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#nichtschön Aber bitte auch nicht hässlich

In einem YouTube-Video wehren sich Frauen dagegen, auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Einige von ihnen sind als Beauty-Bloggerinnen aktiv. Eine gute Idee. Doch an der Umsetzung hapert es noch etwas.

26.11.2014 15:36
Von Katrin Gottschalk
Diese schöne Frau aus dem Video ist nicht die Macherin Marie Meimberg, doch auch sie will nicht schön sein müssen. Foto: youtube/mariemeimberg

Auf ihrer Facebook-Seite beschreibt Marie Meimberg es so: Am Montagabend habe sie das knapp zweiminütige Video „Ich bin #nichtschön“ auf ihren Youtube-Kanal gestellt, sei in ein Flugzeug gestiegen und als sie wieder ausstieg, war das Video schon ein Erfolg. Auf ihrem Telefon sammelten sich die Nachrichten verschiedener Medien, die auf Rückruf warteten. Mittlerweile wurde das Video fast 50 000-mal angeschaut. Meimberg hat einen Nerv getroffen.

In dem Schwarzweiß-Video sagen 30 Frauen, dass sie vieles sind: wissbegierig, sarkastisch, begeisterungsfähig, orientalisch, awesome (dt. beeindruckend) – und nicht schön. Oder zumindest nicht nur. Meimberg hatte beobachtet, dass in den Kommentarspalten unter Videos von Youtube-Bloggerinnen oft die Inhalte der Videos zweitrangig oder gar egal wären, während das Aussehen der Frauen immer kommentiert werde. Wie sitzen die Haare? Passt der Lippenstift? Ihrer Wut darüber machte Meimberg mit ihrem eigenen Video Luft.

Etwas verwirrend ist allerdings, dass unter den 30 Frauen, die sich an der Aktion beteiligten, auch einige Beauty-Bloggerinnen wie „Barbierella“ sind, die sich explizit mit ihrem Äußeren beschäftigen. Sind entsprechende Kommentare dann nicht einfach die Geister, die sie selbst riefen? Meimberg entgegnet im Interview mit „Spiegel Online“: „Natürlich darf man auch als Beauty-Frau sagen: ‚Ich bin mehr als nur eine Beauty-Frau.‘ Das gilt für jede Frau, egal wie sie aussieht, niemand möchte darauf reduziert werden.“

Ein wichtiger Punkt, denn Frauen in der Öffentlichkeit bewegen sich in einem schwierigen Spagat: Einerseits wird ihnen allerorten eingetrichtert, dass sie jung, schlank und schön zu sein haben, andererseits wird den Frauen, die diesem Bild entsprechen, oftmals nicht zugetraut, trotz Schönheit auch intelligent, durchsetzungsfähig und meinungsstark zu sein.

Normschöner Formfehler

Der Schönheitsfehler des Videos ist ein anderer. Eine Userin fasst ihn auf Twitter ganz passend zusammen: „Zu sagen, dass du #nichtschön bist, ist leicht, wenn du #normschön bist.“ Fast alle der Frauen im Video sind genau das: jung, schlank und schön, oder genauer: normschön. Sie entsprechen dem, was unsere Gesellschaft als „schön“ definiert.

Dass Frauen nicht einfach so aussehen, wie sie aussehen, soll im Video verdeutlicht werden, indem manche der Bloggerinnen noch beim Abpudern gezeigt werden. Nur sind sie schon vorher geschminkt. Das ist also ungefähr so, wie wenn Gillette Werbung für einen neuen Damenrasierer macht und eine bereits komplett enthaarte Frau sich nochmals die Beine rasiert.

Wer von der Gesellschaft nicht als „schön“ wahrgenommen wird, kann sich beim Anblick des Videos schnell fühlen wie die dicke Frau, die neben ihrer schlanken Freundin sitzt, die mit besorgtem Blick auf ihrem Bauch oder ihre Hüften auf ein Stück Kuchen verzichtet. Die Dicke muss sich zwangsläufig wie ein Vielfraß vorkommen, wenn sie nicht auch den Kuchen stehen lässt.

Es ist fast ein bisschen ironisch, dass gerade Zeitschriften wie „Maxi“ oder „Brigitte“ das Video auf ihren Websites gefeiert haben – stehen doch genau diese Magazine für einen gewissen Zwang der Frauen zu Formschönheit. Kaum eines der Hefte kommt ohne Diättipps aus. Die „Brigitte“ musste erst im letzten Jahr ihre Strategie zurück fahren, ohne Models zu arbeiten – die Leserinnen fühlten sich von den modelhaft aussehenden Nicht-Models unter Druck gesetzt: Wenn diese perfekt aussehenden Frauen die „Normalen“ sein sollen, was für eine Verliererin bin ich dann eigentlich, dass ich nicht so aussehe?

Um zu verdeutlichen, dass die Bloggerinnen nicht immer „schön“ aussehen, ziehen manche im Video dann Grimassen. Das sieht irgendwie süß aus, sehr nett und auf eine Art wieder schön. Es ist fast schon tragisch, dass die Frauen dieses harmlose Verziehen des Gesichts als Beweis nehmen, dass sie nicht immer schön seien. Dabei wäre der eigentliche Affront nicht die Grimasse sondern waschechte Wut.

Eine wütende Frau, die sich von den Schönheitsstandards lossagt, die die Gesellschaft ihr aufzwingt, gilt oftmals als so ziemlich das Hässlichste und Abstoßendste; da wären wir dann aber schnell beim Bild der wütenden Feministin mit Haaren auf den Zähnen. Oder sie gelten als „weinerlich“, wenn sie wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig an ihren Forderungen, in dem Fall der Frauenquote, festhalten, – Altherren wie Unionsfraktionschef Volker Kauder sei Dank.

Was lernen Frauen also? Selbst beim Kritik äußern immer schön nett bleiben. An dieser verqueeren Sicht ändert auch das Video „Ich bin #nichtschön“ nichts.

Trotzdem: Die Idee des Videos ist gut, die Idee ist wichtig. Und sie erreicht ihr Publikum: auf Twitter sind die Kommentare unter dem Hashtag #nichtschön vor allem dankender Natur. Frauen wollen nicht nur schön sein. Sie sollten jetzt aber auch den Mut haben, mal richtig wütend zu sein.

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