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Nashorn Koloss mit Tinder-Profil tritt ab

Er war das wohl bekannteste Nashorn der Welt – Tinder-Profil inklusive. Nun ist das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn gestorben. Eine Hoffnung für das Überleben seiner Unterart gibt es aber noch.

Nördliches Breitmaulnashorn "Sudan" gestorben
Sudan war das letzte Männchen seiner Art. Foto: afp

Sudan hatte schon lange todtraurige Augen, und sein Horn sah eher wie ein morscher Baumstumpf als ein scharfes Instrument zur Selbstverteidigung aus. Das 45-jährige Nördliche Breitmaulnashorn ist am Montag in seinem Alterssitz, dem kenianischen Ol Peyeta Resort, als letztes männliches Exemplar seiner Spezies verschieden: Die Veterinäre haben seinem langen Leiden ein Ende gemacht.

Zum Schluss konnte der 5 Tonnen schwere Koloss sich nicht einmal mehr auf seine Stummelbeine wuchten. Der Greis, der nach menschlichem Maßstab bereits 90 Jahre auf dem Buckel hat, hinterlässt eine 28-jährige Tochter und eine 18-jährige Enkelin. Da beide keine Kinder gebären können, sieht es um die Zukunft des „Ceratotherium simum cottoni“ zappenduster aus. „Er war ein zärtlicher Riese mit einer wunderbaren Persönlichkeit“, heißt es in der Todeanzeige des Ol Peyeta Resorts: „Er hat mit seiner Würde und Stärke die Herzen gestohlen.“

Abgänger mit Weltruhm

Sudan war bereits im vergangenen Jahr zu Weltruhm gelangt: Als seine Betreuer auf der Partnervermittlungsagentur Tinder für „den begehrenswertesten Junggesellen der Welt“ eine Anzeige schalteten.

Sudan war außer begehrenswert vor allem eines: einsam. Rund um die Uhr bewacht von schwerbewaffneten Rangern sollte das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn noch einmal zu Vaterehren kommen. Immer wieder wurde er den beiden Damen zugeführt, erfolglos. Tochter Najin erwies sich als zu schwach zum Kinderzeugen, und bei Enkelin Fatu wurde eine verkrümmte Gebärmutter festgestellt.

Vor 60 Jahren hatte es in den ost- und zentralafrikanischen Wildgebieten noch mindestens 20 000 Exemplare des Nördlichen Breitmaulnashorns gegeben, zwanzig Jahre später waren es gerade noch hundert. Im Jahr 2010 waren sämtliche Exemplare in der Wildnis ausgestorben: Nur noch in Zoos gab es über die halbe Welt verteilt ein Dutzend Nördliche Breitmäuler – darunter Sudan, Najin und Fatu im tschechischen Dvur-Králové-Zoo. Um den letzten drei Exemplaren ihrer Spezies noch eine letzte Chance zum relaxten Vermehren zu geben, wurden die drei Nashörner in die kenianische Halbwildnis verfrachtet. Doch der schamlose Inzestversuch ging gehörig schief, und Sudan sah einem einsamen Tod als letztes Exemplar seiner Spezies entgegen. Mit ihm würde „Ceratotherium simum cottoni“ untergehen – oder auch nicht.

Denn längst stehen weltweit Wissenschaftler in den Startlöchern, um den Verlust, den Sudans Tod gerissen hat, mit technologischen Mitteln auszugleichen. In Berlin trafen sich im Dezember 2015 Veterinäre und Zoologen, um auszuleuchten, wie man den Nashornfrauen in vitro helfen könnte: Da ein Ei einer Rhinozerosfrau gerade mal einen Millimeter groß ist, ihre Eierstöcke aber 1,5 Meter im Körper versteckt sind, sei der Eingriff ein ziemliches Unterfangen, sagt Jan Stejskal, Direktor des tschechischen Dvur-Králové-Zoos: „Es wäre das erste Mal, dass ein Nashorn in vitro befruchtet wird.“ Da weder Najin noch Fatu gebären können, müsste auch noch eine Leihmutter gefunden werden, was angesichts der rund 20 000 Südlichen Breitmaulnashörner im südlichen Afrika eigentlich kein größeres Problem darstellen sollte.

In vitro ist nicht zwingend nötig, sagen Experten

Experten verweisen außerdem darauf, dass in vitro gar nicht unbedingt notwendig sei: Wissenschaftler wollen inzwischen aus einer einzigen Zelle Sudans einen neuen Nashornmann zaubern können: Alles nur eine Frage des Geldes. Der Vorschlag führte jetzt allerdings zu einer Debatte um die Retortenrettung in Naturschutzkreisen: Sudan als Repräsentant einer bereits so gut wie ausgestorbenen Spezies wieder ins Leben zurückzuholen, sei wie ein „haariges Mammut“ wiederzubeleben, kritisiert ein Tierschützer im Internet.

Lieber solle das Geld jenen Nashörnern zukommen, die noch leben, aber vom Aussterben bedroht sind: neben dem Indischen, dem Java- und Sumatra-Rhinozeros auch dem afrikanischen Spitzmaulnashorn. Die werden derzeit im südlichen Afrika zu Hunderten gewildert. Befeuert von der fernöstlichen Auffassung, dass gemahlenes Nashorn außer gegen Krebs auch bei einem schwachen Herzen und Impotenz hilft.

Die Betreuer des Ol Peyeta Resorts sind von der Debatte um das künstliche Weiterleben ihres verstorbenen Gastes „not amused“. Sie wollen sich auf ihre Weise an Sudan erinnern: „Als großartigen Botschafter seiner Spezies. Und als Mahnmal für die Tausenden anderen Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind.“

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