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Nachhaltiger Tourismus „Würde nicht auf einem Elefanten reiten“

Harald Zeiss, Experte für nachhaltigen Tourismus, erklärt worauf Reisende zum Schutz von Tieren achten sollten. Die beste Methode gegen Tierleid: Attraktionen, wo Tiere schlecht behandelt werden, konsequent meiden.

10.08.2015 15:06
Nicole Schmidt
Elefantenreiten ist bei vielen Urlaubern beliebt. Die wenigsten wissen, wie sehr die Tiere dafür ausgebeutet werden. Foto: REUTERS

Die Hand an die Schwanzflosse, und dann mit dem Delfin durchs tiefe Blau schwimmen, in Asien auf Elefanten reiten, ein Foto mit einem kleinen Känguru oder einem Affenbaby: Das Erlebnis mit Tieren gehört zu den schönsten Erinnerungen von Urlaubern. Aber was sie freut, bedeutet für die Tiere oft ein trauriges Leben in Gefangenschaft, Demütigung, Quälerei und Misshandlung .

Herr Zeiss, Kinder lieben all die schicken Tiershows in Delfinarien, wo scheinbar gutgelaunte Orcas durch die Luft springen und lustig quiekende Delphine Küsschen geben. Ist diese große Publikumsattraktion wirklich Spaß für beide Seiten?
Es ist nicht gut für Delfine, wenn man sie in kleinen Becken hält, sie lauter Musik aussetzt und Zuschauern erlaubt, die Tiere anzufassen. Tierschutzorganisationen laufen ja dagegen schon länger Sturm. Und in vielen Delfinarien ist die Situation schlecht für die Tiere: keine artgerechte Haltung, schlechte Hygiene, tödliche Unfälle, Tiere aus Treibjagden, die Bassins zu eng und keine richtige Ernährung.

Was kann man als Tourist dagegen tun?
Einfach nicht mehr hingehen. Aus mangelnder Nachfrage und nach Protesten wurden in Deutschland viele Show-Delfinarien geschlossen, in Großbritannien gibt es gar keine mehr. Und einige Reiseveranstalter wie Tui haben sich entschlossen, Ausflüge zu Delfin- und Orca-Spektakeln nicht mehr anzubieten, beispielsweise in der Türkei, auf den Bahamas oder in Italien.

Warum sind nicht alle Reiseveranstalter dabei?
Die Situation ist nicht schwarz und weiß, sondern mit vielen Grautönen. Tiere in Gefangenschaft zu halten, ist ein Teil unserer Gesellschaft. Ob Nutztiere für den Fleischkonsum, Haustiere oder eben Wildtiere in Zoos. Wo zieht man die Grenze? Die Delfine sind jedenfalls kein Einzelfall und selbst die Experten sind sich uneinig, welche Haltungsbedingungen akzeptabel sind und welche nicht. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn es eine einheitliche Lösung gäbe. Dies zu klären wäre eine Aufgabe für „Futouris“, die Nachhaltigkeitsinitiative der Reisebranche.

Aber die Urlauber können ja solche Shows trotzdem weiterhin bei lokalen Anbieter direkt buchen.
Allerdings. Nur, weil Reise-Veranstalter ein Delfinarium nicht mehr anbieten, heißt das nicht, dass es den Delfinen dann besser geht. Gäste müssen hier selbst Verantwortung übernehmen und eine Entscheidung treffen. Da kann man nur sensibilisieren aber nicht ständig mit dem erhobenen Zeigefinger rumlaufen und sagen, lieber Gast, das darfst du nicht.

Gäbe es denn eine Alternative, wenn man nun unbedingt Flipper von nahem sehen will?
Delfinwatching auf dem Meer, mit einem Mindestabstand zu den Tieren und geschulter Besatzung. Überhaupt ist Tierbeobachtung in der freien Natur viel attraktiver, wie bei Safaris, Schnorcheln, Tauchen, Whalewatching, solange keine Schutzzonen betreten werden. Da gibt es die Dominikanische Republik als Paradebeispiel für eine positive Veränderung: Dort wurden Wale jahrzehntelang gejagt, bis man erkannte, dass man ja mit einem Angebot für Touristen, die Wale zu beobachten, auch Profit macht. Sogar höheren. Und so kam es dann.

Wie sieht es aus mit Elefantenritten. Jungen und Alten macht es großen Spaß, auf dem Rücken der scheinbar so gutmütigen Dickhäuter durch den Dschungel zu schaukeln. Geht das den Tieren genauso?
Sicher nicht. Ein Elefant ist nun einmal ein Wildtier. Um einen Elefanten gefügig zu machen, muss sein Wille gebrochen werden. Das erreicht man nur durch Isolation, Futterentzug oder tagelanges Anketten. Die Mahouts, die Elefantenführer, haben häufig einen Haken dabei, mit dem sie die Tiere hinter den Ohren picken und ziehen, um ihnen zu zeigen, wer der Chef ist. Deshalb kann ich nur sagen: Ich würde heute nicht mehr auf einem Elefanten reiten!

Also sollte man auf die nahe Begegnung mit Elefanten ganz verzichten?
Durchaus nicht. Es gibt seriöse Anbieter, die etwa Walking-Safaris durchführen, bei denen die Elefanten nebenher laufen oder man kann ein Sanctuary besuchen. Das ist eine Art Gnadenhof, wo die Tiere in Ruhe tun und lassen können, was sie wollen. Das ist authentischer als ein post-kolonialer Elefantenausritt.

Aber dafür müssen die Tiere ja wieder trainiert werden.
Das Training ist nicht das Problem. Es sind die Trainingsmethoden. Die Trainer können ja durchaus auch mit Belohnungssystemen arbeiten, selbst wenn diese sehr viel länger brauchen, als die herkömmlichen.

Darf sich der tierliebende Reisende denn noch daran erfreuen, auf Pferdekutschen die Gegend zu erkunden, sei das nun im österreichischen Wien, vor dem Kolosseum in Rom oder im ägyptischen Luxor?
Tiere gehören leider in vielen Ländern zu einem besonderen Urlaubserlebnis. Und in der Regel ist es so, dass in Ländern, in denen es den Menschen schon nicht gut geht, die Tiere noch viel schlechter dran sind. Touristen können da helfen, indem sie sich eine Kutsche mit einem Tier aussuchen, das den besten Eindruck macht, bei dem man also nicht gleich auf den ersten Blick sieht: Das ist so mager, dass man schon die Rippen sieht und am Hals gucken die Sehnen „raus. Es sollte den Kopf aufrecht halten, die Ohren nach vorne gestellt, und alle vier Füße auf dem Boden haben. Und man sollte sich so verhalten, dass dieser Halter auch belohnt wird, indem man ihm deutlich sagt, hey, toll, dass Sie so ein gut gepflegtes Pferd haben. Wenn sich herumspricht, dass gesunde und gepflegte Tiere für mehr Umsatz sorgen, dann erreicht man langfristig eine bessere Versorgung von Pferden, Kamelen und Eseln in Urlaubsländern.

Und was ist mit Stierkämpfen in Spanien, Rodeos in den USA oder Hahnenkämpfen in Indonesien? Da wird immer argumentiert, das seien kulturelle Rituale?
Die können alle nicht im Sinne der Tiere sein, und sind deshalb aus meiner Sicht ganz klar abzulehnen.

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel: im Wasser herumtollen mit wilden Rochen. Ein solcher Ausflug wird in der Karibik angeboten, die Tiere kommen seit vielen Jahren ganz freiwillig zu diesen Sandbänken und umschmeicheln die Touristen, weil sie wissen, ihnen geschieht nichts und sie erhalten ein paar Tintenfischleckerlis. Darf ich da mit gutem Gewissen mit oder nicht?
Grundsätzlich würde ich es nicht unterstützen, wenn Wildtiere gefüttert werden, um das natürliche Fressverhalten nicht zu stören. Wenn die Tiere freiwillig kommen und Touristen bei dieser Gelegenheit Rochen erleben, um sie dann bei anderer Gelegenheit zu schützen, würde ich mal ein Auge zudrücken.

Geben Sie uns doch noch ein paar Tipps, worauf wir als Reisende beim Souvenireinkauf achten sollen?
Ich rate jedem, keine Tiere – ob ausgestopft oder lebendig –, Schmuck aus Schildkrötenpanzern oder Korallen, Brillen aus Horn, Schlangenledergürtel oder Krokodilgeldbörsen, zu kaufen. Auch die Regenmacher aus Australien sind geschützt, da sie aus seltenem Kakteenholz gemacht sind. Was gekauft werden darf und was nicht, regelt das Washingtoner Artenschutzabkommen ganz klar. In der Regel wird einem die Ware eh am Flughafen wieder abgenommen und es drohen empfindliche Bußgelder. Finger weg auch von Muscheln, selbst wenn man diese am Strand findet. Wer auf Mitbringsel nicht verzichten will, sollte sich beim lokalen Kunsthandwerk umsehen und etwas kaufen, das aus Holz, Glas, Metall, Porzellan oder Bambus gefertigt wurde. Ich selbst bringe am liebsten Bilder und Schnitzereien von einheimischen Künstlern mit. Ein Souvenir, für das kein Tier sterben musste und trotzdem ein Einkommen für einen Einheimischen schafft.

Interview: Nicole Schmidt

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