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Niedersachsen Mit der Kugel gegen das Rudel

Er ist wieder da, sogar im niedersächsischen Wahlkampf: Seit 2000 ist der Wolf zurück in Deutschland – und mit ihm einige Probleme. In Niedersachsen soll bald geschossen werden dürfen.

Wolfsrudel
Seit 2008 gibt es in Niedersachsen wieder Wölfe: Angeblich sind es rund 140 Tiere. Foto: dpa

Vor ein paar Tagen bei Hoyerswerda in Ostsachsen: Zwei Jäger schneiden mit Motorsensen am Waldrand Gras. Plötzlich stehen zwei ausgewachsene Wölfe dicht bei ihnen. „Mir war ganz anders im Magen“, meinte Jäger Sven Peschel nach der ungewöhnlichen Begegnung. Die Räuber spielten herum, einer schnappte sich den Schutzhelm des Jägers, der im Gras lag, rannte damit weg, ließ ihn nach ein paar Metern wieder fallen. „So etwas ist mir noch nie passiert“, sagte der erfahrene Jäger.

Eine Woche zuvor wird zum ersten Mal ein ausgewachsener Wolf ganz nah bei Dresden gesehen. Der örtliche Wolfsbeauftragte Sebastian Schmidt meinte dazu in den „Dresdner Neuesten Nachrichten“, eine Überraschung sei das nicht. „Es ist davon auszugehen, dass Wölfe die Landeshauptstadt bereits seit längerer Zeit aufsuchen. Da ein Wolf in einer Nacht oft 30 Kilometer zurücklegt, ist es nicht ungewöhnlich, dass er sich auch bis in Vorstädte hineinwagt.“

Auch beim Dorf Lohsa in Ostsachsen näherten sich vor kurzem Jungwölfe Menschen bis auf wenige Meter. Nicht aggressiv, nur neugierig. Sie gehören zu einem Rudel, das dort seit 2008 lebt. Dennoch ungewöhnlich, hieß es aus dem Büro „Wölfe in Sachsen“: „Das Verhalten dieser Welpen lässt vermuten, dass sie sich an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt, eventuell sogar positive Erfahrungen mit ihnen gemacht haben.“ Die Beispiele zeigen: Er ist längst wieder da, der Wolf, Canis lupus, 30 bis 80 Kilo schwer. Und nicht nur auf Truppenübungsplätzen, in abgelegenen Wäldern oder aufgeforsteten ehemaligen ostdeutschen Bergbaulandschaften. Er streift durchs Land und kommt manchem Menschen gelegentlich näher als ihm lieb ist.

Seit 2000 ist der Wolf wieder heimisch in Deutschland, 96 Jahre nach seinem Aussterben: 1904 war bei Hoyerswerda das letzte Exemplar abgeschossen worden, der legendäre „Tiger von Sabrodt“. Vor 17 Jahren tauchten sie, wahrscheinlich eingewandert aus Polen, auf einem Übungsplatz der Bundeswehr in Ostsachsen wieder auf.

Sie vermehrten sich, andere kamen dazu, Wild zum Jagen war massenhaft da, es wurden mehr und mehr, der Nachwuchs wanderte weiter. Laut Nabu leben 70 Rudel oder Wolfspaare im Land. Möglicherweise sind es auch deutlich mehr: Wolfszählungen sind ein schwieriges Geschäft. Da ein Rudel aus etwa acht Tieren besteht, sind es möglicherweise 500 bis 700 Tiere. Damit ist das Raubtier an vielen Orten in Nord- und Ostdeutschland keine Seltenheit mehr. Menschen allerdings ist bislang noch nichts passiert.

Nun hat der Wolf es sogar in den niedersächsischen Wahlkampf geschafft. Ein Thema, bei dem die Gefühle hochkochen, nicht nur wegen der Meldungen über eine britische Touristin, die möglicherweise in Griechenland beim Wandern von Wölfen getötet wurde. Geht es nach den Vorstellungen der niedersächsischen CDU, sollte auch der Streit um den Wolf seinen Teil zum Ende der rot-grünen Regierung in Hannover beitragen. Denn es gibt Probleme: Wölfe jagen nicht nur Rehe und Wildschweine, sie mögen auch gerne Schafe und junge Rinder. Zwischen 2002 und 2015 sollen Wölfe laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) in Deutschland mehr als 2000 Nutztiere gerissen haben. In Niedersachsen, wo es seit 2008 Wölfe gibt, derzeit etwa 140, wurden angeblich 669 Tiere gerissen.

Die rot-grüne Landesregierung in Hannover, sowieso unter Druck der nordwestdeutschen Landwirte, hat nun kurz vor der Landtagswahl am 15. Oktober einen schärferen Kurs eingeschlagen. Grund dürften auch die harschen Töne der CDU gewesen sein: Die Union wirft SPD-Ministerpräsident Stephan Weil und dem grünen Umweltminister Stefan Wenzel seit längerem vor, nichts zum Schutz der Menschen zu unternehmen und die Tierhalter alleine zu lassen. Nach Gesprächen mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) erklärten nun Weil und Wenzel, dass künftig komplette „Problemrudel“ abgeschossen werden könnten. Im Ausnahmefall lasse der Artenschutz das Töten der streng geschützten Wölfe zu.

Bedingung sei allerdings, dass die Tiere Schutzzäune von Nutztierhaltern regelmäßig überspringen. „Es gibt keine Zäsur“, sagte Weil. Auch eine Obergrenze für eine Zahl an Wölfen gebe es nicht, so Hendricks. Niedersachsens CDU will aber noch mehr: Sie will den Wolf in bestimmten Gebieten zur Jagd freigeben und ihn ins Jagdrecht aufnehmen. Davon halten Grüne und Umweltschützer gar nichts.

Die Diskussion ist nicht neu und wird in den nächsten Jahren und bei steigenden Wolfszahlen garantiert noch an Schärfe gewinnen. Auch in Sachsen und Thüringen wird über gezielte Abschüsse von Problemwölfen nachgedacht. Der Wolf ist – Politiker haben es wahrgenommen – ein hochemotionales Thema: Gerade auf dem Land steht er vielerorts als Symbol für eine verfehlte und abgehobene Umweltpolitik, die angeblich Tierwohl über Menschen stellt und die Sorgen der Landbewohner längst aus den Augen verloren hat.

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