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Monsieur André Stern "Ich war nie in der Schule"

Der Franzose André Stern hat eine Kindheit fern des Klassenzimmers erlebt. Im FR-Interview spricht der Musiker und Journalist über die Lust am selbständigen Lernen und den Mut zur Wissenslücke.

23.04.2009 00:04
André mit einem Hubschrauber. Foto: privat

Monsieur Stern, Sie sind, mal abgesehen von Pippi Langstrumpf, der einzige mir bekannte Mensch, der nicht zur Schule gegangen ist. Wie ist es dazu gekommen?

Meine Eltern hatten die Überzeugung gewonnen, dass die Schule für Kinder nicht nützlich ist, eher sogar schädlich. Und daher waren meine jüngere Schwester und ich nie in der Schule.

Was nur möglich war, weil es in Frankreich keine Schulpflicht gibt.

Wie in vielen anderen Ländern auch, etwa in Österreich. Und was mir nach dieser Entscheidung meiner Eltern geschehen ist, ist ganz einfach: Ich hatte eine Kindheit, wie sie einfacher, glücklicher und begeisterter nicht sein kann.

Hatten Ihre Eltern schlechte Erfahrungen in der eigenen Schulzeit gemacht?

Nein, gar nicht. Sie waren beide Musterschüler und hatten nicht etwa mit der Schule abzurechnen, weil sie selbst gelitten hätten. Meine Eltern arbeiteten dann viel mit Kindern ...

In welchen Berufen haben Ihre Eltern gearbeitet?

Meine Mutter hat Literatur studiert und betreute danach Kinder in der Vorschule. Mein Vater hat keinen Beruf gelernt. Er gab zunächst Zeichenkurse in einem Kinderheim und gründete in den 50er Jahren in Paris den erfolgreichen "Malort" für Kinder. Und meine Eltern haben beobachtet, dass bei Kindern eigentlich alles von innen heraus kommt, dass es keiner zielgerichteter Impulse von außen bedarf. Nachdem sie diese Überzeugung gewonnen hatten, war es für sie klar, dass Unterricht nach Lehrplan die natürliche Neugier, den natürlichen Rhythmus des Kindes unterbricht.

Sie schildern Ihre Kindheit im Buch als paradiesisch, alles sei "wie von selbst und lächelnd geschehen". Wie haben Sie die Tage verbracht?

Die Tage und Wochen waren sehr strukturiert, und das ist wichtig. Kinder mögen feste Strukturen. Wir haben viel Wert auf gemeinsame Mahlzeiten gelegt, und ich habe Kurse besucht, Algebra, Musik, Technik, Sprachen, Theater.

Also hatten Sie doch Unterricht?

Ich habe mir für meine jeweiligen Interessen Ansprechpartner oder Experten gesucht. Die Kurse waren eine von vielen Möglichkeiten, meine Themen zu vertiefen. Aber in der Zeit, in der ich mich leidenschaftlich der Literatur widmete, habe ich eben mehr Zeit mit Lesen verbracht, manchmal zehn Stunden am Tag. Als ich 12 Jahre alt war, interessierte ich mich für das Handwerk des Metalltreibens. Daraufhin haben meine Eltern einen Kunsthandwerker gefragt, ob ich seine Werkstatt besuchen kann. Ich bin lange Zeit zweimal pro Woche dort gewesen. Mit etwa 12 Jahren begann ich auch, mir den Wecker auf sechs Uhr morgens zu stellen, um eineinhalb Stunden Gitarre zu spielen. Eine Angewohnheit, die ich übrigens beibehalten habe.

Waren denn Ihre Eltern den ganzen Tag als Ansprechpartner um Sie herum?

Als wir klein waren, ist meine Mutter zu Hause gewesen. Mein Vater hat viel zu Hause gearbeitet, war aber auch beruflich unterwegs. Aber ein Kind, das nicht zur Schule geht, ist nicht zwangsläufig den ganzen Tag zu Hause. Einmal pro Woche war ich bei meinem Vater im "Malort", dann haben wir ja unsere Kurse besucht, waren mit Freunden unterwegs, manchmal auf Reisen. Und selbst zu Hause waren wir meist irgendwo im Haus mit unseren Spielen beschäftigt.

Wie haben Sie Lesen und Schreiben gelernt?

Als Dreijähriger habe ich in einem Text ein Ei und einen Eierbecher entdeckt, das "O" und das "C". Daraufhin habe ich natürlich gefragt und öfter in Zeitungen geblättert. Bald konnte ich alle Buchstaben und einzelne Wörter erkennen, aber schließlich ließ mein Interesse nach. Mit neun Jahren konnte ich weder fließend lesen noch schreiben.

Sind Ihre Eltern da nicht nervös geworden?

Nein, so etwas kann sicherlich zur Familienobsession werden. Aber meine Eltern waren sehr zuversichtlich. Und da ich immer von Büchern umgeben war und meine Eltern täglich lesen und schreiben sah, habe ich irgendwann das Interesse entwickelt, und dann ging es sehr schnell.

Fähigkeiten aus eigener Initiative heraus entwickeln

Sie haben im Familienkreis oft vorgelesen, musiziert, diskutiert oder getanzt. Die Regale standen voller Bücher. Was Sie beschreiben, ist weit entfernt vom Alltag und Bildungsniveau einer Durchschnittsfamilie.

Aber auch meine Eltern haben oft oder sogar meist die Antworten auf unsere Fragen nicht gewusst. Und dann haben wir eben gemeinsam nach der Antwort gesucht. Entweder in Büchern oder mit Hilfe von Leuten, die sich beim entsprechenden Thema auskannten. So waren unsere Fragen meist Ausgangspunkt für gemeinsame Entdeckungsreisen.

Sie wollen sagen, gebildete Eltern sind ein wichtiger Faktor für eine Kindheit ohne Schule?

Nein, die Bildung der Eltern und die Fülle der Bücher im Wohnzimmer spielen keine Rolle. Das Einzige, was wichtig ist, ist ihre Überzeugung und Begeisterung. Denn ein Kind übernimmt auf keinen Fall das Wissen der Eltern.

Es braucht also ein anregendes Umfeld?

Als ich etwa 15 war, erhielt mein Vater ein Buch mit der Post, auf das er schon lange gewartet hatte. Er packte es mit viel Ehrfurcht aus und las mir dann die ersten Zeilen vor: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen...". Und so trat Proust in mein Leben. Erst las ich jede Zeile von ihm, dann die Biografien. Irgendwann fühlte ich sogar wie er - das dachte ich zumindest. Ich passte meinen Haarschnitt an, ließ mir einen Schnurrbart stehen und ging im schwarzen Anzug und mit Spazierstock aus dem Haus. Das ging nur eine Weile, war aber ein sehr wichtiger Teil meiner Entwicklung. Dann kam Camus.

Nicht alle Eltern lesen mit Begeisterung Marcel Proust.

Nein, so war eben mein Vater. Andere Eltern haben andere Interessen, die nicht weniger wichtig sind.

Sie hatten offenbar sehr liebevolle, engagierte Eltern. Viele Väter und Mütter sind heute gestresst, überfordert, selten zu Hause oder schlicht desinteressiert. Für diese Eltern und deren Kinder wäre Ihr Weg sicherlich keine Option.

Natürlich gibt es heutzutage viele Familienkonstellationen, in denen das nicht möglich ist. Ich denke aber zunächst an die Leute, die den Wunsch haben, ihre Kinder anders aufwachsen zu lassen, und die dazu auch die Möglichkeiten hätten. Mit denen könnten wir anfangen, und so würden neue Paradigmen entstehen.

Vor allem akademisch gebildete Eltern wollen ihre Kinder heute früh fördern. Sie fahren die Kleinen zum Tennis, ins Kleinkinder-Englisch oder in den Musikunterricht. Vielleicht sind manche dieser Eltern übermotiviert, vielleicht etwas einfallslos. Aber glauben Sie, solche Angebote schaden den Kindern?

Ich glaube, dass sie nicht nötig sind. Ein waches Kind in einer wachen Umgebung erhält täglich Anregungen. Und es kann viel reichhaltiger leben, wenn man es nicht ständig schieben oder fördern will. Dann entwickelt es seine Fähigkeiten aus eigener Initiative heraus und viel nachhaltiger. Wenn man immer nur ein wenig von allem probiert, ist man schon sehr in der Konsumgesellschaft gefangen. Ich hatte die Chance, mich in die Dinge zu vertiefen. Mit Fotografie habe ich mich jahrelang beschäftigt, mit der Musik ein Leben lang, das Metalltreiben habe ich drei Jahre lang gelernt, die deutsche Sprache sechs Monate lang.

Und Sie sprechen tatsächlich fließend Deutsch.

Danke.

Viele Kleinkinder können sich aber kaum fünf Minuten auf eine Sache konzentrieren. Waren Sie einfach ein Ausnahmekind, und ist Ihre Erfahrung daher gar nicht übertragbar auf andere Kinder?

Ich habe beobachtet, dass sich die meisten Kinder länger als eine Schulstunde mit einem Thema beschäftigen können - vorausgesetzt, es interessiert sie. Wenn nicht, sind selbst diese 45 Minuten viel zu lang für das Kind. Meine Fähigkeit zur Vertiefung ist vielleicht besonders ausgeprägt. Meine Schwester beschäftigte sich im Gegensatz zu mir immer mit mehreren Dingen parallel.

In Frankreich gibt es Ganztagsbetreuung schon ab dem Säuglingsalter, und zwar fast flächendeckend. Auch Eltern in Deutschland fordern das immer wieder. Entpuppt sich die Vollzeit-Versorgung am Ende als Alptraum für die Kinder?

Hier sind die Eltern oft gezwungen, die Kinder schon nach drei Monaten wegzugeben. Ich glaube, dass die Kinder sich fühlen wie Gegenstände, die in der Garderobe abgegeben werden.

Hat Ihnen der Kontakt zu Gleichaltrigen nicht gefehlt?

Wieso gilt eigentlich der Kontakt zu Gleichaltrigen als so wichtig? Überall wird darauf hingewiesen, dass dieser Kontakt so wertvoll sei, und da schwingt im Bezug auf mich immer der Verdacht mit, mir würde es an sozialer Kompetenz fehlen, weil ich zu wenig mit anderen Kindern gespielt hätte. Ich hatte aber immer Kontakt zu anderen Menschen. Ältere und jüngere Menschen, auch Gleichaltrige, Leute verschiedener Herkunft und mit unterschiedlichen Horizonten. Noch dazu waren das Wahlfreundschaften. Mein Freundeskreis war reichhaltig, bunt und vor allem sozial real. Schulkinder leben doch in einer Zwangsgemeinschaft.

Wie haben andere Kinder auf Sie reagiert?

Meine Antwort auf die immer wiederkehrende Frage "In welche Klasse gehst du?", lautete ja: "Ich gehe nicht in die Schule". Und die Reaktion war fast immer: "Mensch, hast du ein Glück, hast du Schwein!"

Hatten Sie das Gefühl, sich von den anderen Kindern zu unterscheiden?

Nein, Kinder sind doch in dieser Hinsicht viel einfacher als Erwachsene, sie machen keine großen Unterschiede. Sie nehmen es erst mal als selbstverständlich hin, dass der eine so lebt und der andere ganz anders.

Unterscheiden Sie sich heute von Erwachsenen, die in der Schule sozialisiert wurden?

Nein.

Das kann ich nicht ganz glauben. Schließlich wäre dann Ihre ganz andere Kindheit folgenlos geblieben, oder?

Unterschiede gibt es natürlich, aber ich finde es peinlich, aufzuzählen, in welcher Hinsicht ich anders war als Schulkinder.

Alternativen werden nicht öffentlich diskutiert

Aus welchem Grund haben Sie dann Ihr Buch geschrieben?

Weil Alternativen nicht öffentlich diskutiert werden und sich so viele Menschen sehr interessiert nach meiner Kindheit erkundigen. Ich will in meinem Buch mit dem Vorurteil aufräumen, dass ein Kind, das nicht zur Schule geht, Analphabet wird, asozial und zu einem Wilden. Das stimmt nicht, das möchte ich der Gerechtigkeit und Information halber sagen. Es geht auch ohne Schule und ohne Diplome.

Wer Arzt oder Jurist werden will, braucht definitiv Diplome.

Wenn ich Arzt werden wollte, könnte ich meine Diplome nachträglich erlangen. Oder aber, und das wäre wahrscheinlich meine Wahl, einen Weg abseits der Schulmedizin einschlagen.

In der Arbeitswelt wiederholen sich viele Strukturen aus der Schule: klare Hierarchien, begrenzter Spielraum in der Zeit- und Arbeitseinteilung, enge Zielvorgaben. Kommen Sie mit solchen Strukturen zurecht?

Ich hatte immerhin auch klassische Angestelltenverhältnisse, wenn Sie das als Beweis für meine Anpassungsfähigkeit gelten lassen. Aber ich musste nie schleimen, habe mich nie verstellt.

Wo waren Sie angestellt?

Bei einem Musik-Magazin in Frankreich. Der Herausgeber suchte einen Experten für Gitarre, der gleichzeitig schreiben konnte und wurde auf meine Beiträge in einem Internet-Forum aufmerksam. Dann hat er mich zunächst als Autor ins Team geholt. Und da es sehr gut lief, habe ich zwei Jahre später den Posten des Chefredakteurs übernommen. Niemand hat mich je nach einem Diplom gefragt. Einzig meine Kompetenz und meine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen zählten.

Was sind Ihre Kompetenzen?

Die sind sehr unterschiedlich, aber das überlasse ich lieber anderen, darüber zu urteilen. Was meine Berufe sind, möchten Sie vielleicht wissen?

Bitte - was sind Ihre Berufe?

Zunächst einmal ist mir die Trennung von Beruflichem und Privatem fremd. Aber ich kann von drei hauptsächlichen Berufsrichtungen sprechen. Einerseits bin ich Musiker, Komponist und Gitarrist und leite ein Theaterensemble. Die zweite Richtung ist der Instrumentenbau, ich bin Gitarrenbauer. Eine Woche pro Monat übe ich diesen Beruf bei meinem Gitarrenbaumeister und Partner Werner Schär in der Schweiz aus. Und die dritte Richtung: Ich bin Journalist und Autor.

Herr Stern, gibt es etwas, was man in der Schule lernt, und das Sie gar nicht können?

Keine Ahnung, ich vergleiche mich nie mit anderen. Mein Können und Wissen entspricht genau den Erfordernissen meines Alltags. Meine Lücken zeigen sich im Rahmen meiner Begegnungen, Vorlieben und Aufgaben, aber Lücken sind keine Gräuel, sondern neue Forschungsgebiete, die sich auftun. Das Lernen hört nie auf. Ein lebendiges, frei erworbenes Wissen erlischt oder erstarrt nicht.

Kann die Schule eine vom Elternhaus geförderte Kreativität wirklich behindern?

Ich glaube, mir hätte sie auf keinen Fall genutzt, schlimmstenfalls sogar geschadet, weil für meine Art der Vertiefung in der Schule kein Raum gewesen wäre. Kinder können solche Fähigkeiten sogar verlieren. Ich habe erlebt, wie andere Kinder immer in ihren Spielen unterbrochen wurden, weil sie in die Krippe, in die Schule gehen oder Hausarbeiten machen mussten. Ich fand das nie sehr appetitlich und weiß definitiv: Ich will das für meine Kinder nicht!

(Interview: Ute Diefenbach)

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