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Nahostkonflikt Wasserknappheit sorgt für Umdenken

Israelis, Jordanier und Palästinenser suchen gemeinsam nach Lösungen gegen die Wasserknappheit ihrer Region. Die Ressource dürfe nicht zur „Geisel des Nahostkonflikts“ verkommen, sagt einer der Experten.

Israel
Vorne so grün, hinten so trocken: Die Agrarwirtschaft im Norden Israels verbraucht viel Wasser. Foto: rtr

Die Pumpen dröhnen gewaltig. Ohne Hörschutz ist der Rundgang durch die Produktionshalle in Sorek, der weltgrößten Meerwasserentsalzungsanlage, kaum zum Aushalten. Die Plantage, 15 Kilometer südlich von Tel Aviv, liefert rund zehn Prozent des israelischen Trinkwassers. In der Umkehrosmose werden hier stündlich 18 000 Kubikmeter aus der Tiefsee eingeleitetes und in den Vorbecken von Algen gereinigtes Salzwasser in Süßwasser verwandelt.

Ein Verfahren, das weitgehend ohne chemische Zusätze auskomme, betonen die Sorek-Ingenieure. Die Osmosetechnik funktioniert rein physikalisch, verbraucht aber enorme Energie. Hochleistungsmotoren pressen dabei das Meerwasser durch mit dünnen Membranen ausgekleidete Röhren. Salzmoleküle bleiben hängen, Wassermoleküle nicht. Die Spitzenproduktion liegt daher in der Nacht, wenn die Strompreise günstiger sind.

Umweltschützer beklagen zwar, dass die Restlake, die zwei Kilometer vor der Küste wieder im Meer entsorgt wird, dem maritimen Leben schlecht bekomme. Für die meisten Verbraucher zählt, dass das Wasser aus dem Hahn zu Hause schmeckt. Sorek und drei weitere Desalinierungsplantagen stellen einen Großteil des Konsums in Israel sicher. Nur, die Hoffnung, mit ihrer Inbetriebnahme habe man nun Trinkwasser im Überfluss, war verfrüht. „Man hat den Klimawandel unterschätzt, ein Fehler“, konstatiert etwa Nadav Tal, Wasserexperte der Umweltorganisation EcoPeace.

Die natürlichen Ressourcen, die bei der Bewässerung der Agrarwirtschaft im Landesnorden eine wichtige Rolle spielen, schwinden dramatisch. Es regnet nicht genug, nur noch 65 Prozent der früheren Durchschnittsmenge. Nach vier Trockenjahren ist der Wasserspiegel im See Genezareth auf ein Rekordtief gefallen. „Niemand hat damit gerechnet, weil so etwas zuvor nie passiert ist“, so Uri Schor, Sprecher der israelischen Wasserbehörde. Es dürfte noch schlimmer kommen. Wissenschaftliche Studien gehen davon aus, dass die Regenfälle, die es in der nahöstlichen Region eh nur zwischen Oktober und März gibt, bis 2100 um weitere 30 Prozent abnehmen.

Die Nachbarn in Jordanien, eines der wasserärmsten Länder überhaupt, trifft das weit härter noch als die Israelis. Die vier Millionen Einwohner der Hauptstadt Amman sind schon heute auf die Ausbeutung fossiler Wasserspeicher im tiefen Erdboden angewiesen. Doch die werden in absehbarer Zeit erschöpft sein. Derweil steigt der Bedarf rapide, nicht zuletzt, weil das haschemitische Königreich zusätzlich Hunderttausende syrischer Flüchtlinge versorgen muss.

Abhilfe ist dringend geboten. So hat sich Israel jüngst verpflichtet, die im Friedensabkommen von 1994 den Jordaniern zugesagte Wasserlieferung von 55 Millionen Kubikmetern in den nächsten zehn Jahren auf 100 Millionen zu erhöhen. Im Gegenzug soll der Badeort Eilat Trinkwasser aus einer Entsalzungsanlage erhalten, die nebenan im jordanischen Akaba am Roten Meer geplant ist. Energiepolitisch macht der Austausch Sinn. Schon um nicht die gesamte Menge, die in Akaba erzeugt werden soll, über Hunderte Kilometer Rohrleitung zu Bevölkerungszentren im Norden Jordaniens pumpen zu müssen. Angesichts der Wasserkrise sei „Kooperation ein Muss“, sagt Nadav Tal. Seine Organisation EcoPeace, der Israelis, Jordanier und Palästinenser angehören, folgt diesem Prinzip seit langem. „Das Wasser“, so Tal, „hält sich ja auch nicht an Grenzen.“ Die knappe, lebenswichtige Ressource dürfe nicht wie „eine Geisel des Nahostkonflikts“ behandelt werden.

Eine reine Kostenfrage

Die Not hat zu einem gewissen Umdenken geführt. Israel hat die den palästinensischen Gebieten zugeteilte Quote kürzlich erhöht, auch wenn es nach wie vor den größten Batzen des Grundwasserreservoirs im Westjordanland selber schluckt. Gleichzeitig spielen die innovativen Israelis eine Vorreiterrolle bei der Wassereinsparung. Die Hälfte ihres Brauchwassers wird inzwischen landwirtschaftlich genutzt. Die in den 60er Jahren im Negev entwickelte Tröpfchenbewässerung, die direkt die Pflanzenwurzel benässt, ohne unnötig Wasser verdunsten zu lassen, ist längst ein Exportschlager.

Mit entsalztem Meerwasser lasse sich sogar der See Genezareth retten, meint Eran Feitelson, Umweltforscher der Hebräischen Universität. „Das ist eine reine Kostenfrage, aber die Technologie ist da, um uns dem Klimawandel anzupassen.“ Bei EcoPeace hat man Zweifel an so viel Fortschrittsglauben. „Genauso wichtig ist“, so Tal, „die natürlichen Ressourcen zu schützen.“

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