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Müttersterblichkeit in Bolivien Sterben, um Leben zu geben

Bolivien gehört zu den Ländern mit der höchsten Müttersterblichkeit auf der Welt. Seit man dort aber auf jahrhundertealte Praktiken vertraut, überleben immer mehr Frauen die Geburt.

02.11.2016 15:17
Von Felix Lill
Wie in La Paz ist es in ganz Bolivien üblich, Kinder zu Hause zur Welt zu bringen. Foto: rtr

Das Baby, das sich seit Stunden ankündigt, will doch noch nicht kommen. Was tun? Unter einer gedimmt warmen Krankenhauslampe schauen sich eine Hebamme, ein Arzt, eine schwangere Frau und deren Mutter fragend in die Gesichter. Abwarten? Weiter drücken? Noch eine Massage? Der werdenden Mutter steht eine seltene Mischung aus Todesangst und Geborgenheit in ihr verschwitztes Gesicht geschrieben. Je länger die Geburt dauert, desto gefährlicher wird es. Und es ist schon fast ein Tag vergangen, seit sie ins Krankenhaus kam. Mehr als 4000 Meter über dem Meeresspiegel, in den bolivianischen Anden, kann so eine Verzögerung tödlich sein.

Durch einen mehrschichtigen Rock geschützt, der bis zu den Knöcheln reicht, liegt sie auf dem Bett, klammert sich an die Pfosten des dunklen Holzbetts. Immerhin lebt sie noch. Eigentlich wäre die junge Frau lieber auf ihrem eigenen Bett daheim geblieben, wie so viele aymarastämmige Frauen vom Land. Aber ihre Mutter, die jetzt ihre Hand hält, rief gestern vor Angst die Hebamme des Krankenhauses von Patacamaya. Die fuhr heute Morgen zu ihnen ins entlegene Haus, massierte nach den alten Praktiken den Bauch der Mutter, aber brachte sie schließlich doch unter ärztliche Aufsicht. „Du hast es bald geschafft!“, flüstert die Mutter jetzt. „Es tut so weh“, ächzt die Tochter. „Ich kann nicht mehr.“

Es ist ein Bild, das vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. In Patacamaya, einer 30 000-Einwohnerstadt, zwei Autostunden von der Regierungsstadt La Paz entfernt, kommen Frauen jetzt in Krankenhaus, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Was in der reichen Welt eine Selbstverständlichkeit ist, gleicht hier im Hochland einer gesundheitspolitischen Revolution. Bisher hatte Bolivien den traurigen Ruf, für gebärende Frauen ein besonders raues Pflaster zu sein. Pro 100 000 Geburten sterben 206 Mütter pro Jahr, das gehört zu den höchsten Raten Lateinamerikas und ist mehr als 30mal so häufig wie in Deutschland. Aber zumindest in einigen Teilen des Landes hat sich das Blatt gewendet. In Patacamaya müssen Frauen keine Angst mehr davor haben, ein Kind zu gebären. Was ist passiert?

Der Unterschied trägt einen hellblauen Oberrock, hat die Haare zu zwei langen Zöpfen geflochten und schmückt seinen Kopf mit einem runden, schwarzen Hut. Leonarda Quispe, die Hebamme, kocht in der Küchennische des Geburtssaals einen Tee für die leidende Frau, beruhigt sie mit warmen Worten auf Aymara und massiert ihr immer wieder den Bauch. Quispe selbst strahlt eine mütterliche Zuversicht aus, in diesem dunklen Raum voller Nervosität. „Doktor, Doktor!“, ruft sie dann. „Kommen Sie schnell!“ Carlos Mileta, der Arzt, rennt herbei. „Das Baby liegt immer noch falschherum.“ Mileta, ein in La Paz und Madrid ausgebildeter Arzt, nimmt eine Schere zur Hand. Bereit für den Kaiserschnitt. Aber einen Aufschrei gibt es trotz dieses sonst so gefürchteten Modernismus nicht. Die Familie vertraut dem Arzt. „Keine Angst“, sagt Mileta. „Dein Kind ist gleich auf der Welt…?

Der Grund für das Vertrauen ist nicht der Mann, der die lebensrettende Arbeit durchführt. Es ist die 61-jährige Leonarda Quispe. Jeder hier weiß, dass die Frauen aus der Umgebung, die seit Ende 2008 in Scharen das Krankenhaus aufsuchen, wegen Quispe kommen. Das Krankenhaus von Patacamaya ist ein Pilotprojekt, das nicht nur das Zeug hat, ganz Bolivien zu verändern. Weltweit könnte das Modell, das sie hier „medicina intercultural“ nennen, interkulturelle Medizin, das Problem der Müttersterblichkeit unter Kontrolle bringen.

Es geht um eine der großen Herausforderungen der armen Welt. Rund um den Globus starben im letzten Jahr jeden Tag 830 Frauen im Zusammenhang mit der Geburt ihres Kindes. Die UN-Entwicklungsziele, nach denen die Müttersterblichkeit bis Ende 2015 um drei Viertel sinken sollte, sind damit deutlich verpasst.

Und die Leidtragenden sind schnell ausgemacht: 99 Prozent aller Frauen kommen aus Entwicklungsländern. Besonders häufig betroffen ist die arme Landbevölkerung, die wiederum vielerorts indigenen Völkern angehört.

Das Schlimmste an dieser täglichen Tragödie: sie wäre so einfach vermeidbar. Zu den typischen Todesursachen gehören Durchfall, Bluthochdruck und Teile der Nachgeburt, die im Körper der Frau bleiben und sie infizieren. Mit geschultem Personal treten solche Komplikationen kaum auf. Aber bei einer Geburt daheim, wie sie nicht nur in Bolivien zu häufig passieren, ist meist keine professionelle Begleitung in Reichweite.

Alberto Camaqui hat das verstanden. Seit 2010 arbeitet er als Staatssekretär für interkulturelle Medizin im Regierungsviertel in La Paz. Camaqui, ein gemächlich dreinschauender Mann, trägt ein buntes Hemd im andinischen Stil, seine Haut hat die Sonne in der dünnen Höhenluft faltig und dunkel gebrannt. „Wir sind schon weit gekommen“, sagt Camaqui zur Begrüßung in seinem vollgerümpelten Büro. Er meint damit nicht nur die teils bemerkenswerte Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Dass er, als Aymara, einmal an der Spitze eines nationalen Ministeriums arbeiten würde, hätte sich der Mittfünfziger als Kind nicht träumen lassen. Und dann noch für eines, das Teile der indigenen Kultur zur Staatspolitik macht. Seit Bolivien im Jahr 2006 mit Evo Morales erstmals einen indigenen Präsidenten wählte, sind viele der lange vernachlässigten Bevölkerungsschichten auf dem Vormarsch. Camaqui ist ein strahlendes Beispiel. „Drei Gründe gibt es, warum Menschen für die Geburt nicht ins Krankenhaus gehen“, sagt Camaqui mit langsamen und betonten Worten, als würde es ihn schmerzen, wenn er daran denkt. „Finanzielle, geografische und kulturelle. Alle drei treffen vor allem die indigene Bevölkerung.“ 36 offiziell anerkannte Völker zählt Bolivien, zwei Drittel sind indigen, die Armutsrate beträgt landesweit 45 Prozent und konzentriert sich eben in den indigen geprägten ländlichen Gebieten. „Ab 2009 begannen wir, im ganzen Land Krankenhäuser zu bauen. Wir haben auch ein Gutscheinsystem eingeführt, mit dem Frauen eine finanzielle Belohnung erhalten, wenn sie ins Krankenhaus gehen“, sagt Alberto Camaqui. So sollten die geografischen und finanziellen Hindernisse überwunden werden.

Nur ist die Müttersterblichkeit in vielen Gegenden Boliviens seitdem nicht gefallen. Dort aber, wo auch das dritte Element der Politik befolgt wird, sind die Fortschritte nicht zu übersehen. Um die Bolivianerinnen in die Krankenhäuser zu locken, fördert die Regierung Krankenhäuser, die neben der westlichen Schulmedizin auch die jahrhundertealten Traditionen der indigenen Völker in ihre Behandlungen integrieren. Das Krankenhaus von Patacamaya hat seitdem zwei interkulturelle Geburtssäle, eine Handvoll traditionelle Hebammen und einen Kräutergarten, aus dem die Patientinnen Sirup und Tees verabreicht bekommen.

„Es ist ein gesundheitspolitischer Durchbruch, der auf einer ganz einfachen Einsicht beruht“, erklärt Camaqui, der Staatssekretär: „Verschiedene Kulturen verlangen unterschiedliche Behandlungen.“ Als Camaqui auf dem Land aufwuchs, habe er vor allem von der traditionellen Medizin gelebt. War er erkältet, gab es Zimt zu essen, bei Entzündungen trank er Kamillentee. Wenn den kleinen Alberto Verdauungsprobleme plagten, hielt der Heiler aus dem Dorf Minze für ihn bereit. „Aus kulturellen und gesundheitlichen Gründen ist es wichtig“, meint Camaqui, „dass wir die Erkenntnisse unserer Vorfahren nicht einfach über Bord werden.“

Einerseits klingt das, was Camaqui verficht, wie harter Tobak. Warum sollte die indigene Bevölkerung vom Gesundheitssystem anders behandelt werden als der Rest des Landes? Zumal die traditionellen Heilerpraktiken nicht auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhen. Kaum zu rechtfertigen, sagen deshalb die Kritiker, dass die Regierung Folklore auf das Niveau der Schulmedizin hebt. Totgeburten und das Sterben von Müttern werden von traditionellen Heilern bis heute durch übernatürliches Unglück erklärt. So war die Politik der Interkulturalität vom ersten Tag an kontrovers.

Aber einige Zweifler haben ihre Meinung aber schon geändert. Carlos Mileta, der Arzt in Patacamaya, erlitt anfangs einen Kulturschock, als er 2008 plötzlich mit Heilern ohne professionelle Ausbildung zusammenarbeiten sollte. „Es fiel mir richtig schwer zu akzeptieren, dass die mir nun sagen konnte, was ich zu tun hatte. Bis dahin war immer ich der Experte gewesen, der das Sagen hatte“, sagt Mileta in seinem Praxiszimmer, das weiterhin mit den üblichen Werkzeugen ausgestattet ist, die er aus dem Medizinstudium kennt. „Aber wir hatten damals kaum Geburten zu erledigen, weil die Patientinnen einfach nicht zu uns kamen. Man berichtete, dass sie Angst vor uns hatten, Männern in weißen Kittel, die sie in grell belichteten Räumen behandeln und Spanisch sprechen. Dann musste ich mich eben verändern.“

Blaupause für andere Länder

Bei Geburten trägt Mileta jetzt keinen weißen Kittel mehr und hält sich im Hintergrund. Die vordergründige Rolle spielt Leonarda Quispe, die traditionelle Hebamme. „Mir vertrauen die Frauen und ihre Familien mehr als dem Doktor. Die Ehemänner sind auch nicht eifersüchtig auf mich“, sagt Quispe, als sie durch die engen Gänge des einstöckigen Krankenhauses stapft. Manchmal muss sie 15 Geburten am Tag begleiten, an besonders geschäftigen Tagen kommt sie nicht zum Schlafen. „Ich mache das, seit ich 15 Jahre alt war. Aber früher nur bei Familien daheim, ohne einen Arzt an meiner Seite.“ Bis jetzt waren es fast 10 000 Geburten, sagt sie. „Noch nie ist jemand gestorben.“

Aber dass ihre Fähigkeiten, die zu einem großen Teil auf Einfühlsamkeit beruhen, Grenzen haben, hat auch sie in den vergangenen Jahren gelernt. „Manchmal ist ein Kaiserschnitt nötig. Und was soll ich dann tun? Das kann nur der Doktor machen. Aber ich kann es den Patientinnen in ihrer Sprache erklären, wenn das der einzige Weg ist.“

Zyniker, zu denen sich manchmal auch der Arzt Carlos Mileta zählt, sehen in der „medicina intercultural“ nicht mehr als ein Placebo. „Die Wirkung ist vor allem psychologisch“, sagt er milde lächelnd und leise, damit ihn auf dem Gang, der zu seinem Praxiszimmer führt, niemand hört. „Aber auch das muss man anerkennen.“ Und sie wirkt einladend. Die zwei interkulturellen Geburtssäle in Patacamaya sehen aus wie ein typisches Schlafzimmer aymarastämmiger Familien: dunkelrot gehaltene Wände, auf dem Holzbett dunkle Decken und Kissen. So fällt bei einer Geburt auch der Blutausfluss weniger auf. An den Seiten des Betts ist eine Küchennische eingerichtet und eine freie Wand zum sich abstützen. Denn viele Frauen gebären nicht auf dem Rücken liegend, sondern in voller Kleidung, stehend oder kniend.

Das Modell könnte eine Blaupause für andere Länder sein, in denen ebenfalls die Ärmsten und Abgeschotteten am wahrscheinlichsten sterben, wenn sie Leben geben wollen. „Unser Denkansatz funktioniert im Prinzip überall, wo es indigene Gemeinschaften mit ihren eigenen Traditionen gibt“, beteuerte Alberto Camaqui, der Staatssekretär, in La Paz. Über die letzten Jahre hat auch er dafür gesorgt, dass in Lateinamerika internationale Kooperationen von Universitäten ins Leben gerufen wurden, die im Fach „interkulturelle Medizin“ dazu ermutigen, das Beste dieser zwei Welten, Tradition und Moderne, zu vereinen. So hat es Patacamaya einerseits geschafft, immer mehr Geburten ins Krankenhaus zu holen. Andererseits ist die Sterberate auf ein bolivianisches Rekordniveau gesunken: seit 2009 gab es hier keinen Todesfall.

Heute ändert sich daran nichts. Die junge Mutter schaut vermeintlich ewig dauernde Momente lang in Angststarre an die Zimmerdecke, dann atmet sie auf. „Da haben wir’s ja!“, ruft Leonarda Quispe. „Es ist ein Junge“, erklärt Carlos Mileta und grinst. Placebo hin oder her: in Bolivien ist eine jahrhundertealte Tradition viele Menschenleben wert.

Diese Recherche wurde durch das Stipendienprogramm „Innovation in Development Reporting“ des European Journalism Centre ermöglicht, unterstützt wurde es von der Bill and Melinda Gates Foundation. Die Förderer haben keinen Einfluss auf die inhaltliche Arbeit genommen.

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