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Modische Zweiteiler Sportanzug-Style für jede Randgruppe

Winzige Details des legeren Kleidungsstücks entscheiden heute über Street Credibility, Promi-Tauglichkeit oder Trinkhallen-Flair.

Als Adi Dassler 1967 die ersten Trainingsanzüge für Adidas herstellen ließ, war die Vorgabe noch ganz simpel. Der Zweiteiler sollte im Freien wärmen und so dehnbar sein, dass man darin Sport treiben konnte. Heute kommt es immer mehr auf den Style an. Foto: ap

Natürlich die Italiener - keine andere Fußball-Nationalmannschaft kleidet sich bei der Europameisterschaft so modebewusst. Das fängt bei Trainer Roberto Donadoni an, der mit dunklem Anzug, weißem Hemd und schmaler Krawatte am Spielfeldrand steht und setzt sich bei den Spielern fort. Bei der Nationalhymne tragen sie taillierte, weiße Trainingsjacken mit Stehkragen. Die sind so modisch geschnitten, dass die Männer damit jeden Türsteher eines Szeneclubs überzeugen würden.

Aber nicht nur bei den Italienern ist aus der praktischen Wohlfühl-Klamotte ein modisches Statement geworden. Mittlerweile, so scheint es zumindest, hat jede gesellschaftliche Schicht, jede Randgruppe oder Subkultur ihren eigenen Sportanzug-Style. Winzige Details des legeren Zweiteilers entscheiden heute über Street Credibility, Promi-Tauglichkeit oder Trinkhallen-Flair.

Auch wenn es ungeübten Augen zunächst schwer fallen dürfte, zu definieren, worin nun genau der Unterschied zwischen einem profanen C&A-Modell, einem Missy-Elliott-Entwurf für Adidas oder den glänzenden Polyester-Trainingsanzügen besteht, die Madonna 2006 für H&M entworfen hat.

Als Adi Dassler 1967 die ersten Trainingsanzüge für Adidas herstellen ließ, war die Vorgabe noch ganz simpel. Der Zweiteiler sollte im Freien wärmen und so dehnbar sein, dass man darin Sport treiben konnte. "Denken Sie, Sie könnten mir zehn Trainingsanzüge mit drei Streifen anfertigen, oder besser gleich hundert Stück. Oder machen wir doch gleich 1000 Stück daraus…", soll Adi Dassler seinerzeit zum Textilfabrikanten Willi Seltenreich gesagt haben. Offenbar hatte er einen guten Riecher - innerhalb weniger Jahre erreichte der Adidas-Sportanzug Kultstatus.

Aus der pragmatischen Sportbekleidung wurde in den frühen 70er Jahren ein modischer Bedeutungsträger in schreienden Farben: grelle Grün- und Orangetöne wurden en Masse auch von Billiganbietern produziert, deren Modelle leicht daran erkennbar waren, dass sie statt drei nur zwei oder einen gar einen Streifen auf den Ärmeln hatten. Bis heute werden die eng geschnittenen Polyacrylmodelle von Hamburger Szenemusikern und ihren Fans getragen, die sich nicht daran stören, dass sie darin aussehen, als seien sie gerade unterwegs zum nächsten Trimm-Trab-Pfad.

Um 1979 schwappte schließlich die Joggingwelle aus den USA herüber: "Die Mode hat das Trimm-dich-Zeug entdeckt", wunderte sich damals der "Spiegel": "Auf Bürgersteigen, Boulevards und Avenues mischen sich Trainingsanzüge, Boxershorts und Turnschuhe ins modische Bild." Auch Unsportliche gingen nun in grauem Baumwolljersey zum Einkaufen und fühlten sich dabei wie Rocky Balboa beim Lauftraining. Andere hopsten in Jogging-Pullis mit Pailletten-Mickymäusen in den Parks herum oder trugen den Trainingsanzug, kombiniert mit High Heels, in der Disco.

Ebenfalls in den achtziger Jahren etablierte sich eine andere Art von Trainingsklamotte, die allerdings eher zum Aufwärmen als zum Joggen konzipiert war: grellfarbige Zweiteiler im lockeren Blousonschnitt, in denen Typen mit Minipli und Goldkettchen sonntags die Felgen ihres Sportwagens wienerten. Die Anzüge bestanden aus zwei Stofflagen: außen Ballonseide, innen ein Frottee- oder Netzstofffutter.

Ein gewisser Fred Fussbroich brachte die lila Ballonseide in den neunziger Jahren in einer TV-Dokumentation über eine Kölner Arbeiterfamilie noch einmal zu zweifelhaften Fernsehruhm. Anschließend wurde diese Art Sportanzug allenfalls als Karikatur eingesetzt, man erinnere sich nur an Bastian Pastewkas Verkörperung des depperten Ottmar Zittlau im grünen Prollanzug oder an Sascha Baron Cohen, der in einem gelben Modell als peinlicher Rapper Ali G. auftrat.

Normalbürger mieden fortan den Trainingsanzug, allenfalls HipHoper, Bodybuilder und jugendliche Halbstarke trauten sich noch in Sporthosen auf die Straße, sie bevorzugten Modelle, die seitlich geknöpft waren und im Volksmund als "Schnellfickerhosen" bekannt sind.

Es sollte noch ein Jahrzehnt dauern, bis Sportanzüge wieder schick waren. Vor allem in Hollywood kann man seit wenigen Jahren einen seltsamen Trend beobachten. Prominente Frauen wie Eva Longoria, Jennifer Lopez, Cameron Diaz und Britney Spears gehen zunehmend im gemütlichen Stretchlook aus dem Haus. Natürlich tragen die Hollywood-Diven nicht irgendeinen ollen Jogginganzug, sondern ein Velour-Modell der Firma Juicy Couture, dessen Oberfläche verdächtig an den guten alten Nicki-Pullover aus den Siebzigern erinnert. Eindeutig identifizierbar sind die edlen Understatement-Teile an einem Logo mit zwei Terriern und dem Schriftzug "Made in the glamorous USA".

Zu Berühmtheit gelangte unlängst aber auch ein Modell, das Uma Thurman 2004 in Quentin Tarantinos Film "Kill Bill" trug: Dass der eng anliegende gelbe Trainingsanzug der Firma Asics ein Replikat jenes Outfits ist, das Bruce Lee in seinem letzten, erst postum fertig gestellten Film "Game of Death" (1978) trug, wissen freilich die Wenigsten. Auch Robbie Williams warf sich für das Cover seines 2006 erschienen Albums "Rudebox" in ein Retromodell, das ihm die Firma Adidas freilich eigens auf den Leib schneidern ließ. Derzeit kann man dort übrigens auch die "Beckenbauer Pant" im Schnitt von 1977 mit leicht ausgestelltem Bein erwerben.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die gute alte Ballonseide in Szenekreisen wieder ihren Auftritt hat. Kürzlich wurde sie bereits in Berlin Mitte gesehen. Allerdings wird noch diskutiert, ob es sich dabei nicht doch um Touristen aus dem Ruhrpott handelte, die versehentlich im falschen Stadtteil aus dem Bus gestiegen sind.

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