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Natascha Kampusch „Ich bleib’ zum Trotz ich“

Am Mittwoch erscheint Natascha Kampuschs Buch über ihre acht Jahre in Gefangenschaft. Darin erzählt sie, dass ihr Entführer Wolfgang Priklopil sie kahl schor und „Bibiana“ nannte.

07.09.2010 14:29
Norbert Mappes-Niediek und Thomas Stillbauer
Natascha Kampusch zu Gast bei der ARD-Sendung "Beckmann". Foto: dpa

Was sie aß, was sie anzog, wann abends das Licht ausging: Alles bestimmte der allmächtige Entführer. Er schlug sie, er befahl, wie viel sie wog, selbst wie sie heißen sollte und wovon sie sprechen durfte. Aber „im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb“, schildert Natascha Kampusch, „konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein“.

„3096 Tage“ heißt das Buch der Frau, die als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt wurde und sich acht Jahre später befreite. Ihr Schicksal erschütterte die Welt – was die 22-Jährige heute über die 3096 Tage Gefangenschaft erzählt, ist mindestens ebenso verstörend. „Habe ich mich gewehrt?“, blickt sie im Buch zurück auf den Moment der Entführung in Wien am 2. März 1998: „Habe ich versucht, seine perfekte Inszenierung zu stören? Ich muss mich gewehrt haben, denn am nächsten Tag hatte ich ein blaues Auge.“

Montagnacht, gut zwölfeinhalb Jahre später, sitzt Kampusch in der ARD-Talkshow „Beckmann“ am Tisch. Warum das Buch? „Ich wollte diese Geschichte loswerden“, sagt sie. „Das ist so eine Art Ballastpaket, das geb’ ich ab. Dann muss ich mich nicht mehr rechtfertigen, dann muss ich nichts mehr dazu sagen.“ Dass sie jetzt noch einmal ganz viel dazu sagen muss, gerade weil sie das Buch geschrieben hat, das nimmt sie in Kauf. Und genau so wirkt sie auch auf dem Fernsehschirm: kontrolliert, emotionslos – wie jemand, der eine Pflicht zu erledigen hat, etwas ertragen muss. Dieses eine Interview noch.

Die Nähe zum Täter

Anfangs, erzählt sie Reinhold Beckmann, habe sie die Schrauben an der Decke des Kellerverlieses gezählt, später in Gedanken ihre Familie zu sich geholt, dann gelesen, viel gelesen. Sie sagt, dass am Tag ihres Entkommens alles gepasst habe: Da fühlte sie sich stark genug für die Flucht, da konnte sie auch „den Gedanken ertragen, dass er sich umbringt“.

Er – der Entführer, Wolfgang Priklopil. Natascha Kampusch beschreibt in ihrem Buch, wie sie täglich Schläge und Erniedrigungen erdulden musste. „Brutale Tritte mit dem Knie in Bauch und Genitalbereich (wollte mich zum Knien bringen). Sowie auf die untere Wirbelsäule“, notierte sie am 24. August 2005 heimlich im Tagebuch. „Dann Dunkelhaft ohne Luft und Essen.“ Der Täter, wie sie ihn stets nennt – ein Anhänger von Hitler und Haider, erfährt man nebenher – schor sie kahl, ließ sie nur mit Kappe und Unterhose bekleidet putzen, lebte seinen Jähzorn an ihr aus. Ein Jahr nach ihrer Entführung durfte sie ihre Familie nicht mehr erwähnen und musste sich „Bibiana“ nennen lassen. Ihren Peiniger als „Maestro“ oder „Gebieter“ anzureden weigerte sie sich, trotz der Schläge. Und um diesen Mann sorgte sie sich, er könne sich etwas antun?

Ihre Annäherung an den Täter sei „keine Krankheit“, beschreibt Kampusch im Buch, vielmehr „eine Strategie des Überlebens in einer ausweglosen Situation“ – oder, wie sie im Fernsehen sagt: „Es ist im echten Leben nicht so, dass man ohne innere Kämpfe existieren kann.“ Sie sagt es, wie so viele Sätze, die einen sprachlos zurücklassen – und lächelt dazu.

„3096 Tage“ erzählt, wie für das Mädchen normal wurde, was die Außenstehenden später als Horrorgeschichte erfuhren. Kampusch vergleicht das Haus des Entführers mit einem Aquarium: „Der Fisch springt nicht über den Glasrand, dort lauert nur der Tod.“ Als sie nach Jahren, auf einem Ausflug mit dem Entführer, endlich wieder andere Menschen sah, fürchtete sie sich vor ihnen. Ihre Gesichter „verzerrten sich zu Fratzen“, schreibt sie, die Leute erschienen ihr „feindselig und unfreundlich“. Die Welt draußen war Kulisse, der Kerker Realität. „Ich steckte bereits so tief in der Gefangenschaft, dass die Gefangenschaft bereits in mir steckte.“

Der Schock der Freiheit

Der Selbstbefreiung mit 18 Jahren folgte auch ein Schock: Was sie für ihr Leben gehalten hatte, entpuppte sich als Kriminalgeschichte, ihr Verlies, das auch ihr einziger Rückzugsraum war, als Tatort. Sexualität habe nicht die Rolle gespielt, die viele vermuteten, schreibt Kampusch, ohne ins Detail zu gehen. „Es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte, nachdem mein Leben in Gefangenschaft in unzähligen Berichten, Verhören, Fotos zerpflückt wurde.“

Streckenweise lesen sich die 284 Seiten wie ein Psychologie-Lehrbuch mit nur einer Versuchsperson. Anfangs phantasierte sich die Zehnjährige in das Kleinkind zurück – um die Lage nicht in ihrem Ausmaß begreifen zu müssen. Später lernte sie, Erlebnisse von sich „abzuspalten“, neben sich zu stehen. Priklopil scheiterte daran, sich eine willenlose Marionette zu erschaffen. Und so ist Kampuschs Buch auch ein Dokument der Hoffnung. Je älter sie wurde, desto weniger fühlte sie sich als Geschöpf des Entführers.

Es ist auch die Antwort einer ernsten und trotzigen jungen Frau auf eine selbstgerechte Öffentlichkeit. „Die Leute sagen gemeine Sachen“, berichtet Kampusch bei Beckmann. In Internet-Foren ist sie mitunter eine „Lügnerin“, die freiwillig bei Priklopil blieb. Woher diese Aggression? Ein Psychologe vermutet in der Show, es irritiere die Menschen, dass das Opfer „gar nicht richtig traumatisiert“ wirke. „Der Täter hat das auch so gesehen“, sagt Kampusch dazu, „er hat sich gewundert, warum ich das alles so mit Fassung nehme.“ Aber das sei eben ihre Einstellung: „Es bringt nichts, wenn man das Ganze zu emotional sieht.“

„Du hast uns in eine Situation gebracht, in der nur einer von uns beiden überleben kann“, zitiert sich die 18-Jährige selbst im Gespräch mit dem Entführer. An dem Tag, an dem sie entkommt, tötet Wolfgang Priklopil sich selbst. Natascha Kampusch lebt. Und lässt sich nicht unterkriegen, berichtet sie bei Beckmann: „Ich bleib’ zum Trotz ich.“

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