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Modewoche Berlin Berlin zieht sich um

Der Modestandort Deutschland hat sich ein neues Outfit zugelegt. Und das passt: Die Umstrukturierung der Berliner Modewoche ist geglückt.

Damir Doma. Foto: Stefan Kraul

Man muss es ja immer wieder erklären: Ja, auch in Berlin gibt es eine Fashion Week, auf der Marken via Modenschau oder Messestand ihre neuen Kollektionen präsentieren. Nein, so relevant und ruhmreich wie die Modewochen in Paris, Mailand, London, New York ist die Berliner Veranstaltung lange nicht. Naja, ziemlich schade ist das schon. Denn kommen die internationalen Pressevertreter und Einkäufer immer noch nicht in Scharen nach Berlin – etwas ganz Entscheidendes hat die Hauptstadt: Herausragende Modetalente.

Damit das in Zukunft auch im Ausland noch deutlicher wird, setzt sich etwa der Fashion Council Germany ein, jene 2015 gegründete Instanz, die sich mit Lobbyarbeit für deutsche Mode stark machen will. Vergangene Woche wurde die Modewoche ein bisschen kleiner gefahren: Weniger Schauen, dafür fokussierter auf hochwertige Kleider, das Publikum ausgesuchter und anspruchsvoller. Dem Fashion Council um „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp gelang denn auch ein besonderer Coup: Damir Doma präsentierte seine Herren- und Damenmode erstmals exklusiv in Berlin. Eigentlich zeigt der gebürtige Kroate, der in Deutschland aufwuchs und Mode in München und Berlin studierte, längst in Mailand – er ist angekommen in der internationalen Szene. Dass er jetzt eine Schau in der deutschen Hauptstadt veranstaltete, wird als Zeichen gewertet.

Seine Kollektion ist vielschichtig und modern, eine geistreiche Symbiose aus avantgardistischer Schnittführung und sportlichen Anleihen, offen gelassene Nähte, starke Drucke, lässige Hoodies. Das Ganze präsentiert im Berghain, einem der berühmtesten Technoclubs der Welt. Auch das hat Berlin anderen Modemetropolen voraus: ungewöhnliche Locations. Diese Saison gab es Schauen in Abbruchhäusern, in einem ehemaligen Supermarkt, im Chinarestaurant.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, welche die besten zehn Kollektionen waren.

Rianna und Nina
Von Seiden und Sammlern

Eine Anekdote: „Das war der Wahnsinn“, sagt Nina Kuhn. Als sie und ihre Kollegin Rianna Nektaria Kounou mit ihrem Label Rianna und Nina im wichtigsten Kaufhaus der Welt geführt werden sollten, war die Aufregung groß. Angekommen im Bergdorf Goodman in New York sahen die Designerinnen aber nur die Hälfte ihrer seidenen Kimonos in den Verkaufsräumen hängen. „Ist einfach alles im Lager geblieben?“ habe sie sich gefragt, erzählt Rianna Kounou.

Mitnichten: Gleich am Morgen des ersten Verkaufstages hatte eine Sammlerin die halbe Kollektion für rund 140000 Euro aufkaufen lassen. Nicht nur für Rianna und Nina ist das ein Erfolg: Das 2014 gegründete Label wird so zum Botschafter für Mode aus Deutschland. „Unsere Kollektionen sind sehr künstlerisch, wir selbst sind aber gar nicht gekünzelt. Das mögen die Kunden“, sagt Rianna Kounou. Und ihre Kollegin: „Ganz unterschiedliche Frauen an Alter und Typ fühlen sich uns verbunden, weil eben auch wir so unterschiedlich sind.“ In dieser Saison präsentierten Rianna und Nina bei dem Gruppenausstellungs-Format „Der Berliner Salon“ eine asiatisch inspirierte Kollektion und eine Linie, die sich schweizerischen Trachten nähert. Zwei weit voneinander entfernte Pole also: „Bei uns gibt es eben kaum Regeln, wir sind immer frei“, sagt Nina Kuhn.

Isabel Vollrath
Von Artenschutz und Auffälligkeiten

Wie lassen sich Eleganz und Elefantensterben miteinander kombinieren? Dieser ambitionierten Frage widmete sich Isabel Vollrath. „Es geht um den Artenschutz der Elefanten, das Thema ist im Sommer entstanden mit meiner Freundin Sofia Olander, die den Print gemacht hat“, erzählt die Avantgardistin.

Auf ihre skulpturalen Kleider sind also filigrane Zeichnungen der Dickhäuter gedruckt. Neben Kollektionstexten lagen auf der Schau denn auch Faltblätter einer Artenschutz-Stiftung aus. „Von körperlicher Schwerstarbeit“ könne man in Bezug auf ihre Kollektionserstellung sprechen: Isabel Vollrath drapiert schwere Outdoor-Stoffe zu kurvigen Couture-Kleidern. Olivgrüne und sandfarbene Entwürfe, militaristische Anleihen, erinnern an das Kämpferische des Artenschutzes.

Malaikaraiss
Von Symbolen und Skulpturen

„Mal Ruhe reinbringen“, wollte Malaika Raiss. Die 15. Kollektion der Marke Malaikaraiss wurde ausschließlich online präsentiert, bei einem separaten Termin konnten sich dann ausgewählte Journalisten von Stil und Statement der Linie überzeugen.

„Wir merken immer wieder, wie wichtig die Digitalisierung ist, und dass auch immer mehr Fans bei einer Show dabei sein wollen.“ Also gingen Bilder der Linie zu einem bestimmten Zeitpunkt auf verschiedenen Kanälen online. Zu sehen bekam eine breite Öffentlichkeit dann Entwürfe, die von der ambivalenten Rolle der Geisha inspiriert sind. „Mysteriös und verrucht, trotzdem ein Symbol der Stärke“, beschreibt Raiss. Sichtbar werde das etwa in zarten und doch intensiven, positiven Nuancen, die auch der Farbwelt des Skulpturkünstlers Arnold Goron entlehnt sind. „Ich finde mich in der Welt der modernen Kunst immer von Neuem wieder“, sagt die Designerin. Besonders schön: Der pointierte Einsatz von Metallfasern, eingewebt etwa in einen Lurex-Jacquard.

Strenesse
Von Eleganz und Emanzipation

Starke Schultern, Anzüge und Krawatten – auch bei Strenesse Hinweise auf die #MeToo-Debatte? „Unsere Marke stand schon in den 90er Jahren für Emanzipation“, sagt Geschäftsführer Jürgen Gessler, „das war schon immer unser Thema.“

Überdeutlich wurde das diese Saison in den Reminiszenzen an das Power Dressing des ausgehenden 20. Jahrhunderts, dass sich männlichen Kleiderordnungen bedient.

Odeeh
Von Mustern und #MeToo

Es war ja abzusehen, dass auch an der Berliner Fashion Week die #MeToo-Debatte nicht spurlos vorüber gehen wird.

„Wir haben keine Angst vor weiblichen Klischees“, zitiert etwa „Vogue“-Redakteurin Hella Schneider die Designer Jörg Ehrlich und Otto Drögsler.

Mit ihrem Label Odeeh wählen sie also die Flucht nach vorn: Weibliche Stärke durch ultra-feminine Entwürfe. Fließende Silhouetten mit einem skulpturalen Moment, starke Muster in aufregender Kombination, so die Handschrift Ehrlich und Drögslers.

Andy Wolf
Von Rahmen und Rettungsmaßnahmen

Die österreichische Brillenmarke Andy Wolf hat nicht nur extravagante Gläser zu bieten, sondern setzt sich auch für die Rettung des Handwerks ein. „Die Fabrik in Hardberg gibt es seit 1948, sie war drei Mal Konkurs gegangen, bevor wir sie gekauft haben“, erzählt Geschäftsführerin Katharina Schlager. „Als wir angefangen haben, gab es nur noch acht Mitarbeiter.

Mittlerweile sind es 53, die einen sicheren Arbeitsplatz haben und ihr Wissen an junge Menschen weitergeben.“ Das gleiche Spiel in Frankreich: Da waren es in einer Fabrik nur noch fünf Mitarbeiter, nach dem Kauf durch Andy Wolf sind es heute wieder 30. In etwa 98 Arbeitsschritten entstehen etwa die feingliedrigen Metallgestelle des Labels. Verknüpft wird das traditionelle Handwerk mit einer hypermodernen Formsprache.

Lou de Bètoly
Von Herzblut und Hausfrauen

Kaum ein Designer in Berlin zeigt so viel Sinn und Engagement für das traditionelle Handwerk wie Odély Teboul. Das beweist die gebürtige Französin mit ihrer gerade erst 2017 gegründeten Marke Lou de Bètoly auch in dieser Saison: In emsiger Handarbeit hat sie Strickwerke und Stickereien zu aufregenden Outfits zusammengesetzt. Selbst gelbe Putzhandschuhe sind mit feinen Schmucksteinen besetzt.

„Ich nenne das mein ‚Hausfrauen-Projekt‘“, sagt Teboul. „Ich möchte den Wert der Handarbeit hinterfragen. Erstmal hat eine Stickarbeit zum Beispiel keinen Wert. Das ist etwas, das man nur für sich zuhause macht, ein Hobby eben.“ Im künstlerischen Kontext präsentiert aber, werde aus der privaten Heimarbeit plötzlich eine Modeaussage. Ob die farbintensiven, avantgardistischen Entwürfe auch einem breiten Publikum zugänglich sein werden? „Wir sagen in Frankreich: Über Geschmack und Farbe wird nicht diskutiert“, sagt Odély Teboul – „les goûts et les couleurs ne se discutent pas.“

William Fan
Von Hoffnung und Heimat

William Fan ist eine der größten Hoffnungen der deutschen Mode. Weil er ein Geschichtenerzähler ist, weil er persönliche Anekdoten in Modekollektion zu übersetzen weiß. In der letzten Saison entführte er in sein Kinderzimmer in der niedersächsischen Provinz, diesmal in das chinesische Restaurant seiner Eltern.

Die unterschiedlichen Charaktere der Szenerie haben ihn inspiriert. So gaben sich die Entwürfe, die denn auch in einem Berliner Chinarestaurant präsentiert wurden, ausgesprochen vielfältig. Pailletten-Stücke, extravagante Webpelz-Teile, Taschen in Glückskeks-Formen sogar – es ist William Fans ganz eigenes Talent, Kitsch und Kunst in ausgewogene Linien zu verwandeln. So kommt das Fachpublikum nicht umhin, Fans Kollektionen mit einem dicken Klos im Hals zu betrachten: Weil seine intimen Geschichten berühren und weil auch immer die Frage mit den Models mitzulaufen scheint, wie lange es den Designer in Berlin halten wird. Denn die junge Modestadt muss sich fragen, ob sie einem Designer von dem Format William Fans überhaupt gewachsen ist.

Dorothee Schumacher
Von Gesichtern und Geheimnissen

Im „Secret Garden“ präsentierte Dorothee Schumacher ihre Kollektion, einer typischen Hinterhof-Location mitten in Berlin. Drapiert waren die eleganten Entwürfe an Kleiderpuppen vor rustikalen Wänden, an denen die Farbe abblättert. Eine „Geschichte über die beiden, die vielen Gesichter, die wir alle haben“, sei ihre Mode, heißt es in einem Kollektionstext. Das wird in den vielen Schnitttechniken und Details der Linie sichtbar: voluminöse Daunenmäntel zu feinen Strickteilen zu fließenden Silhouetten.

Perret Schaad
Von Bildern und Brücken

Ein „Tableau vivant“: In einer schlichten Installation stilisierten Johanna Perret and Tutia Schaad ihre Schau zum lebendigen Gemälde. Die Models drapierten sich um einen langen Esstisch herum, bewegten sich geschmeidig abwechselnd in den Vordergrund. Eine Brücke schlugen die beiden Designerinnen zu vergangenen Saisons: Neue Modeteile wurden mit Kleidern aus dem Archiv der Marke kombiniert. So wurde sichtbar, was Perret Schaad am besten können – fließende Kleider in intensiven, aber harmonischen Farbwelten.

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