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Neue Heiden Thor und Odin statt Jesus und Maria

Immer mehr Menschen fühlen sich aus Zweifel am Christentum zur Götterwelt der Germanen hingezogen. Ihnen wird Spott entgegengebracht oder sie werden in die rechte Ecke geschoben.

Runen
Hauptsache vorbereitet: Was der Tag bringt, verraten die Runen. Foto: Michael Bause

An diesem Morgen hat Rex Schulz die Eiwaz-Rune gezogen. Sie steht für Schutz, Ausdauer, Weisheit, die Kommunikation zwischen den Welten. „Passt“, Schulz nickt der Besucherin zu. „Wir kommen aus verschiedenen Welten.“

Schulz befragt die Runen jeden Tag. „Ich will wissen, was heute so ansteht.“ Sein Runen-Set, das ihn bis an sein Lebensende begleiten soll, hat er selbst geschnitzt: 24 Rechtecke aus federleichtem Holunderholz, ein jedes versehen mit einem germanischen Schriftzeichen. Ansuz, Wunjo, Ingwaz, Othala. Jedes Zeichen steht für einen Buchstaben und hat darüber hinaus eine magische Bedeutung.

Thor, Frigga, Freya

Rex Schulz aus Neuss, verheiratet, Vater eines 16-jährigen Sohnes, ist bekennender Heide. Er glaubt weder an die jungfräuliche Empfängnis Marias noch an die Himmelfahrt Jesu, verehrt weder Buddha noch den Propheten Mohammed. Seine Götter tragen uralte Namen wie Thor, Frigga und Freya. Er hält seine Ahnen in Ehren und respektiert die Gesetze der Natur. „Wir Menschen denken immer, wir stehen über den Dingen. Aber die Natur sagt uns, wo es langgeht.“

Im Wohnzimmer der dreiköpfigen Familie steht ein Hausaltar mit den Statuen von Göttervater Odin, der Totengöttin Hel und Loki, dem Spaßvogel in der germanischen Götterwelt. Ihm, sagt Schulz, fühle er sich besonders nahe. „Weil ich selber ein spontaner und emotionaler Mensch bin, der aus dem Bauchgefühl heraus agiert.“ Neben dem Altar hängen ein hölzerner Ritualhammer, der bei den Opferfesten zum Einsatz kommt, und ein Zauberstab aus Schwemmholz vom Rhein, in den Schulz die drei ersten Strophen aus Odins Runenlied geschnitzt hat. Darüber ein selbstgemaltes Bild mit der Schulz’schen Familienrune.

Vor drei Jahren hat der 56-Jährige zum alten Glauben gefunden, einer von mehreren tausend Menschen in Deutschland, die abgeschlossen haben mit Gottvater und dem Heiligen Geist und stattdessen auf die reich bevölkerte Götterwelt der Germanen setzen. „Jeder Mensch ist auf der Suche“, sagt Schulz. „Und jeder braucht etwas, an das er glauben kann.“

Sein religiöses „Aha-Erlebnis“ verdankt Schulz letztendlich seinem langjährigen Interesse an der Geschichte der Römer und Germanen. „Darin habe ich schon in der Schule die besten Arbeiten geschrieben.“ Die Beschäftigung mit Cäsars Kampf um Germanien weckte seine Neugier an den Schriftzeichen der Germanen. Schulz, der im sächsischen Meisen geboren wurde und sich mit 18 Jahren evangelisch taufen ließ, belegte einen ersten Runen-Kurs. Irgendwann habe er die Form einiger Runen mit seinem Körper nachgestellt und dabei „im ganzen Körper eine Art Energiefluss“ gespürt. „Da war auf einmal was.“ Das sei mehrmals geschehen und schwer zu beschreiben, sagt Schulz. „Ich habe viele Jahre religionslos gelebt, doch jetzt wusste ich, dass das der richtige Weg für mich ist.“

Schulz nimmt regelmäßig an Blóts, Opferfesten für Götter und Ahnen, teil und besucht einmal im Monat in der Kölner Altstadt den Stammtisch, den „Herd“ des „Eldaring e. V“. „Es macht einfach Spaß, Teil dieser Gemeinschaft zu sein“, sagt er. Seit der Hinwendung zum alten Glauben sei er wesentlich gastfreundlicher als früher. „Gastfreundschaft ist eine Tugend der Germanen.“ Und: Er sehe seine Ahnen, vor allem den Vater, heute in einem gänzlich anderen Licht. „Ich lerne aus seinen Fehlern und versuche, es besser zu machen als er.“

„Eldaring – gelebtes germanisches Heidentum“ wurde im Jahr 2000 gegründet und hat bundesweit mehrere 100 Mitglieder. Der Verein zur „Förderung von Forschung, Kultur und Wiederbelebung der indigenen und vorchristlichen Religion“ ist eine von mehreren, teilweise sehr unterschiedlich ausgerichteten Gemeinschaften von Neuheiden in Deutschland. Allen gemeinsam, so die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, sei der „Rückgriff auf vor- und nichtchristliche Glaubensvorstellungen, Traditionen und Werthaltungen“. Selbstverantwortung, Respekt vor den Ahnen und vor einer als beseelt gedachten Natur sind die Eckpfeiler des Glaubens.

Am Heidenstammtisch direkt mit den Göttern in Kontakt treten

Auch in anderen europäischen Ländern und in den USA gewinnt der Glaube an Odin, Frigga und deren weitläufige Verwandtschaft zunehmend an Boden. In Island wurde die „Asatru“, die „Alte Sitte“, bereits Anfang der 1970er Jahre als offizielle Religionsgemeinschaft anerkannt.

Inzwischen hat sie mehr als 1500 Anhänger, Tendenz steigend. 2015 wurde an der Fossbucht im Süden Reykjaviks der Grundstein zu Europas erstem „Heiden-Tempel“ gelegt. Auch in Dänemark und Norwegen hat der neu entdeckte Glaube an die Asen und Vanen, die Götter der altnordischen Mythologie, mittlerweile seinen offiziellen Segen bekommen.

Die Gründe für die Hinwendung zum neuen Heidentum sind vielfältig. Die „idealisierte naturnahe Welt von gestern“ werde „zur Projektionsfläche des urbanen Menschen des 21. Jahrhunderts“, so ein Erklärungsversuch der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die Pflege vermeintlich uralter Rituale komme zudem dem Bedürfnis vieler Menschen entgegen, „sich selbst in der Kette Jahrtausende alter Traditionen zu begreifen und mit der magischen Ritualpraxis alte Pfade eines verloren geglaubten Menschenwissens zu beschreiten“. Darüber hinaus könne das Neuheidentum als Freizeitbeschäftigung für all jene dienen, die auf der Suche nach alternativ-religiösen Glaubens- und Lebensentwürfen seien.

Sebastian Stein, Lehrer an einer Gesamtschule im Rheinland, sieht das etwas anders. Der 42-Jährige wurde römisch-katholisch erzogen, war Messdiener und Pfadfinder: „Ich bin sozialisierter Christ.“ Ausgetreten aus der Kirche ist er bis heute nicht. Doch nach der Firmung mit 15, 16 Jahren habe er begonnen, sich Fragen zu stellen, die ihm kein Priester beantworten konnte. Konnte es wirklich sein, dass es nur diesen einen, allmächtigen Gott gibt, wie das Christentum ihn glauben machen wollte?

Ein Freund nahm ihn schließlich mit zu einem Heidenstammtisch. „Ich hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein.“ Heute ist Stein Herdwart im „Eldaring“ und leitet in dieser Funktion den Kölner Stammtisch. Der Polytheismus der Germanen entspräche ihm mehr als die Religion seiner Kindheit, sagt Stein. „Hier kann ich in direkten Kontakt zu den Göttern treten und ich selber sein, ohne mich verbiegen zu müssen.“


Mehrmals im Jahr finden in Steins Hinterhof Blóts statt, bei denen einem Gott geopfert und anschließend gemeinsam gegessen und getrunken wird. Tieropfer gebe es nicht, beteuert Stein. Stattdessen werde schon mal ein Brotlaib in Form eines Widders geopfert. „Wir wollen keine Eins-zu-eins-Wiederbelebung der alten Rituale“, stellt er klar. Dazu sei die Quellenlage ohnehin viel zu dünn.

Die Gefahr, in die rechte Ecke gedrängt zu werden, ist den Anhängern des alten Glaubens bewusst. Im Einzelfall seien neuheidnische Richtungen im Blick auf ihre Ethik zu prüfen, fordert die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Insbesondere darauf, inwieweit Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden tatsächlich Raum gegeben werde.

„Die Symbolik, die wir gebrauchen, wird von rechten Ideologen missbraucht“, gibt Stein zu. Das sei eine Gefahr, der man im Verein entgegenwirken müsse. „Das Heidentum hat nichts mit Rassismus zu tun“, betont er. „Ganz im Gegenteil. Wir sind der Überzeugung, dass die Götter den rufen, der ihren Ruf hören will, und nicht den, der die „richtigen“ Eltern hat.“

Der Ruf der Götter ereilt inzwischen alle Gesellschaftsschichten. In ihren Reihen fänden sich Handwerker, Künstler und Professoren, sagt Stein. Das Geschlechterverhältnis sei in etwa eins zu eins. Und jeder von ihnen habe eine andere Gottesvorstellung. „Durch die Rituale kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.“

In der Gemeinschaft den Zweifel am Christentum teilen

Marcel Sobotta etwa bezeichnet sich als  „heidnischer Anglotheist“. Der ehemalige Theologiestudent nimmt seit einem Jahr als „geduldeter Gast“ an den Ritualen des Kölner „Eldarings“ teil. Mit dessen Mitgliedern teilt Sobotta die Zweifel an der christlichen Gottesvorstellung und die lange und oft quälende Suche nach dem richtigen Weg. Auch Sobotta, ein Mann von Anfang 40, war in seinem ersten Leben römisch-katholisch und wechselte 2004 nach einem kurzen Flirt mit dem Protestantismus schließlich zum altkatholischen Glauben. 2011 begann er in Bonn Theologie zu studieren. Bis ihm massive Zweifel an der Bibel und dem darin vermittelten Gottesbild kamen. Inzwischen ist er aus der Kirche ausgetreten, sein Studium hat er abgebrochen.

Marcel Sobotta glaubt an die Existenz von Engeln, „aber nicht im christlichen Sinn“, und an eine Gott- oder Wesenheit, „die das ganze Universum geschaffen hat“. Die Schöpfung sei einfach zu wunderbar, als dass nicht ein Architekt dahinterstecke, der das Weltall mit all seinen Wundern entworfen habe. Um Sobottas Hals hängt ein kleiner Thorhammer, im Bücherregal stehen mehrere Ausgaben der Bibel und der „Edda“, eine Sammlung skandinavischer Götter- und Heldensagen und wichtigste Quelle der Neuheiden.

Für ihn als ehemaliger Christ sei es nicht einfach, sich in die germanische Götterwelt hineinzudenken, gibt er zu. „Ich bin ein Frischling in dem Glauben.“ Die alten Götter seien für ihn eine Personifizierung der Natur, der Naturgesetze und der Naturgewalten und zugleich Adressaten, um sich für die Gaben der Natur zu bedanken. „Das ist leichter, wenn man eine Person als Ansprechpartner hat.“ Ob er am Ende seines theologischen Weges angekommen ist? Sobotta zuckt mit den Schultern. Vielleicht. Doch das wissen nicht einmal die Götter.

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