraus.

Norbert Leithold spricht konzentriert, seine Augen leuchten, wenn es um den Grafen Goertz und dessen Bibliothek geht. Er ist um Genauigkeit bemüht. Fast immer hat er zu einer historischen Szene die entsprechende Jahreszahl parat. Unpräzise Bemerkungen des Fragenstellers verbessert er mit dem gebotenen Respekt, aber bestimmt. Über seine bewegte Vergangenheit spricht er offen, weder stolz noch devot. So weit, wie er seinerzeit im Gespräch mit Ingo Niermann gegangen ist, würde er heute vielleicht nicht mehr gehen, sagt Leithold nachdenklich. Der Text in "Minusvisionen" liest sich streckenweise wie ein schonungsloses Psychogramm.

Norbert Leithold ist nicht der große Unbekannte, vor dessen Provokationslust die Jury des Leipziger Buchpreises, warum auch immer, zurückgeschreckt ist. Und er hat sich auch nicht mit konspirativen Mitteln der Öffentlichkeit entzogen. Norbert Leithold ist nun darum bemüht, Kontrolle zu behalten. Über sein Privatleben, von dem schon viel zu viel bekannt geworden ist.

Mehr aber noch über seinen beachtlichen historischen Fund und den Grafen Goertz, der durch das umstrittene Juryverhalten in Mitleidenschaft gezogen wird. Norbert Leithold arbeitet längst an anderen Projekten. Ein zweiter Teil der Goertz-Biografie soll entstehen, eine Auswahl der Goertz-Briefe demnächst erscheinen. Die Sache mit der Jury hat ihn aufgewühlt, gewiss auch verletzt. In seiner schriftstellerischen Biografie hat er aber schon anderes erlebt.

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