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Muslimin im Parlament Eine Frau hat es geschafft

Die gebürtige Türkin Muhterem Aras ist der heimliche Star der Grünen im Ländle. Erst mit 12 Jahren kam sie nach Deutschland aus einem Dorf, in dem es weder Strom noch fließend Wasser gab.

Muhterem Aras bei der Wahlparty der Grünen in Stuttgart. Foto: dapd

Die gebürtige Türkin Muhterem Aras ist der heimliche Star der Grünen im Ländle. Erst mit 12 Jahren kam sie nach Deutschland aus einem Dorf, in dem es weder Strom noch fließend Wasser gab.

Vielleicht stellt ihr der Vater wieder einen Blumenstrauß ins Zimmer. Einen, wie er ihn ihr in der Nacht nach dem großen Triumph ins Zimmer stellte, da hatte Muhterem Aras bei der baden-württembergischen Landtagswahl das beste Ergebnis überhaupt für die Grünen geholt, satte 42,5 Prozent und den Wahlkreis Stuttgart I damit deutlich vor der CDU gewonnen.

„Es war der erste Blumenstrauß meines Lebens von ihm“, sagt Muhterem Aras, die als kleines Mädchen vor jetzt 33 Jahren mit der Familie aus Elmaagaca, einem Dorf in der Osttürkei, nach Deutschland ausgewandert war. Am Wahlabend weinten die stolzen Eltern vor Glück und die Mutter sagte dann diesen bemerkenswerten Satz: „Wenn ich deine Möglichkeiten gehabt hätte, ich wäre längst Oberbürgermeisterin von Stuttgart.“

Muhterem Aras’ Mutter hatte keine Möglichkeiten. Sie ist Analphabetin.

Am 11. Mai nimmt der neu gewählte Landtag in Baden-Württemberg seine Arbeit auf. Muhterem Aras sitzt zum ersten Mal im Plenum. Sie ist eine von 36 Grünen-Abgeordneten, die erste Muslimin im Parlament. Sie ist jetzt 45 Jahre alt und sagt: „Stuttgart ist meine Heimat. Stuttgart ist wunderschön.“ Sie schwäbelt leicht und sagt schaffen, wo Nicht-Schwaben arbeiten meinen. Sie habe „g’schafft“, sagt sie.

Ihre Geschichte vom Mädchen aus Ostanatolien, das sich zur Vorzeige-Schwäbin hocharbeitete, ist ein schönes Beispiel dafür, was alles möglich ist. Funktionierende Integration in eine neue Gesellschaft ist keine Geheimwissenschaft, wenn jemand entschlossen ist, wenn die Eltern sich nicht abschotten und ihr Kind fördern, wenn Nachbarn und Lehrer keine Vorbehalte haben. Wenn alle mitmachen. „Menschen müssen offen aufeinander zugehen. Dann ist alles kein Problem. Dann kriegt man es hin.“

Aras sitzt in ihrem Büro in der Stuttgarter Innenstadt. Sie hat Wirtschaftswissenschaften studiert, betreibt heute eine Steuerberatungsfirma mit zehn Mitarbeitern in eleganten alten Räumen. Als sie mit zwölf nach Schwaben kam, hatte sie ein Dorf verlassen, in dem es weder Strom noch fließend Wasser gab. Sie sprach kein Wort Deutsch und stand mit ihren beiden Brüdern Nachmittage lang am Zaun des Hauses in Filderstadt, um Autos zu beobachten. Vor allem Autos, die von Frauen gefahren wurden. „Frauen am Lenkrad, so etwas hatten wir noch nie gesehen.“

Ein Exot macht Abitur

Ihr Vater arbeitete in einer Aufzugfirma, die Mutter bei einem Bauern in Sielmingen auf dem Feld. Muhterem ging zur Schule, spielte nachmittags mit den Bauernkindern, guckte Karatefilme oder aß Schnitzel mit ihnen im Wienerwald. Für eine Eins gab es vom Vater fünf Mark, für eine Zwei drei Mark. Taschengeld gab es hingegen keines. Ihr erstes Buch: „Pucki auf dem Bauernhof“. Sie war die erste Türkischstämmige, die in Filderstadt das Abitur machte, ein Exot. „Der Schlüssel liegt in der Offenheit“, sagt sie. „Wenn alle wollen…“

In die Politik kam sie des Geldes wegen. Sie musste während des Studiums etwas verdienen und schaffte deshalb im Büro der Stuttgarter Grünen. 1992 trat sie in die Partei ein, allerdings nicht wegen deren Engagement für die Umwelt und gegen Atomenergie, sondern wegen der Angriffe auf Ausländer in Rostock-Lichtenhagen und in Mölln.

„Wenn das jetzt deine Heimat ist, reicht motzen nicht mehr“, sagte sie und mischte sich fortan ein. 1999 wurde sie Stadträtin, 2007 Fraktionsvorsitzende. Seit 2009 sind die Grünen bereits stärkste Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat.

Und kaum war sie in den Landtag gewählt, sollte sie Ministerin werden. Die Gerüchte blühten. Natürlich Ministerin für Integration. Aber daraus wurde nichts. Einerseits, weil sie ein solches Ministerium persönlich für überflüssig hält. Darum, meint sie, habe man sich in allen Ministerien zu kümmern. Andererseits, weil Koalitionspartner SPD genau dieses Ministerium aber dann doch bildete und mit der Genossin Bilkay Önay aus Berlin, geboren in Malatya/Türkei, besetzte.

Kein falsches Spiel

Am Freitag teilte Aras mit, sie wolle Vize-Landtagspräsidentin werden, nach Agenturberichten aber verlor sie gestern die Abstimmung gegen Brigitte Lösch. Zuvor gab es Gerüchte, sie könnte, weil nicht Ministerin geworden, dem zukünftigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei der Wahl morgen die Stimme verweigern. Sie wies das verärgert zurück.

Kürzlich fragte sie ihr achtjähriger Sohn: „Mama, was bin ich: Deutscher oder Türke?“ Sie antwortete: „Als was fühlst du dich denn?“ Der Junge: „Ich weiß es doch nicht.“ Sie ist sich sicher. Sie ist schon lange angekommen. Und sie ist gewiss noch nicht am Ende. „Ich bin überzeugte Stuttgarterin“, sagt sie. „Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle.“

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