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Nele Neuhaus „Ich habe mich nur noch getrieben gefühlt“

Bestsellerautorin Nele Neuhaus ist bei Facebook ausgestiegen. Das soziale Netzwerk hat ihr zu viel Zeit geraubt. Nun kann sie sich wieder auf ihre Bücher konzentrieren. Am 10. Oktober steht wieder eine Buch-Premiere bevor. Dann ist Verkaufsstart von „Die Lebenden und die Toten“.

Nele Neuhaus und ihr Lebensgefährte Matthias Knöß arbeiten gemeinsam an einem „Crossover zwischen Homestory und Kochbuch“. Foto: Michael Schick

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Mittags um zwölf klingelt der Postbote. Nele Neuhaus reißt das Paket auf. „Wollen Sie Mordsfreunde auf Chinesisch lesen“, ruft sie durch den Flur. Vier ihrer Taunus-Krimis sind erstmals als Paperback in China erschienen, und der Verlag hat Belegexemplare geschickt. Früher hätte Nele Neuhaus sofort ihren Laptop hochgeklappt, die Buchcover mit den fremdländischen Schriftzeichen fotografiert und die Bilder samt Kommentar in Facebook hochgeladen. Heute tut sie das nicht. Weder Laptop noch Smartphone liegen auf dem Wohnzimmertisch. Nele Neuhaus ist aus dem sozialen Netzwerk ausgestiegen.

„Nach langem Überlegen habe ich beschlossen, mich als Autorin aus Facebook zu verabschieden“, teilte sie ihren Freunden und Followern Mitte August mit. „Ich habe den direkten Kontakt zu und den regen Gedankenaustausch mit Euch sehr genossen. Aber ich musste feststellen, dass mir die Social-Media-Aktivitäten zu viel Zeit, Energie und Konzentration rauben.“

Mehr als 20.000 hatten zuletzt regelmäßig Neuhaus‘ Posts in Facebook gelesen, mitdiskutiert, Hunderte Kommentare geschrieben. Viele ihrer Fans konnten kaum glauben, dass sie künftig nicht mehr am Leben der Bestsellerautorin teilhaben sollten, nicht mehr miterleben wie ein Buch entsteht, mitunter sogar mitentscheiden, welche Wendung eine Handlung nimmt.

Paradebeispiel für digitalen Leserkontakt

Sie habe stets Authentizität gewollt, selbst alles im sozialen Netzwerk geschrieben, alle Posts ihrer Fans gelesen und auch beantwortet – bis zur Atemlosigkeit, sagt Nele Neuhaus. Sie fotografierte ihren Schreibtisch mit Taunus-Krimi-Manuskripten und das Glas Rotwein, das sie abends trank; jammerte über ihre neue Lesebrille und lobte „die köstliche Suppe, die mein Süßer gerade gekocht hat“. Bei Autorenkonferenzen wurde sie als Paradebeispiel für digitalen Leserkontakt gelobt, blieb dabei aber selbst auf der Strecke. „Irgendwann hab’ ich mich nur noch getrieben gefühlt“, sagt die Krimi-Queen.

Seit Schluss ist mit dem Posten im Minutentakt, fühlt sich Nele Neuhaus befreit. Jetzt kann sie sich endlich wieder ausschließlich dem Bücherschreiben widmen. Fünf Seiten pro Tag hat sie sich selbst zum Ziel gesetzt. Manches Mal sind es aber auch deutlich mehr. „Das ist dann wie ein Rausch, ich schreibe und schreibe.“

Das Internet als Plattform, um ihre Taunuskrimis bekanntzumachen, braucht Nele Neuhaus schon längst nicht mehr. Die Verkaufszahlen der Bücher, in denen das Ermittlerduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein kniffelige Mordfälle im Land rund um Frankfurt und Wiesbaden aufklärt, schießen regelmäßig durch die Decke. In Deutschland erreichten Neuhaus’ Taunuskrimis bisher eine Gesamtauflage von über fünf Millionen Exemplaren, stehen stets vom Start weg auf den Bestsellerlisten. In 23 Ländern sind die Bücher erschienen – unter anderem in Korea, den USA, Thailand, Brasilien und Polen. In Japan erhielt „Schneewittchen muss sterben“ jüngst den Preis für den besten ausländischen Kriminalroman.

Zwei Jahre mussten Nele-Neuhaus-Fans seit dem Erscheinen von „Böser Wolf“ im Herbst 2012 auf den nächsten Taunuskrimi warten. Jetzt steht die Buchpremiere von „Die Lebenden und die Toten“ unmittelbar bevor. Am 10. Oktober ist Verkaufsstart. Nach der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse wird Nele Neuhaus in ganz Deutschland zu Leseabenden unterwegs sein, unter anderem in der BMW-Welt in München, beim Krimifestival in Hamburg, in Paderborn, Konstanz und Lüneburg auftreten. Die Tickets für ihre Lesungen sind längst vergriffen. Und von den 250 000 Exemplaren der Startauflage von „Die Lebenden und die Toten“ sind bereits über die Hälfte der Bücher vorbestellt.

Die Schauplätze, an denen ein Heckenschütze im neuen Taunuskrimi scheinbar wahllos Menschen erschießt und damit die ganze Rhein-Main-Region in Schockstarre versetzt, fand Nele Neuhaus wie immer vor der eigenen Haustür. „Die Toten und die Lebenden“ spielt in Eschborn und in Königstein, im Main-Taunus-Zentrum, in Kelkheim, Oberursel, Frankfurt und Darmstadt. Beim Gassigehen mit Terrierhündin Shelby kam Nele Neuhaus an einem kleinen Wäldchen vorbei, aus dem heraus im neuen Buch ein Mensch erschossen wird. Beim Einkaufen im Supermarkt fiel ihr ein Hochhaus ins Auge, von dessen Dach der Mörder sein Opfer ins Visier nimmt und danach unerkannt verschwindet.

Ein Phänomen auf dem Buchmarkt

Dass sie sich an ihrem aktuellen Wohnort Eschborn das mittlerweile deutschlandweit bekannte wirre kommunalpolitische Geschehen bloß zur Vorlage hätte nehmen müssen, um einen kniffligen Kriminalfall zu konstruieren, quittiert Neuhaus mit resolutem Kopfschütteln. Die Schlammschlacht in der reichsten Kommune des Landes rund um die letzten Bürgermeisterwahlen sei ihr zu „schäbig und schmuddelig“, um sich damit zu beschäftigen, sagt sie. „Da denke ich mir lieber selbst was aus.“

Nele Neuhaus ist ein Phänomen auf dem deutschen Buchmarkt. Legende sind die Anfänge ihrer schriftstellerischen Tätigkeit: In der Fleischfabrik ihres Mannes in Schwalbach am Taunus verkaufte sie Würstchen an die Kunden und pries dazu die im Eigenverlag gedruckten und in der Garage in Kelkheim gelagerten Kriminalromane an. Die Verleger hatten ihre Taunuskrimis bis dahin beharrlich abgelehnt. Auch ihr Mann interessierte sich nicht für ihre Bücher. Sie schrieb trotzdem weiter und fand immer mehr begeisterte Leser. Der Berliner Ullstein-Verlag machte ihre mit viel Lokalkolorit behafteten Krimis schließlich einem Millionenpublikum bekannt, das ZDF verfilmte sie.

Am 20. Oktober flimmert mit „Tiefe Wunden“ der dritte Taunus-Krimi über die Bildschirme. Nachdem die ersten beiden Verfilmungen zwar Quotenbringer waren, die kammerspielartigen Inszenierungen aber bei Nele Neuhaus und ihren Lesern auf wenig Gegenliebe stießen, hat das ZDF jetzt Marcus O. Rosenmüller als Regisseur engagiert. Er drehte an vielen Lokalschauplätzen im Taunus. 2015 wird „Wer Wind sät“ im Fernsehen laufen.

Auch der Vertrag für zwei weitere Taunuskrimis ist unterschrieben. Jeweils zwei Jahre hat Nele Neuhaus zum Schreiben Zeit. Einen engeren Zeitplan lehnte sie ab. „Sonst wird’s Massenware“, sagt sie.

Außerdem soll noch Zeit bleiben für andere Projekte. Für die beiden Jugendbuchreihen über die pferdenärrischen Mädchen Elena und Charlotte zum Beispiel. Und für Belletristik-Romane. Der erste ist im vergangenen Frühjahr erschienen und hat die Fangemeinschaft der Krimi-Queen in zwei Lager gespalten. Für die einen war die Geschichte der jungen Sheridan im Nebraska der 1990er Jahre „das beste Neuhaus-Buch, dass ich je gelesen habe“, für die anderen „ein billiger Groschenroman, ein Flickenteppich mit Elementen aus Aschenputtel, Shades of Grey und Familiensaga mit dunklem Familiengeheimnis“. „Schreiben sie weiter Krimis und sehen Sie von einer Fortsetzung dieses Machwerks ab“, empfahl eine Leserin im Netz.

Nele Neuhaus nimmt’s gelassen. Der Start in ein neues Genre müsse zwangsläufig viele ihrer Leser enttäuschen, sagt sie. „Ich habe mir damit aber auch eine neue Zielgruppe erschlossen und viel Lob bekommen.“

Mit einem Ex-Banker liiert

Immerhin schaffte es auch „Sommer der Wahrheit“ auf Anhieb in die Bestsellerlisten, 170.000 Exemplare wurden bisher verkauft. Und Nele Neuhaus denkt schon über eine Fortsetzung nach. Auch den zweiten Band will sie unter dem Pseudonym „Nele Löwenberg“, ihrem Mädchennamen, veröffentlichen. Ob allerdings auf dem Buchcover wieder der plump-plakative Hinweis „Nele Neuhaus schreibt als Nele Löwenberg“ stehen wird, ist noch nicht entschieden. „Das war eine Idee der Marketingabteilung, ich bin damit nicht so glücklich“, sagt Neuhaus.

Ihren kometenhaften Aufstieg, der sie zu einer der wichtigsten Autorinnen auf dem deutschen Buchmarkt hat werden lassen, sieht Nele Neuhaus selbst immer noch mit Staunen. Zu Kopf gestiegen ist ihr der Ruhm nicht. Zum FR-Interview ist sie ungeschminkt, trägt einen bequemen grauen Wollpullover, blaue Jeans und giftgrüne Gartenschuhe. Die blonden Haare sind zum Knoten hochgesteckt. Auch für den Fotografen wirft sie sich nicht in Schale.

Die Tür des Einfamilienhauses in Eschborn öffnet Lebenspartner Matthias Knöß. Seit drei Jahren ist Nele Neuhaus mit dem Ex-Banker liiert. Auf einer Lesung in Königstein lernten die beiden einander kennen. Präsentiert wurde damals kein Taunuskrimi. Knöß wäre sonst möglicherweise gar nicht hingekommen. Er kannte bis dahin weder Nele Neuhaus noch ihre Bücher. „Erst als sie mir ein großes Plakat von sich gezeigt hat, wusste ich, wer da vor mir steht.“

Vor einem Jahr sind die beiden zusammengezogen, leben im gemieteten Eschborner Domizil zwischen schlichten weißen Möbeln, einem schwarz lackierten Klavier und Regalen voll mit Büchern. Auf der Terrasse blüht rosa Oleander, an der Laube im Garten rankt sich Wein empor. Regelmäßig kommt Matthias Knöß’ Tochter zu Besuch. Nele Neuhaus versteht sich gut mit der Siebenjährigen. „Wir sind eine richtige kleine Familie“, sagt sie.

Im Mai dieses Jahres wurde Nele Neuhaus von ihrem Ex-Mann geschieden. Aus der Kelkheimer Villa ausgezogen war sie schon vor längerer Zeit, lebte für einige Monate in Bad Soden, wo sie als Tochter des früheren Main-Taunus-Landrates Bernward Löwenberg aufgewachsen ist und Kindheit und Jugend verbracht hat. Im kommenden Jahr will sie mit Matthias Knöß wieder in das Taunusstädtchen ziehen. In Bad Soden-Neuenhain haben die beiden ein Haus gefunden, das momentan umgebaut wird. Matthias Knöß tüftelt gerade an der neuen Küche. Möbel für Nele Neuhaus’ Arbeitszimmer werden ausgesucht, das Wohnzimmer wird geplant.

Wenn alles fertig ist, kommt der Fotograf und macht Bilder für ein Buch, das die beiden zur Buchmesse 2015 herausbringen wollen. Ein „Crossover zwischen Homestory und Kochbuch“ soll es werden, ein Nele-Neuhaus-Fanartikel für alle, die den aus dem sozialen Netzwerk gewohnten engen Kontakt zur Bestseller-Autorin schmerzlich vermissen. Nele Neuhaus und Matthias Knöß werden darin genau so viel von ihrem Privatleben preisgeben, wie sie wollen. Und Rezepte von Gerichten, die die Romanfiguren in den Taunuskrimis essen oder die Nele Neuhaus selbst gerne zubereitet, gibt’s obendrauf.

Alles ganz nach dem Geschmack des Publikums, möchte man meinen, und sehr viel leichte Kost. Doch Nele Neuhaus kann auch anders. Im Sommer unterschrieb sie zusammen mit mehr als 1000 anderen deutschsprachigen Autoren einen offenen Brief, in dem sie gegen die Methoden des Online-Händlers Amazon protestierte. „Meine Bücher sind unfreiwillige Geiseln in einem Kampf um Macht und Geld“, kommentierte sie in einem Focus-Beitrag den Versuch von Amazon, Autoren finanziell unter Druck zu setzen, befürchtete: „Eines düsteren Tages wird man womöglich nur noch lesen können, was Amazon genehmigt.“

Nele Neuhaus weiß, wovon sie spricht. Die Rechte für ihr erstes Buch „Unter Haien“ verkaufte sie in den USA einst an Amazon Crossing. „Ich konnte damals gar nicht abschätzen, was das bedeutet, habe mich aus Bequemlichkeit einfangen lassen“, sagt sie. Übersetzung und Lektorat ließen zu wünschen übrig. Für 99 Cent wird das e-Book von „Swimming with Sharks“ mittlerweile in Amerika verramscht. „Da geht’s nur um Masse, die Qualität bleibt auf der Strecke. Als Autor verdient man nichts mehr“, bedauert Neuhaus.

Für ihre Taunuskrimis hat sie deshalb auch in den USA wieder die traditionelle Vertriebsschiene gewählt. Alle Bücher erscheinen im Verlag Macmillan und sind auch im Buchhandel erhältlich. Mit dem amerikanischen Online-Riesen will sie keine Geschäfte mehr machen. „Ich kaufe auch privat nicht mehr bei Amazon ein“, sagt Nele Neuhaus.

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