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Musiker James Last "Das haut richtig rein"

James Last feiert Geburtstag. Im FR-Interview spricht der Musiker über Flirten, Tod und Fingerschnipsen. In Erinnerung geblieben ist ihm auch ein Journalist, der ihn vor 20 Jahren sehr verletzt hat.

16.04.2009 00:04
James Last feiert am 17. April 2009 seinen 80. Geburtstag. Foto: Anton Corbijn

Herr Last, Sie werden 80 Jahre alt und starten Ihre große Deutschlandtour. Warum tun Sie sich das an?

Ich will einfach Spaß haben und bin mit meinen 80 Jahren noch lustig. Es macht doch Spaß, Musik schreiben zu können und mit Musik auf Reisen zu gehen. Neue Titel zu spielen und alte in einem neuen Gewand. Ein breites Publikum zu erwischen. So eine Tournee ist jedes Mal eine Erfüllung nach anderthalb Jahren Vorbereitung.

Fällt es Ihnen schwer loszulassen?

Wenn man diesen Beruf richtig gelernt hat und voller Musik ist, dann kann man gar nicht aufhören. Viele Künstler singen heute mal zwei Liedchen und sind nach vier Jahren wieder weg vom Fenster. Aber ein Maler malt ja auch sein Leben lang. Der legt nicht mit 70 oder 75 Jahren seinen Pinsel weg und sagt, ich male nicht mehr. Und so ist das bei mir auch. Ich habe schon vor 20 Jahren zu meiner Frau gesagt: Ich freue mich schon aufs Alter. Ich brauche keine Kreuzworträtsel zu lösen, ich kann weiter Musik machen.

Johannes Heesters ist über 25 Jahre älter als Sie und steht auch noch auf der Bühne...

...ich habe ihn vor kurzem in einem Restaurant getroffen, nachts um halb zwölf. Die wollten gerade den Laden schließen und da kam Johannes an. Ich fand das toll. Er war der einzige Gast und die fingen dann noch an, für ihn zu kochen. Super.

Wünschen Sie sich, auch so alt zu werden?

Ich hab ja keine Wünsche. Ich habe ein total erfülltes Leben. Wenn mich jemand fragen würde, was ich mir zum Geburtstag wünsche, dann würde ich sagen: es soll nur so weitergehen. Man muss natürlich etwas dafür tun. Man muss sich sportlich betätigen, sich fit halten.

Wie halten Sie sich fit?

Wenn wir zu Hause in Florida sind, stehen wir jeden Morgen um sieben Uhr auf und schwimmen unsere Bahnen. Wir haben ein richtiges Schwimmbecken, kein Planschbecken. Meine Frau Christine läuft dann noch ein paar Runden, ich gehe noch ein paar. Dann mache ich Frühstück um acht. Zweimal die Woche haben wir noch Workout, richtig mit einem Personal Trainer und Gewichten und allem Drum und Dran. Und dann spielen wir gern Golf. Wir sind ein gutes Gespann, wir beide.

Jack Nicholson ist 71 Jahre alt und hat neulich in einem Interview gesagt, dass er sich schämt, in der Öffentlichkeit Frauen anzuflirten. Dafür sei er jetzt zu alt. Können Sie das nachvollziehen?

Nö. Ich flirte immer noch. Selbstverständlich. Meine Frau weiß das auch, die lässt mich. Aber das muss ausgerechnet Jack Nicholson sagen. Haben Sie sein Buch gelesen? Der hat da ja wirklich, was seine Frauengeschichten angeht, ordentlich vom Leder gezogen.

In Ihrer Autobiografie waren Sie, was Frauen betrifft, doch auch sehr offenherzig.

Ja, aber nicht so wie er. Anders. Ich habe Spaß daran gehabt, mit den Kollegen nach den Konzerten wegzugehen, einfach dabei zu sein. Dieses Erleben, dieses Dabeisein war mir wichtig. Aber deswegen bin ich ja nicht mit jeder pennen gegangen. Ich brauche das nicht wie die Müllabfuhr. Mit Liebe ist das okay. Wenn man jemanden gern hat, ist das okay. Aber einfach nur so - das ist nicht meine Welt.

Vor einiger Zeit war Jack Nicholson in einem Film mit Morgan Freeman zu sehen, in dem beide zwei Krebskranke spielen, die eine Liste erstellen mit Dingen, die sie vor ihrem Tod noch einmal tun wollen. Was stünde bei Ihnen auf so einer Liste?

Mir geht es ja so gut, warum sollte ich etwas ändern? Ich habe alles, was ich jemals haben wollte.

Denken Sie oft an den Tod?

Manchmal schon, ja. Aber ich habe gelernt, dass der Tod zum Leben gehört. Dann ist ein Lebensabschnitt zu Ende. Das halte ich für ganz normal. Aber man muss vorbereitet sein. Man hat ja Familie, eine Frau, Enkelkinder. Mein Testament habe ich schon gemacht. Ich habe sogar schon einen Platz, wo ich begraben werden möchte.

Wo ist das?

Neben meinen Eltern in Hamburg. Also, wenn Er mich braucht, dann gehe ich. Ich habe mit meiner Familie da auch schon drüber gesprochen, auch Christine weiß das. Bei mir muss keiner groß trauern.

Sie betonen immer wieder, dass Ihr Orchester eigentlich ganz gut ohne Sie zurecht käme. Fühlen Sie sich manchmal auf der Bühne überflüssig?

Nö. Überhaupt nicht. Meine Arbeit ist ja die ganze Vorbereitung. Das Orchester spielt zwei Stunden Programm, aber ich habe da vielleicht zwei Jahre an dem Programm gearbeitet. Es ist richtig, ich stehe da und mache fast nichts. Ich bin der Übersetzer zwischen Orchester und Publikum. Ich kenne die Stücke in und auswendig. Und wenn ich da vorn Faxen mache, dann merkt das Publikum, dass das Stück richtig reinhaut. Wenn ich mit der Hand eine ruhige Bewegung mache, dann wird das Publikum aufmerksam.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie fingerschnipsend vor ihrem Orchester auf der Bühne stehen?

Ich kann gar nicht Finger schnipsen. Das ist ja der Witz. Bei mir kommt kein Ton raus. Aber wenn ich vor meinem Orchester stehe, habe ich das Gefühl, als ob ich die Weltkugel vor mir hätte. Es ist ein Gefühl, als könnte ich die Welt umarmen.

In Moskau ging nichts mehr

Sie sind in der ganzen Welt aufgetreten, auch in Russland während des Kalten Krieges. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Wir waren mit dem Kulturaustausch da. Gleich am ersten Abend haben wir die Anweisung bekommen, dass unser Chor während des Konzerts gefälligst still stehen sollte. Man habe ja schließlich keine Tänzer bestellt. Und dann haben wir "Let The Sunshine In" gespielt, das war damals noch ziemlich aktuell. Das Publikum hat natürlich getobt. Und ich hab eine Ansage gemacht: "Das ist für euch, Leute, lasst die Sonne rein hier, macht mal auf!"

Gab's Ärger?

Natürlich. Jeden Abend saß ein Offizieller an einem Telefon hinter der Bühne und hat alles in Echtzeit nach Moskau berichtet. Wir mussten das Lied dann aus dem Programm nehmen. Zum Abschluss unserer Tour sind wir im Eispalast in Moskau aufgetreten. Da haben wir dann "Power to the People" gespielt. Und plötzlich war der Strom weg. Da ging nichts mehr. Keine Gitarre ging mehr, kein Licht ging mehr. Nichts. Alles schwarz.

War es Ihnen wichtig, bei Ihren Reisen durch Ihre Musik auch ein politisches Statement abzugeben?

Wir haben immer irgendetwas gespielt, das die Offiziellen nicht kannten. Wir fanden es wichtig zu zeigen, dass es uns nicht gefällt, wie stark die Leute abgeschottet werden. Wir haben gesehen, wie Leute von den Sicherheitskräften geschlagen wurden, wenn sie versucht haben, zu unserem Autobus zu kommen und Autogramme haben wollten. Und trotzdem haben wir Erstaunliches erlebt. Damals saß in den Hotels vor dem Fahrstuhl immer ein Offizieller mit einer roten Armbinde und hat den Ausweis verlangt, bevor man auf sein Zimmer gehen durfte. Und trotzdem waren unsere Zimmer voll mit russischen Studenten. Wie die das gemacht hatten, wusste keiner. Aber die haben dann auf unseren Betten gesessen und wir haben miteinander die ganze Nacht hindurch diskutiert.

In England wurden Sie von der Queen zur Eröffnung der Royal Albert Hall eingeladen, in China waren Sie zu Gast beim Außenminister. Solche Ehren werden Ihnen hier in Deutschland nicht zuteil. Ärgert Sie das?

Ja, ich ärgere mich schon. Ich habe für Deutschland schließlich mehr geleistet als viele Minister, die in Berlin herumsitzen.

Dafür haben Sie das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.

Das stimmt. Aber das war noch zu Walther Scheels Zeiten. Danach war tote Hose. Ich habe lange in Hamburg gelebt, da hätte der Bürgermeister ja auch mal Guten Tag sagen können. Aber meine Heimatstadt Bremen hat mich jetzt zum Ehrensenator für Kunst und Wissenschaft ernannt.

Was ist das größte Missverständnis um James Last?

Vor 17 oder 20 Jahren hat mal ein Kritiker etwas geschrieben, was richtig blöde war. Dabei kennen wir uns eigentlich gut. Und trotzdem hat er sinngemäß geschrieben, James Last sei ein Schleim für Zahnlose.

Das hat Sie sehr verletzt.

Ja, weil das einfach doof war. Und alle Zeitungen greifen immer wieder diese Kritik auf. Ich werde heute noch nach 20 Jahren immer wieder von Journalisten darauf angesprochen. Aber die Leute, die so etwas fragen, haben noch kein Konzert von uns gehört. Da geht es nämlich ganz schön schleimlos her. Aber soll ich meinen Musikstil ändern, obwohl Millionen Menschen auf der ganzen Welt sich meine Musik gern anhören? Dann wäre ich ja ein ganz Doofer. Wenn ich mir ernsthaft wegen diesem Journalisten den Kopf zerbrechen würde, dann hätte ich weniger vom Leben.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, gibt es etwas, was Ihnen im Nachhinein peinlich ist?

Die Fotos auf manchen Schallplatten. "Hammond a gogo", "Trumpet a gogo", die Spanien-LP, die Russen-LP oder - ganz besonders furchtbar - "Captain James". Im Nachhinein sind diese Plattencover vielleicht sehr aussagekräftig, weil die Leute in den Plattenladen gehen und auf einen Blick sehen konnten, welche Platte sie schon zu Hause hatten. Aber sich da immer hinzustellen im weißen Anzug vor der blauen Wand und dann im blauen Anzug vor der weißen Wand... Ich kam mir da schon manchmal ganz schön duselig vor.

Welche Musik hören Sie eigentlich privat?

Wenn ich mal zu Hause meine Ruhe und Zeit habe, dann höre ich ein bisschen Maurice Ravel an oder so etwas. Aber ich höre auch viel moderne Popmusik. "So What?" von Pink zum Beispiel. Toller Titel. Genau wie James Blunt mit "1973", den habe ich mir neulich im Internet angehört. Oder "Hurt" von Christina Aguilera. Den Titel habe ich gehört und habe sofort gewusst, das ist was für die E-Gitarre, also habe ich "Hurt" für unsere Tour für die Gitarre neu arrangiert.

Gibt es einen jungen Künstler, den Sie ganz besonders schätzen?

Justin Timberlake, weil er total raffinierte Arrangements hat. Dabei sind die eigentlich total durchsichtig. Man denkt, da steckt gar nichts drin. Dagegen wirken meine Arrangements schon überladen. Und dabei hat man mir früher den Vorwurf gemacht, dass ich zu einfach schreibe. Aber Timberlakes Arrangements sind so grazil und durchsichtig. Toll. Dadurch kommen die Stimmen auch viel besser zum Tragen, als wenn sie gegen ein dickes Arrangement ansingen müssten.

Wer wäre denn ein würdiger James Last-Nachfolger?

Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Entweder es kommt einer oder es kommt keiner.

(Interview: Judith Kessler)

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