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Nicaragua Friede den Fincas

Tausende Deutsche gingen Anfang der 1980er Jahre nach Nicaragua, um den Revolutionären im Kampf gegen die von den USA unterstützten Guerillas zu helfen. Einige Brigadisten leben immer noch dort – und denken mit gemischten Gefühlen an die Revolution zurück.

Nicaragua
Der Platz der Blockfreiheit – wo einst Reden und Fahnen geschwungen wurden, stehen heute Baracken. Foto: Nina Marie Bust-Bartels

Er kann die Hand kaum vor Augen sehen, als er nachts aus dem Bus steigt, irgendwo in Nicaragua. Die Hitze ist erträglicher, hier oben in den Bergen, die Luft ist klar, es weht ein leiser Wind. Gerhard Gust schnallt seinen Rucksack um, er hat alles dabei, was auf der Packliste stand: Schlafsack, Isomatte, feste Schuhe für die Berge, vier Rollen Klopapier. All das muss sechs Wochen halten. Sechs Wochen, in denen Gerhard Gust im Winter 1983 als Brigadist die Revolution unterstützen will.

Von der Revolution, die ihn hierher gelockt hat, ist nichts zu hören. Keine Schüsse von der Front, die nur wenige Kilometer entfernt liegt. Alles ist ruhig, als Gust zusammen mit 70 anderen Brigadisten in der Dunkelheit wartet. In der Ferne tanzt ein Licht.

Die Flamme der Gaslampe, die Rogelio Viareina vor sich her trägt, flackert bei jedem Schritt. Er und die anderen Kaffeebauern wissen nicht, wer da gerade angekommen ist, mitten in der Nacht. Und so fällt, als sie den Bus der Brigadisten erreichen, die Begrüßung eher verhalten aus.

Rogelio Viareina pflückt Kaffee, seit er ein Junge ist. Damals gehörten die Kaffeeberge hier in Sontule, das nördlich der Stadt Estelí liegt, noch dem Großgrundbesitzer René Molina. Bei ihm arbeiteten alle im Dorf, Männer, Frauen und Kinder, der Lohn reichte den Familien trotzdem kaum zum Leben. Nach der sandinistischen Revolution 1979 verschwand Molina. Wie viele Vertreter der alten Elite ging auch er ins Ausland – und die siegreichen Sozialisten verteilten Molinas Land an seine Angestellten. Rogelio Viareina gründete damals mit anderen Arbeitern eine Kooperative. Seither arbeiten sie füreinander, nicht mehr für René Molina.

Globale Faszination

Als am 19. Juli 1979 die Revolutionäre der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) den autoritären Präsidenten Anastasio Somoza stürzen, hat das Auswirkungen über das kleine Land in Mittelamerika hinaus. Überall auf der Welt sind die Menschen fasziniert von diesem freiheitlichen Sozialismus, getragen von einem breiten Bündnis – von anarchistischen und marxistischen Linken bis hin zu bürgerlichen und christlichen Kräften. Tausende Deutsche reisen in den 1980er Jahren nach Nicaragua. Heute erinnern in Deutschland nur noch die Partnerschaftskaffeetüten in den Weltläden an die Solidarität mit Nicaragua. Die meisten Brigadisten kehrten nach Deutschland zurück, spätestens 1990, als die FSLN abgewählt wurde. Die meisten, aber eben nicht alle.

In dieser Nacht im Dezember 1983, als die Deutschen zu Rogelio Viareina ins Dorf kommen, erfährt er, dass sie bei der Kaffeeernte helfen sollen. Und so steht er am nächsten Morgen neben Gerhard Gust an dem steilen rutschigen Hang, an dem Kaffee angebaut wird. Kaffeekirschen pflücken ist harte Arbeit, und die Deutschen sind langsam. Jedes Kind in Sontule ist schneller, aber Rogelio Viareina ist geduldig. Er zeigt, wie die Früchte einzeln vom Strauch gezogen, am Fuße der Reihe in Säcken gesammelt und dann ins Dorf geschleppt werden.

Einige Tage später löffelt Rogelio Viareina mit Gerhard Gust Hühnersuppe in seiner Küche. Aber unterhalten können sie sich nicht. Gerhard Gust spricht kaum Spanisch – bis heute nicht. Dennoch lebt er in Nicaragua. In seinem Arbeitszimmer säumen rote Aktenordner die Wände. Hier ist er sorgfältig abgeheftet, der deutsche Blick auf Nicaraguas Revolution: Zeitungsartikel, Flugblätter, später die Newsletter der Nicaraguavereine.

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