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Musikvideo Auge hört mit

Erstmals gibt es eine Ausstellung zur Geschichte des Musikvideos. Das Museum für Angewandte Kunst in Köln zeigt ausgewählte Meisterwerke. Zu Recht. Schließlich prägten die Clips eine ganze Generation. Vier Magazin-Mitarbeiter erinnern sich.

11.04.2011 15:57
Pet Shop Boys: "Go West".

"Go West" - Pet Shop Boys

Die Pet Shop Boys brachten 1993 mit ihrem Video zu „Go West“, das Howard Greenhalgh inszenierte, große Kunst bis in die letzte Imbissbude. Mich haben sie damit bei einer billigen Tasse Kaufhaus-Kaffee zum Fan bekehrt. Den Elektropoppern war aufgefallen, dass der Oldie der „Village People“ auf der Melodie der sowjetischen Nationalhymne basierte. Also verlegten sie den Spielort in die nur wenige Jahre zuvor untergegangene Sowjetunion. Die Architektur und Musicalästhetik der Stalin-Zeit feiert eine prunkvolle Wiedergeburt in utopischen Turmbauten und einer Showtreppe zum Himmel. Zugleich verbeugt sich die bunte, collagenhafte Bildsprache vor der russischen Gegenwartskunst, die seit der Perestroika auch den Westen eroberte. Dazu schreiten die Pet Shop Boys uniformiert wie das Künstlerduo Gilbert und George durch die einfache aber hinreißende Computeranimation. Doch musste man das alles wissen? Wie immer im Musikvideo wurde nach der Herkunft der Bilderbeute nicht gefragt.

Daniel Kothenschulte

"Guns N’ Roses" - November rain

In einer Zeit als auf Musiksendern tatsächlich Musikvideos und keine Reality-Doku-Soaps liefen, ließen sich Plattenfirmen ihre Videos noch etwas kosten. Mit 1,5 Millionen Dollar war der Clip zur Guns N’ Roses-Ballade „November Rain“ von 1992 eines der teuersten Videos aller Zeiten. Uns elfjährige Schulmädchen faszinierte allerdings ein kleines 8000 Dollar teure Detail viel mehr: Das Brautkleid, in dem Axel Roses damalige Supermodel-Freundin Stephanie Seymour im Clip vor den Altar tritt. Vorn Mikro-Mini-Rock hinten Prinzessinnenschleppe bildete die Robe einen wohltuenden Kontrast zu den tuffigen Brautkleidern der Kandidatinnen in Linda de Mols Traumhochzeit oder Michael Schanzes Flitterabend, die wir auf unseren Pyjamapartys einer eingehenden Bewertung unterzogen. Stephanie zeigte, dass Bräute nicht wie riesige Baisers aussehen mussten. Erst Jahre später lernten wir, dass ihr Rocksaum die Grenze des guten Stils bei weitem unterschritt. Und dass auch 8000 Dollar eine Menge Geld sind.

Judith Kessler

Kris Kross - Jump

Natürlich muss man Chris Kelly und Chris Smith, die ich Zeit meiner Jugend nicht habe auseinanderhalten halten können, und dass sie sich die Künstlernamen „Mac Daddy“ und „Daddy Mac“ gaben, war keine große Hilfe – natürlich muss man ihnen aus tiefstem Herzen danken, sie hätten mit„Jump“ auch im tiefsten Winter berühmt werden können, da ist es für gewöhnlich bitter kalt. Andererseits ist es im Winter für gewöhnlich auch dunkel, zumindest früh am Morgen, das wiederum hätte mich vor den Blicken der Nachbarn geschützt, wenn ich das Haus verließ und sein wollte wie Kris Kross. Kelly und Smith, 1992 um die zwölf wie ich, trugen als unverwechselbares Markenzeichen ihre Jeanshosen verkehrt herum, also den Schritt am Hintern und umgekehrt, da lasse ich jetzt der Fantasie freien Lauf. Natürlich hätten mich meine Eltern so niemals auf das Klostergymnasium gelassen, das ich besuchte, also kauerte ich am Morgen hinter dem Kombi in unserer Einfahrt und zwängte mich aus der Hose und wieder hinein, nur andersrum. Warm war es ja, aber auch sehr hell.

Sebastian Gehrmann

E-rotic - Max Don’t Have Sex with your Ex

1994. Es war Sommer, es war heiß, Mädchen trugen bauchfreie Tops. Ich war 14. Und mein Leben ein einziges Versprechen. Auf Händchen halten, auf Küsse, auf die zarten Geheimnisse der ersten Liebe. Dann kam Max. Und walzte alles nieder. Max war nicht zart. Nicht geheimnisvoll. Dafür überall. Und überall hatte er Sex. Morgens, Mittags, Abends, Nachts. Obwohl ihn die Eurodance-Gruppe E-rotic inständig darum bat, das sein zu lassen. „Max don’t have sex with your Ex“ hieß ihr Song. Im Videoclip irrlichterte ein schwarzgelockter Comic-Max durch die Träume seiner Comic-Freundin und begrapschte eine dralle Comic-Blondine. Figuren und Szenerie wirkten, als hätte sich ein fünfjähriger Hergé unter Drogeneinfluss ausgetobt. Unterlegt war das Ganze von einem stumpfen Beat und Textzeilen wie „Well I’m Max, I’m Max / Baby call me Max“. Max verhöhnte meine Phantasie. Als kindlich, naiv, nicht erstrebenswert. Monatelang. Als er ging war es Herbst. Es regnete, es war kühl, die Mädchen trugen Rollkragenpullover. Mit 14 ist der Herbst geheimnisvoller als der Sommer.

Rudolf Novotny

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