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Nora von Waldstätten Eiskalter Engel

Villa, weiter Garten, Salon, Klavierzimmer: Nora von Waldstätten hat es nie besonders schwer gehabt. Ein düsterer "Tatort" macht die Film-Adelige nun bekannt und befördert sie ins Kino. Von Johannes Gernert

08.03.2010 00:03
Johannes Gernert
"Ich glaube an die Kraft des Geheimnisses, das man bei sich behält." Foto: ddp

In dem Moment, als die österreichische Baronesse Nora Marie Theres Beatrice Elisabeth von Waldstätten in ganz Deutschland bekannt wird, sitzt sie in einem Café in Berlin, Prenzlauer Berg. Auf der Leinwand läuft ein Tatort. Er spielt am Bodensee, in einer verschneiten Winterlandschaft. Die abgrundtief schöne Viktoria, Schülerin eines Eliteinternats, mordet mit einem Klassenkameraden so kaltblütig und unbeirrt, dass vielen Zuschauern seltsam unwohl dabei wird. Auch der junge Mann neben Nora von Waldstätten wirkt nervös. Er sieht immer wieder zu ihr herüber. Bis ihm klar wird: Sie ist die Viktoria. Er stammelt etwas vor sich hin.

Diese Schülerbestie sei so frostig, schreibt der Spiegel, "da gefriert der Bodensee." Die FAZ spricht von der "klirrend kalten Eiskönigin". Der Tatort heißt "Herz aus Eis". Etwa acht Millionen Menschen sehen ihn. Vor der Leinwand im Café beginnt Nora von Waldstätten an diesem 22. Februar 2009 zu begreifen, was das heißt. Man erkennt sie jetzt.

Ein Jahr später liegt Berlin unter einer harten Schicht aus Eis und Schnee. Nora von Waldstätten, 28 Jahre alt, raucht. Sie hält ihre Zigarette mit derselben Anmut in die Luft, mit der Film-Adelige beim Teetrinken den kleinen Finger möglichst weit von der Tasse wegspreizen. Es sieht nur gar nicht blöde aus. Eher: wohlerzogen. Die Finger gleiten wie ein Kamm durchs Haar. Jeans in kniehohen Lederstiefeln. Die Augen einer heiteren Katze. Sie schaltet ihr iPhone ein und schneidet das Gespräch mit. Zur Kontrolle.

Flucht in den Spaßdialekt

Ein weißes Sofa, Parkettboden, ein Kreuzberger Hinterhofbüro des Verleihs. An einer aufgestellten Wand reihen sich Plakate des Films "Parkour" aneinander. Sie spielt darin eine Abendschülerin, die erlebt, wie psychotische Schübe ihren Freund in einen Eifersuchtswahn treiben. Es ist einer von zwei Filmen, die einen neuen Schritt in der Karriere der Nora von Waldstätten bedeuten. Der andere, "Schwerkraft", hat auf dem Max-Ophüls-Festival den Hauptpreis gewonnen. Sie selbst ist als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet worden.

Für den Tatort "Herz aus Eis" hat sie den "New Faces Award" erhalten, einen der wichtigsten deutschen Newcomer-Preise. Im renommierten Deutschen Theater spielt sie zurzeit noch in einem Stück der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, ihrer Landsfrau. Die Jury des "New Faces Awards" hat von Waldstätten eine gestandene Schauspielerin genannt. "Überragend", lobte der Spiegel. "Überirdisch", pries sie ein Regisseur.

Nora von Waldstätten hat es nie besonders schwer gehabt. Trotzdem hat sie gekämpft. Vielleicht macht auch das ihren Erfolg aus. Sie ist in Wien und in Baden bei Wien aufgewachsen. Villa, weiter Garten, Salon, Klavierzimmer. Ganz alter Adel. Reiche Eltern? "Dazu äußer isch misch jetz´ nit." Sie weicht aus in einen Spaßdialekt.

Ihre Biografie: Burgtheater mit sechs, früh in die Oper. Ballettunterricht, stumme Rollen im Stadttheater, eine Schneeflocke in "Frau Holle". Mit 13 der erste Text. Nach dem Abitur zieht sie von Wien nach Berlin. Vorsprechen an der Schauspielschule Ernst Busch. Sie wird vertröstet und drei Tage später an der Universität der Künste genommen. Im ersten Semester gleich der erste Film, "Jargo".

Sie nimmt sich viel Zeit für ihre Rollen: "Ich träume oder fantasiere mich in die Figur hinein." Auch für die Nadine aus "Schwerkraft" hat sie eine Biografie entworfen. Eine Frau, die sich gegen das Leben stemmt, um davon nicht erdrückt zu werden. Die nicht genau weiß, wie sie das findet, dass ihr Ex-Freund sie seit Jahren verfolgt.

Diese Nadine tritt nur in einer Handvoll Szenen auf, aber es sind die entscheidenden, mit den leindwandgroßen Sätzen ("Du bist die Katastrophe meines Lebens."). Sie könnten dieses Handlungs-Konstrukt zerbröseln lassen zu erbärmlichen Kitsch-Häufchen, wenn sich die Schauspielerin damit begnügen würde, bloß wunderschön zu sein.

Adel macht angreifbar

Für den Eis-Tatort hat sich von Waldstätten zwei Monate vorbereitet. Sie ist zu den Motivbesichtigungen gekommen und hat gesagt, wie sie sich das Zimmer der Schülerin vorstellt. Aus dem Biografie-Kern wachsen die Gefühle in der Szene. Sie will dann ganz da sein. Hier. Jetzt. "Ob vor der Kamera oder auf der Bühne. Es gilt immer, um diesen Moment zu kämpfen", sagt sie. "Schwerkraft" endet mit einem solchen Augenblick. Ihr Gesicht auf der kompletten Leinwand. Es bewegt sich nichts darin, ein bisschen der Mundwinkel höchstens, ein wenig ein Augenlid. Kaum wahrnehmbar. Sie schaut nur. Und bewegt so viel.

In Leipzig, auf dem kalten Hauptbahnhof, um 3 Uhr morgens, mussten sie diesen "Schwerkraft"-Schluss nur drei oder vier Mal drehen. Sie saß vorher im Wohnwagen und hat David Bowie gehört, "Under Pressure". Nadines Musik. Sie war vorbereitet.

Über den "New Faces Award" hat sie sich auch deshalb so gefreut, weil sie ihn als Belohnung empfindet für diese Akribie. Adel macht angreifbar. Die Baronesse will kein Prinzesschen sein, aus deren Zimmer man vorsorglich alle Erbsen entfernt hat. "Jeden Meter meiner Schauspiellaufbahn habe ich mir selbst erarbeitet."

Die große Zukunft, die ihr bei der Verleihung des Nachwuchspreises vorausgesagt worden ist, wie stellt sie sich die vor? Sie überlegt. Träume, ja. Wünsche. Aber aussprechen? "Ich glaube an die Kraft des Geheimnisses, das man bei sich behält", sagt Nora von Waldstätten. Dann wirft sie ihre Zigarette in das Glas zu all den anderen. Es zischt leise.

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