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Moderatorin Andrea Kiewel Schweigen und büßen

Moderatorin Andrea Kiewel startet trotz Schleichwerbe-Affäre ihre zweite Karriere im TV. Ihre neue Rolle scheint wie geschaffen, das Image als ausgebuffte Lügnerin zu konterkarieren. Von Antje Hildebrandt

10.06.2009 00:06
ANTJE HILDEBRANDT
Andrea Kiewel moderiert in Mainz den ersten "ZDF-Fernsehgarten" des Jahres 2009. Als Moderatorin hat der Sender wieder Andrea Kiewel verpflichtet, von der er sich im Winter 2007/2008 getrennt hatte. Foto: dpa

Plötzlich war sie wieder da. Es war Anfang Mai, Andrea Kiewel stapfte im luftigen Kleidchen durch den "Fernsehgarten" des ZDF, der Wind blies ihr die Ponysträhnen ins Gesicht. Man konnte ihr nicht in die Augen sehen, als sie sich bei den Zuschauern entschuldigte und versicherte, sie hätte aus ihrem Fehler gelernt.

Worin der bestand, musste sie nicht erklären. Auch so wusste jeder, was gemeint war. Andrea Kiewel hatte nicht nur ohne das Wissen des ZDF einen lukrativen Werbevertrag mit Weight Watchers unterschrieben. Sie hatte auch wiederholt TV- Auftritte genutzt, um für die Organisation zu werben - so oft und so auffällig, dass der in Werbefragen versierte Kollege Johannes B. Kerner sie in seiner Talkshow fragte, ob sie etwa für die Weight Watchers werbe. Sie verneinte: "Natürlich nicht." Diese Lüge kostete sie ihren Job. Denn später kam heraus, dass die Diät-Company sogar noch was auf das Pauschalhonorar drauflegte, wann immer Kiewel den Firmennamen nannte.

Und jetzt also das Fernseh-Comeback. Sie habe butterweiche Knie, beteuerte sie bei ihrem ersten Auftritt im "Fernsehgarten", doch wer ihren Werdegang seit dem Rauswurf beim ZDF verfolgt hatte, kaufte ihr dieses Geständnis nicht ab. Tatsächlich schien "Kiwi", wie sie sich selber nennt, nicht von allzu starken Gewissensbisse geplagt zu sein. Sie schien sich ihrer Sache sehr sicher. Hätte sie sonst das Angebot angenommen, das ihr RTL schon im Frühjahr 2008 machte?

Für den Kölner Krawallsender moderiert sie jetzt "Einspruch! Die Show der Rechtsirrtümer". Andrea Kiewel präsentiert sich dort in einer Rolle, die wie geschaffen scheint, ihr Image als ausgebuffte Lügnerin zu konterkarieren: die der arglosen Verbraucherin. In der neuen Sendung kokettiert Kiewel damit, dass sie sich im Paragraphen-Dschungel nicht zurechtfindet.

Wie zum Beweis stellt sie dann Fragen, die so abseitig sind, dass man sich fragt, ob die sich ein Laie oder nicht doch eher ein Jurist ausgedacht hat. Etwa, ob das Steak im Restaurant genauso schwer sein muss wie auf der Speisekarte angegeben. Der aus dem Fernsehen bekannte Rechtsanwalt Ralf Höcker steht ihr Rede und Antwort. So schafft sie es, ihr angekratztes Image medienwirksam zu glättenen. Denn so naiv, wie Kiewel in der Show tut, ist sie keineswegs.

Man hätte gerne gewusst, was ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner dazu sagt, dass Kiewel, kaum rehabilitiert, bei RTL auftritt. Aus der ZDF-Pressestelle heißt es dazu: Kiewels Job bei RTL beeinträchtige das Verhältnis zum ZDF nicht. Es sei ihr freigestellt, andere Sendungen zu moderieren.

Andrea Kiewel hatte der FR angeboten, Fragen schriftlich zu beantworten. Die Email blieb unbeantwortet. Ihr Management erklärt auf Anfrage, es sei nicht mehr für sie zuständig. Man möge sich an RTL wenden. Die dortige Pressestelle bietet ein Telefoninterview an, das kurz zuvor wieder abgesagt wird. Frau Kiewel hätten die Fragen nicht gepasst, heißt es. Sie selber schickt dann doch eine Email: "Zu dem Thema ist alles gesagt." Souverän ist dieser Umgang mit den eigenen Fehlern nicht. Wer mit ihnen im Fernsehen kokettiert, muss auch damit rechnen, darauf angesprochen zu werden.

Kiewel blendet Werbeskandal aus

Doch Kiewel blendet das Kapitel einfach aus. Auf ihrer Homepage findet sich kein Hinweis auf den Schleichwerbeskandal. In ihrer Biografie listet sie unter der Überschrift Werbung nur einen einzigen Job auf: 2000-2001: Testimonial für "Philadelphia".

In einem Interview mit dem Zentralorgan der Ostalgiker, der Super-Illu, räumte sie immerhin ein, dass sie nach ihrem Rauswurf freundliche und weniger freundliche Briefe bekommen habe. "Und danach habe ich dermaßen den Kopf eingezogen, dass ich nur sehr wenig gehört und gesehen habe. Aber irgendwann sprach mich eine Frau an, die sagte: Der Fernsehgarten ohne Sie ist wie ein Erdbeerkuchen ohne Erdbeeren."

Sieben Jahre lang moderierte Kiewel den "Fernsehgarten", einen bizarren Mix aus Bundesgartenschau und musikalischem Allerlei. Immer ein wenig atemlos, immer eine Spur zu fröhlich, um authentisch zu wirken. Denn: Wenn sie lacht, lachen ihre Augen nicht mit.

Doch für ihr Stammpublikum ist sie das stets gutgelaunte Mädchen aus dem Osten. Denn die ehemalige Leistungsschwimmerin in der Nationalmannschaft der DDR geht auch - ohne mit der Wimper zu zucken - dahin, wo es wehtut. Sie springt nach der Sendung schon mal mit Klamotten ins Wasser. Dafür lieben sie vor allem ihre männlichen Fans.

Kein Wunder also, dass die Quote dramatisch einbrach, als das ZDF sie nach dem Schleichwerbeskandal hinauswarf. Verglichen mit Kiewel war ihr Nachfolger Ernst-Marcus Thomas eine Baldriankapsel. Im Internet maulten Fans: "Kiwi ohne Fernsehgarten ist wie ein Pool ohne Wasser." Wer die Seite ins Netz gestellt hat, erfährt man nicht. Die Kommentare zur Weight Watchers-Affäre lasen sich wie bestellte Leserbriefe. "Aber ehrlich", schrieb ein gewisser Hummel, "das machen doch alle (behaupte ich jetzt mal)."

Am 23. Oktober 2008 durfte sie dann erstmals wieder im Zweiten auftreten - wenn auch nur als Kandidatin eines Wohltätigkeits-Promiquiz. Das ZDF hatte sie zuvor nach Indien geschickt. Die Aufnahmen von dort wurden während der Show eingespielt und sollten wohl ihren Wandel zur Büßerin dokumentieren: Kiewel in Kalkutta, auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses, ein Baby auf dem Arm.

Dieses Kalkül ging nicht auf. Die neue Kiewel wirkte ganz wie die alte. Sie stand wie bestellt und nicht abgeholt in den Slums und sagte: "Mein erster Eindruck war: Entsetzen." Wieder passte ihr Gesichtsausdruck nicht: Sie lächelte.

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