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Naturschutz contra Jäger Wölfe kehren nach Deutschland zurück

Gesa Kluth kennt fast alle Wolfsrudel in der Lausitz. Immer mehr dieser Räuber sind nach Deutschland zurückgekehrt. Naturschützer sind begeistert, Menschen fürchten die Tiere. Von Bernhard Honnigfort

03.02.2010 00:02
Eine Seltenheit - nahe Gießen wurde ein Wolf gesichtet. (Symbolbild) Foto: Sebastian Koerner

Frischen Schnee - sie braucht frischen, lockeren Schnee, in der Nacht gefallen. Er wäre ideal. Aus ihm kann sie lesen. Frischer Schnee ist wie ein Buch voller kleiner Geschichten.

Aber dieser Schnee ist alt, ist wie ein zerfleddertes, beschmiertes Buch mit fehlenden Seiten. Er ist hart und überfroren, getaut, wieder gefroren. Die Spuren darin sind verlaufen und unscharf. "Nun ja", sagt Gesa Kluth. "Ein Großer und ein Kleiner. Mehr kann man nicht sagen." Sie deutet den Weg entlang nach Norden Richtung Anhöhe und Wald: "Dorthin werden sie gelaufen sein. Im Sommer waren sie immer dort."

Gesa Kluth, 39 Jahre alt, eine athletische, blonde Frau, steht tief im Schnee neben ihrem Geländewagen im Tagebaugebiet Welzow hinter Hoyerswerda in Ostsachsen. Es friert, scharfer Wind schneidet ins Gesicht. Es rauscht in den neu angelegten Schonungen: Tausende junge Eichen, die in Reih und Glied stehen, dazwischen Sanddornsträucher, ein neuer Wald, wo einst gigantische Bagger die Braunkohle aushoben. Menschenleere Gegenden, einst Kohleland, jetzt Wolfsrevier.

Der Wolf ist längst zurück in Deutschland. Still, heimlich, leise. Er ist für den Menschen meist unsichtbar und macht sich breit im Osten. Er wandert weite Strecken. "Da ist mächtig Dynamik reingekommen", sagt Gesa Kluth. Sie ist Wolfsforscherin und durchstreift mehrmals die Woche das dünnbesiedelte Land, ist unterwegs zwischen Bautzen und Cottbus, dort, wo Menschen wegziehen und Wölfe nachrücken. Sie liest ihre Spuren, aber sie findet die Wölfe nur selten. Im November habe sie einen gesehen, sagt sie. Einen Kleinen.

Wölfe sind extrem scheu. Deshalb weiß auch niemand genau, wie viele Wölfe tatsächlich in Ostdeutschland unterwegs sind. 40 bestimmt, 50, womöglich auch 60, vielleicht noch mehr, schätzt Kluth. Nachts kann man sie manchmal hören in Halbendorf oder Rietschen, Mühlrose oder Nochten, Laubusch oder Schwarzkollm: Sie heulen dann.

Irgendwann war er wieder da, ein biologischer Spätheimkehrer. Canis lupus, rund 50 Kilo schwer, und bis zwei Meter lang: der Wolf. Den letzten seiner Art, einen 41 Kilo schweren Rüden, von den Lausitzern ehrfurchtsvoll "Tiger von Sabroth" genannt, hatte am 27. Februar 1904 ein Förster aus Neukollm im Wald bei Hoyerswerda erschossen. Er steht ausgestopft im dortigen Heimatmuseum.

Nachts heulen sie in den Wäldern

Doch dann kamen die Wölfe wieder. 1994 sahen Jäger erstmals Spuren. Und es gab Hinweise, Kadaver von gerissenen Rehen, Kothaufen, nachts das Heulen. Aber nichts deutete auf Sesshaftigkeit. Wölfe tauchten immer wieder mal auf, Grenzgänger aus Polen, wo es heute noch rund 600 Wölfe gibt. Die Tiere schwammen durch Oder und Neiße und dann verschwanden sie wieder. Einzelgänger, vom Auto überfahren, abgeschossen.

Alles änderte sich im Sommer 2000. Damals sahen Jäger auf dem Truppenübungsplatz Nochten das erste Rudel mit Jungen. Sechs Tiere. Ein Wolf und eine Wölfin, eingewandert aus Polen, hatten sich dort niedergelassen. Der Truppenübungsplatz Muskauer Heider war ein ideales, riesengroßes Revier: Rehe und Wildschweine gab es im Überfluss, keine Menschen in der Nähe, nur ab und zu Übungsschießen von Hubschraubern und Panzern. Sie waren wieder da, 150 Jahre, nachdem der Mensch begonnen hatte, den Wolf in Deutschland systematisch auszurotten. Eine kleine Sensation.

Das ist jetzt zehn Jahre her. In der Lausitz leben heute mindestens sechs Rudel. Es gibt außerdem ein nachgewiesenes Rudel in Sachsen-Anhalt. Man hat Wölfe gesehen in der Lübtheener Heide südlich von Schwerin, in der Jännersdorfer und der Ueckermünder Heide in Mecklenburg und Vorpommern, bei Wittstock in Nordbrandenburg, im Fläming südlich von Potsdam und im Reinhardswald in Nordhessen.

Nicht allen gefällt das. "Es sind schon zu viele", sagt Vinzenz Baberschke. Er ist der Bürgermeister von Radibor, einer Gemeinde aus 20 Ortsteilen nördlich von Bautzen. "Das Gebiet der Wölfe wird zu groß." Baberschke ist nicht allein mit seiner Sorge. Einige fürchten, dass ein Wolf nachts in ihre Dörfer kommt, Tiere anfällt, vielleicht auch einen Menschen. "Die Angst vor diesem Raubtier ist da", sagt Baberschke. Seine Dorfbewohner, sagt er, hätten doch dasselbe Recht auf Unversehrtheit wie die Menschen in Berlin. "Wir leben doch hier nicht in der Wildnis."

In Halbendorf an der Spree gibt es eine Bürgerinitiative, 80 Mitglieder. "Sicher leben unter Wölfen" nenntsie sich. "Irgendwann kommt die Angst", sagt Tino Zimmermann, 34, Familienvater und Sprecher der besorgten Bürger. In Halbendorf war es im Sommer 2008, als ein Wolf einfiel und Schafe in einem Garten riss.

Gesa Kluth stapft durch den Schnee. Er knirscht vor Kälte. Den Wagen hat sie zurückgelassen. Sie sucht einen idealen Ort, einen Baum, an dem sie eine automatische Kamera aufhängen kann, welche vorbeiziehende Wölfe fotografiert. Sie deutet auf den Boden, überall Spuren, kreuz und quer. "Hier lief ein Hase, hier ein Fuchs in die entgegen gesetzte Richtung. Hier ein Wolf. Er hatte es eilig."

Die Schafe: 2007 sei schlimm gewesen, erzählt Kluth. Wölfe rissen über 70 Schafe, sie sprangen über niedrige Schutzzäune und fielen in die Herden ein. Und 2008 ging es weiter. Schafe sind eine leichte Beute, einfacher zu fangen als ein schnelles Reh und nicht so gefährlich wie ein kämpferisches Wildschwein. Sachsens Umweltministerium, das die Wiederverbreitung der Wölfe grundsätzlich unterstützt, musste eingreifen. Man holte besondere Hütehunde aus der Schweiz, Maremannos, große, furchtlose Hunde, die in Schafherden leben und Schafe bei Angriffen verteidigen. Danach wurde es ruhiger. 2009 rissen Wölfe bei zehn Angriffen 22 Schafe, das letzte am 6. November bei Hoyerswerda. Seit 2008 bekommen Schäfer vom Land Sachsen auch nur noch eine Entschädigung für gerissene Schafe, wenn sie sie richtig schützen: mit Elektrozäunen, Flatterbändern und Wachhunden.

Auf einer Anhöhe bleibt die Wolfsforscherin stehen. Spuren kommen von links und rechts, ein großes Durcheinander. Wolfsspuren, Wildschweine, ein Fuchs. Aber es ist kein guter Ort für die Kamera, kein Baum in der Nähe.

Jetzt reißen sie weniger Schafe

Gesa Kluth hat Wölfe studiert. Vor vielen Jahren in den USA, im Baltikum, wo es Wölfe gibt. Sie hat sie gesucht, ist ihren Spuren gefolgt. Sie verehrt und respektiert sie, seitdem sie als kleines Mädchen, das bei Göttingen aufwuchs, einmal ein Buch über Wölfe las. Als dann 1989 die Berliner Mauer fiel, zog sie nach Brandenburg, in ein kleines Dorf. Sie beendete 1997 ihr Biologiestudium mit einer Diplomarbeit über den Wolf. Sie war eine Wolfsexpertin in einem Land ohne Wölfe. Sie hätte nach Polen ziehen müssen, nach Portugal, Spanien, Schweden oder Norditalien, wo noch Wölfe leben. Doch dann tauchten sie in Sachsen auf - und sie war da. Sie war bereit.

Gesa Kluth leitet heute mit Kollegin Ilka Reinhardt das "Wildbiologische Büro Lupus" in Spreewitz. Im Auftrag des Landes beobachten sie, was die Wölfe machen, wohin sie ziehen, wie sie sich verbreiten. Ihr Büro ist in einem alten Bauernhof untergebracht. An den Wänden hängen Fotos von Wölfen und Karten mit bunten Punkten, den Orten, wo Wölfe auftauchten und wo man tote Tiere fand. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Einweckglas, darin Fell und Fleischstücke eines Wildschweins, der Mageninhalt eines überfahrenen Wolfes.

Die neue Nachbarschaft des Menschen mit dem alten Räuber ist nicht so einfach. Das Tier steht unter strengem Naturschutz, darf auf keinen Fall geschossen werden, nicht einmal beim Angriff auf eine Schafherde. Und doch sind schon einige Wölfe illegal geschossen worden. "Kein Schäfer ist froh darüber", klagt der Brandenburger Landesschafzuchtverband über den strengen Schutz des Räubers. Der Verband will wie die Jäger auch, dass der Wolf ins Jagdgesetz aufgenommen wird und geschossen werden darf. Sie verlangen eine Obergrenze für die Zahl der Wölfe und sind entsetzt über eine Studie des Bundesamtes für Naturschutz, wonach in Deutschland Platz für mehr als 400 Rudel ist.

Die Jäger misstrauen den Damen vom Wildbiologischen Büro. Es kursieren Verschwörungstheorien, sie würden Wölfe aus Russland holen und in Sachsen aussetzen. Von einer "internationalen Wolfsmafia" ist die Rede. Der Ton ist schnippisch. Die "jungen Damen von außerhalb", heißt es in Jägerkreisen über die zugereisten Biologinnen. Die Jäger wollen jagen. "Es gibt zu viele Wölfe", sagt Christian Berndt, der Vorsitzende der Kreisjägerschaft. Angeblich ist die Ausbeute an Wild im Wolfsland um die Hälfte gesunken, vor allem auf Jungtiere hätten es die Räuber abgesehen. Sie würden zu gerne Wölfe schießen, dürfen aber nicht. Denn das Bundesnaturschutzgesetz ist streng. Vor fünf Jahren klagte der pensionierte Jäger Joachim Bachmann dagegen. Der inzwischen Verstorbene hatte vor dem Dresdner Verwaltungsgericht argumentiert, der Wildbestand sei gefährdet, die gehetzten Wildsauen verkröchen sich gestresst im Dickicht. Und überhaupt: "Ich will erreichen, dass nicht irgendwann ein gerissenes Kind daliegt." Das Gericht lehnte ab und hielt auch einen Angriff auf Menschen für nahezu ausgeschlossen, weil der Wolf viel zu scheu sei.

Gesa Kluth kennt das alles, kennt den Ärger mit den Jägern. Drohungen habe es gegeben, Beschimpfungen, die ins Persönliche gingen. Es kann keine Verständigung geben zwischen beiden Seiten, keinen Kompromiss. Die Jäger müssen sich dem Gesetz fügen. "Es ist doch alles Quatsch", sagt sie. Sie marschiert durch den Schnee, immer noch auf der Suche nach einem idealen Punkt für die automatische Kamera. "Wild gibt es hier mehr als genug", sagt sie. "Mehr als die Jäger schießen können."

Nach Süden wandern sie nicht

Und die Gefahr für Menschen? "Gefährlich ist der Wolf nur für kleine Mädchen mit roten Käppchen" - ein Scherz. Seit 200 Jahren, sagt Kluth, gebe es in Deutschland keine Hinweise auf einen Wolf, der einen Menschen angriffen habe.

Die Sonne geht unter, es wird noch kälter. Der Schnee hat nicht mehr viel zu erzählen. Alte Spuren überall. Gesa Kluth bleibt stehen, zieht Plastikhandschuhe aus der Tasche. Ein Kothaufen eines Wolfes. So etwas wird eingesammelt und portioniert an Labors geschickt, die genetische Untersuchungen machen. Gesa Kluth weiß irgendwann, welcher Wolf aus welchem Rudel wo sein Geschäft machte. Sie kann sie alle unterscheiden, auch wenn sie die wenigsten jemals gesehen hat.

Sie sitzt an ihrem Schreibtisch vor einer Karte, erzählt von dem Wolf, der mal eben weit nach Brandenburg hinauflief, dort fotografiert wurde und dann umdrehte und wiederkam, Hunderte Kilometer in wenigen Tagen. "Warum hat der das gemacht? Warum ist er zurückgekommen?"

Die Wissenschaftlerin kennt Wölfe in und auswendig - und doch nicht. Die Tiere ziehen nach Norden, nach Mecklenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aber nicht nach Südsachsen, ins Erzgebirge, den Böhmerwald oder nach Thüringen und von dort weiter nach Bayern. Platz, Wald, Wild wären genug. Warum nicht dorthin? Sie zuckt mit den Schultern. "Wüsste ich auch gerne."

Das Telefon klingelt. Eine Frau aus der Nähe von Görlitz. Sie ist aufgeregt. Sie will zwei Wölfe gesehen haben, am helllichten Tag direkt vor ihrem Garten mitten im Dorf. "Eher unwahrscheinlich", sagt Gesa Kluth. "Ziemlich unwahrscheinlich." Vermutlich Schäferhunde oder Huskies. Solche Anrufe gebe es häufiger. Sie wird dennoch hinfahren und sich die Sache einmal nachsehen. Auch zur Beruhigung. Wölfe laufen anders als Hunde, sagt sie, sie hinterlassen andere Spuren, andere Schrittmuster. Kluth kann das sehen und unterscheiden. Aber nur, wenn der Schnee guter Schnee war und noch lesbar ist.

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