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Nobelpreis Blind vor Prestigesucht

Die Stockholmer Nobelpreis-Juroren sind einem Hochstapler aufgesessen. Rücktritte und Entlassungen sind die Folge.

Das Karolinska-Institut in Stockholm fällt auf den italienischen „Starchirurgen“ Paolo Macchiariani herein. Foto: rtr

Was kann der Stockholmer Medizin-Nobelpreis noch wert sein, wenn die Juroren schon im eigenen Alltag blind auf einen gewissenlosen Kurpfuscher hereinfallen? Vier Wochen vor der Vergabe der diesjährigen Nobelpreise hagelt es Rücktritte, Entlassungen sowie vernichtende Kritik von allen Seiten, weil das Karolinska Institut den italienischen „Starchirurgen“ Paolo Macchiariani jahrelang künstliche Luftröhren transplantieren ließ, obwohl ein Patient nach dem anderen starb und längst Alarm geschlagen war.

Erst als eine TV-Dokumentation Anfang des Jahres den Tod von sechs Patienten bei acht Operationen, davon drei in Stockholm, aufdeckte, kam die Lawine ins Rollen. Der heimische Nobelpreisträger Arvid Carlsson sieht das Ergebnis als „das Schlimmste, was je in der Geschichte des Medizin-Nobelpreises passiert ist“. Der Schwedische Rundfunk kommentierte: „Das bringt das ganze Nobelsystem ins Wanken.“

Die langjährige Institutschefin und Nobel-Jurorin Harriet Wallberg heuerte den Italiener 2010 an, nachdem ihn mehrere ihrer Stockholmer Fachkollegen, ebenfalls mit Sitz und Stimme in der „Nobelförsamling“, wärmstens als förderlich für das internationale Renommee von „Karolinska“ empfohlen hatten. Macchiarini, ein mediengewandter Experimental-Chirurge, wurde ohne Einstellungsgespräch oder andere zwingend vorgeschriebene Formalitäten eingestellt. Auch als die Eingriffe in Stockholm sowie in Russland durchweg fehlschlugen, reagierte die Institutsleitung auf warnende Stimmen vier eigener Ärzte nur mit Drohungen wegen „Illoyalität“.

Was dank der TV-Dokumentation ans Licht kam, ließ die ersten Warnungen wegen Unwahrheiten in Fachartikeln als harmloses Vorgeplänkel verblassen: Macchiarini hatte Patienten ohne akute Not zu der lebensgefährlichen und rein experimentellen Operation überredet. Teile seines wissenschaftlichen Lebenslaufes waren gefälscht. Schon 2012 ermittelte die italienische Polizei wegen Betrugs und Erpressung von Patienten. Am Ende machte der Chirurg auch noch Schlagzeilen als Heiratsschwindler.

Er schwatzte einer US-Journalistin die Hochzeitsfeier mit Papst Franziskus für den Ringtausch und den Ehepaaren Clinton sowie Obama als Gästen auf. Das Opfer hat es „Vanity Fair“ ausführlich geschildert. Dass er schwedischen Professoren seine „revolutionären“ Luftröhren genauso erfolgreich aufschwatzen konnte, wird dort als Ergebnis von Prestigesucht gesehen. „Die Jagd nach einem Nobelpreis für das Karolinska Institut selbst hat die Führung blind gemacht,“ schrieb „Dagens Nyheter“.

Man denke an „Catch Me If You Can“

Wer einmal mit „Meistermanipulatoren“ zu tun gehabt habe, wisse, wie leicht so etwas geht. Man denke nur an den von Leonardo di Caprio nach einer wahren Geschichte gespielten Hochstapler in „Catch Me If You Can“. Der konnte sich auch zu Jobs als Pilot und Krankenhausarzt durchschwatzen. Das ist keine gute Werbung für die 50 stimmberechtigten Nobel-Juroren vom Karolinska Institut.

Mehrere Mitglieder sind in den letzten Monaten wegen des Macchiarini-Skandals zurückgetreten. Harriet Wallberg wurde am Montag von der schwedischen Regierung als Universitätskanzlerin gefeuert. Einen Tag später bekam sie die Aufforderung zum Rücktritt aus dem Nobelgremium. Andere hoffen, mit einer freiwilligen „Auszeit“ durchzukommen.

Die beiden Mediziner, die Wallberg den italienischen Wunderchirurgen besonders ans Herz gelegt hatten, sind mit Sitz und Stimme dabei, wenn am 4. Oktober am Nobelvägan 1 in Stockholm über den diesjährigen Nobelpreis abgestimmt wird.

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