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Neurologie Wissenschaftler untersuchen Pädophile

Wie hängt Pädophilie mit sexueller Gewalt gegen Kinder zusammen? Wissenschaftler haben die neurologischen Zusammenhänge untersucht, mit interessanten Ergebnissen.

Die Vorstellung, dass Kindern Schaden zugefügt wird, mobilisiert so viel Emotionen, dass es schwer fällt, darüber nachzudenken, was das für Personen sind, die das machen“ – so beschreibt der Sexualmediziner Klaus Beier den Unwillen der Öffentlichkeit, sich abseits des Skandals mit dem Thema Pädophilie zu beschäftigen. Die Abwehr beruhe auf der Annahme, Pädophile seien zwangsläufig Täter – will heißen: Kinderschänder. Die Sexualwissenschaft weiß es besser. Keineswegs alle Pädophilen werden zu Tätern. Die Mehrzahl sexueller Übergriffe auf Kinder wird nicht von Pädophilen verübt.

Die neurobiologischen Grundlagen von Pädophilie und sexueller Gewalt sind dagegen noch unzureichend erforscht. Ein Verbund aus fünf Forschungseinrichtungen zu den „Neural Mechanisms Underlying Pedophilia“, kurz NeMUP will das ändern. Er erforscht Pädophilie mit den Mitteln bildgebender Verfahren und unterschiedlicher Ansätze wie Genetik und Epigenetik, Endokrinologie und Psychometrie.

Differenziertere Diagnosen

Die Sexualmediziner Tillmann Krüger, Sprecher des NeMUP-Verbundes und Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin und Henrik Walter, Direktor des Forschungsbereiches „Mind and Brain“ der Charité Berlin, haben am Donnerstag erste Forschungsergebnisse des Verbunds in Berlin vorgestellt.

„Die Erkenntnisse, die in der dreijährigen Forschungsarbeit des NeMUP-Verbandes gewonnen wurden, bestätigen unsere These, dass eine pädophile Neigung nicht gleichzusetzen ist mit sexuellem Kindesmissbrauch“, erklärt Klaus Beier. Er leitet das Projekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“, das 2009 auf die Prävention der Nutzung von Missbrauchsabbildungen (sogenannter Kinderpornographie) ausgedehnt wurde. Das Präventionsprogramm „Kein Täter werden“ hat inzwischen, neben Berlin, noch neun weitere Anlaufstellen in Deutschland.

Das Verständnis der Grundlagen der Pädophilie ist für Beier Voraussetzung für die Einschätzung von Übergriffsrisiken und Kontrollmechanismen bei potenziellen Tätern. Differenziertere Diagnosen wiederum sind die Voraussetzung für eine Verbesserung der therapeutischen Strategien. „Es gibt im Gehirn einige Regionen, welche für die Verhaltenskontrolle zuständig sind“, sagt Beier. „Sie sind für die Risikoeinschätzung von besonderem Interesse, und nach unseren Erkenntnissen aus dem Behandlungsprogramm des Präventionsprojekts ,Kein Täter werden‘ müssten sie einer Beeinflussbarkeit zugänglich sein“, vermutet er.

Neuere Theorien gehen demnach davon aus, dass genetische Veranlagung und lebensgeschichtliche Ereignisse gemeinsam Veränderungen in Hirnstruktur und -funktion bewirken können, die objektiv messbar sind und einer sexuellen Vorliebe für Kinder zugrunde liegen.

Gehört zur Sexualität

Es geht Beier indes nicht allein um die wissenschaftlichen, sondern auch um die ethischen Konsequenzen der Erkenntnisse des Forschungsverbunds. Pädophilie ist eine sexuelle Präferenz. Sie gehört zum breiten Spektrum menschlicher Sexualität. „Das haben wir nicht zu bewerten“, erklärt Beier. Zur Präferenzstörung, zur Krankheit also, wird sie erst dann, wenn die Betroffenen selbst darunter leiden und anderen Leid zufügen.

Doch wird nicht jeder Pädophile übergriffig und vor allem: Nicht jeder Sexualstraftäter, der Kinder missbraucht, ist pädophil. Etwa 60 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder sind sogenannte Ersatzhandlungen. Das heißt, die Täter sind sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet, begehen aber gleichwohl sexuelle Übergriffe auf Kinder.

Die Forschungsarbeit von Beier und seinen Kollegen wird nicht jeden sexuellen Übergriff auf Kinder verhindern können, sie ist aber die Voraussetzung für jede Art von Prävention.

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