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Modefotograf Sean Ellis Der Hund, dem die Models zu Füßen lagen

Der britische Modefotograf Sean Ellis erklärt im FR-Interview, warum er seinem verstorbenen Vierbeiner „Kubrick“ einen Bildband gewidmet hat.

08.11.2010 18:51
Für Stella McCartney war Kubrickeine „Person, die zufällig Fell trug“. Foto: Sean Ellis / Schirmer Mosel

Der britische Modefotograf Sean Ellis erklärt im FR-Interview, warum er seinem verstorbenen Vierbeiner „Kubrick“ einen Bildband gewidmet hat.

Mr. Ellis, Sie haben einen Bildband über Ihren verstorbenen Hund Kubrick herausgegeben. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Kubrick starb im September letzten Jahres nach zwölf Jahren. Die Arbeit an dem Bildband war eine Art Therapie, die mir geholfen hat, seinen Tod zu verarbeiten. Für mich war der Verlust von Kubrick das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist.

Dann sind Sie aber ein sehr glücklicher Mensch.

Ich weiß natürlich, dass viele Menschen sehr viel mehr als das verloren haben. Aber für mich war es sehr schwer, mit diesem Verlust umzugehen. Es war, als hätte ich ein Kind verloren. Ich habe Kubrick einschläfern lassen und fühle mich manchmal immer noch schuldig deswegen. Das Buch ist meine Hommage an Kubrick. Ich wollte eine Erinnerung an ihn haben. Und ich habe mir gedacht, wenn ich Freude an den Bildern habe, gefallen sie vielleicht auch anderen.

Sie zeigen Kubrick unter anderem mit Bryan Adams, Kate Moss oder dem US-Schauspieler Eric Bana, aber es gibt in dem Buch auch einfache Porträts Ihres Hundes. Welches ist Ihr Lieblingsbild?

Es gibt ein Bild, auf dem Kubrick in die Luft springt, um eine Taube zu fangen. Es bringt mich immer noch zum Lachen, weil Kubrick immer Tauben gejagt, aber in seinem ganzen Leben nie eine gefangen hat. Dieses Bild ist so voller Leben. Kubrick schwebt in der Luft, man sieht seine immense Konzentration. Es ist einfach einer dieser ganz seltenen Momente im Leben und du schaffst es, ihn auf Film zu bannen. Es ist die perfekte Kombination aus Kubrick und Fotografie.

Sie sind Modefotograf, fotografieren normalerweise Topmodels und Popstars. Fiel es Ihnen schwer, plötzlich mit einem Hund zu arbeiten?

Nein. Kubrick war ein gutaussehender Kerl und es war nicht schwer, ihn ins rechte Licht zu rücken. Er hat es geliebt, fotografiert zu werden. Kubrick hat sogar oft mit der Kamera gespielt; er zwinkerte dann mit den Augen oder grinste – solche Sachen.

Ihr Hund hat mit der Kamera geflirtet? Meinen Sie das ernst?

Ja. Ich habe eine ganze Reihe von Aufnahmen mit ihm gemacht, ich nannte sie die „Studio Sittings“. Dafür bin ich tatsächlich mit ihm in ein Studio gegangen, wo wir den ganzen Tag damit verbrachten, Fotos zu schießen. Andere Aufnahmen in dem Buch sind aber auch einfach am Ende eines langen Fotoshootings entstanden. Wie das?

Ich habe die Leute im Studio zum Abschluss der Aufnahmen gefragt, ob ich noch schnell ein Bild von ihnen mit meinem Hund machen könnte. Eigentlich sind die Modelle zu dem Zeitpunkt immer gestresst, doch wenn Kubrick dazukam, waren sie plötzlich wieder entspannt.

So wie bei dem Bild mit Stella McCartney?

Das Shooting mit Stella ist das beste Beispiel – auch wenn ich Kubrick da von Anfang an mit eingebunden hatte. Die Aufnahmen fanden in ihrem Haus statt. Stella mag es in der Regel nicht, fotografiert zu werden. Sie ist sehr schüchtern vor der Kamera. Alles, was sie in dieser Situation ablenkt ist gut. Ich habe also Kubrick mitgenommen und hatte nach einer halben Stunde alles im Kasten.

Kubrick diente als Eisbrecher am Set?

Ja. Prominente sind ja nicht im Fotostudio, weil sie so gern fotografiert werden, sondern weil das Teil ihres Jobs ist. Die kommen dann oft mit jeder Menge Gepäck und Assistenten, einer ganzen Entourage. Und zwischen denen lief dann plötzlich Kubrick herum, diese flauschige Person, die es einen Scheiß interessierte, wie prominent jemand war. Er hat die Stars genauso begrüßt, wie die Visagistin oder die Assistentin. Das hatte etwas Entwaffnendes.

Hat Kubrick auch Ihnen geholfen, auf dem Boden zu bleiben?

Er hat mich gerettet. Es ist sehr leicht, sich selbst zu verlieren, wenn die eigene Karriere plötzlich durchstartet. Man tut sich dann schwer zu sehen, was wirklich zählt. Anfangs hat mich die Modewelt sehr vereinnahmt. Ich habe Kubrick gekauft, weil ich noch etwas anderes in meinem Leben wollte, außer Arbeit – und Kubrick hat mir das gegeben. Plötzlich hörte ich wieder zu einer vernünftigen Zeit auf zu arbeiten, weil ich noch mit ihm in den Park gehen wollte. In meinem Job ist man oft allein, aber Kubrick war da für mich. Er war der Grund, warum ich mich gefreut habe, nach Hause zu kommen.

Bei anderen ist das ein Mensch.

Als ich Kubrick kaufte, kannte ich meine jetzige Frau noch nicht, hatte die Richtige noch nicht gefunden. Und so war Kubrick der Richtige für mich. Er war mein bester Freund. Er hat mich nie verurteil, er war immer liebevoll – es gibt nicht viele Menschen, die einen so behandeln. Ich hatte das Glück, dass meine Frau später dasselbe in Kubrick gesehen hat wie ich. Er wurde genauso wichtig für sie wie für mich. Und so haben wir noch drei glückliche Jahre zu dritt verbracht.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages einen neuen Kubrick zu kaufen?

Während ich mit dem Buch über Kubrick beschäftigt war, konnte ich an so etwas nicht denken. Aber jetzt habe ich mit diesem Bildband eine Erinnerung an ihn und bin vielleicht im nächsten Jahr soweit, einen anderen Hund zu kaufen. Aber ich will Kubrick nicht ersetzen. Es wird nie wieder einen Kubrick geben.

Interview: Judith Kessler

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