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Missbrauch Prügel, Missbrauch, Züchtigungen

Jahrelang wurden Jungen bei den Regensburger Domspatzen misshandelt. Verantwortliche der Kirche ignorierten die Vorgänge oder vertuschten sie. Die Opfer leiden bis heute.

19.04.2016 13:11
Harald Biskup
Die Anmeldezahlen für den Knabenchor sind in jüngster Zeit stark zurückgegangen. Foto: imago

Keiner sagt etwas, aber alle haben in diesem Moment den gleichen Gedanken, unausgesprochen, reflexartig. Ist das einstudiert, um die neue Offenheit zu demonstrieren und um womöglich unbequemen Fragen zuvorzukommen? Florian aus der 8 b ist einer der zur Hausführung eingeteilten Internats-Bewohner. Von sich aus zeigt er beim Rundgang durch den Zimmertrakt der Besuchergruppe aus Eltern und potenziellen künftigen Schülern auch die Dusche, die zu jedem Viererzimmer gehört. Und ungefragt erwähnt der Vierzehnjährige, als sei das nicht das Selbstverständlichste von der Welt, dass das Bad „natürlich“ von innen abschließbar sei.

Tag der Offenen Tür im Gymnasium der Regensburger Domspatzen. Die kleine Szene offenbart, wie präsent das Thema Missbrauch und Misshandlung „in einem der berühmtesten Chöre der Welt“ (Eigenwerbung) nach dem kürzlich vorlegten Zwischenbericht eines unabhängigen Ermittlers weiterhin ist. Seit die ersten Fälle 2010 bekannt wurden und einen Schock auslösten, versuchen Schule und Internat Zug um Zug wieder zur Normalität zu finden. Zu dieser Normalität gehört ein offensiver Umgang mit der dunklen Vergangenheit. „Es gibt nicht den geringsten Grund, irgendjemanden zu schonen“, stellt Berthold Wahl, der Direktor des Gymnasiums, unmissverständlich klar. Gleichzeitig geht es darum, Vertrauen wiederzugewinnen. Die Anmeldezahlen waren zuletzt stark rückläufig.

„Psychisch deformiert und geistig kastriert“

Immer noch werde der längst vollzogene Neuanfang als „Rechtfertigungsversuch der Fehler von damals gewertet“, klagt Domkapellmeister Roland Büchner. Und immer wieder kommt es vor, erzählen Jugendliche an den Info-Ständen im Treppenhaus, „dass du irgendwo in der Stadt mit blöden Bemerkungen angemacht wirst, so von der Sorte „Heute schon vergewaltigt worden?“ oder „Wie war der Fick mit dem Präfekten?“

Opfer direkter sexueller Übergriffe ist Wolfgang Blaschka selbst nicht geworden, „ich war nicht blond und entsprach offenbar nicht Meiers Vorlieben“. Aber die Prügelorgien des gefürchteten Direktors der Internats-Grundschule Etterzhausen hätten mit Sicherheit eine sexuelle Komponente gehabt, ist Blaschka überzeugt. Der heute 58-jährige freie Grafiker hat „gespürt, wie Meier die Schläge, die er uns verabreichte, erregt haben“. Johann Meiers sadistisches Regiment in Etterzhausen und später in Pielenhofen währte mehr als 30 Jahre und endete erst kurz vor seinem Tod 1992. Kein künftiger Domspatz konnte seinen Wut- und Gewaltausbrüchen entgehen. „Du warst ihm“, erzählt Blaschka in einem Kaufhaus-Café über den Dächern des Münchner Stachus, „mit Haut und Haaren ausgeliefert. Er war alles in einer Person: Direktor, Disziplinar-Vorgesetzter, Religionslehrer und das Schlimmste: Auch unser Beichtvater.“

Vermutlich sei Meier wie mehrere der damaligen Verantwortlichen kriegstraumatisiert gewesen: „Psychisch deformiert und geistig kastriert.“ Das sei aber natürlich keinerlei Rechtfertigung für dessen Brutalität. „Es machte ihm einfach Spaß, uns zu demütigen und zu erniedrigen. Ich sehe noch, wie seine Augen beim Schlagen hinter seiner Goldbrille blitzten.“ Die Stockschläge, meistens auf die Fingerkuppen, aber auch auf den Hintern, setzte es meist nach dem Mittagessen „im Fünferpack“ in seinem Präfektenzimmer. Täglich seien bis zu acht Delinquenten fällig gewesen. „Bloß am Tag des Herrn ruhte seine Hand.“ Als Schlaginstrumente benutzte Meier mit Vorliebe eine biegsame Weidenrute, aber auch ausgediente Geigenbögen bekamen Buben zu spüren, die geschwätzt oder „getändelt“ hatten, einer von Meiers Lieblingsausdrücken. „Für Bestrafungen gab es immer einen Vorwand.“

Je länger wir über die schlimmen Jahre unter der Fuchtel des Johann Meier reden, „diesem Teufel im Priesterrock“, desto detaillierter und zugleich abgründiger fallen die Erinnerungen aus. Zum Beispiel an eine schier unglaubliche Situation während der täglichen Frühmesse. Direktor Meier stand wie damals noch üblich mit dem Rücken zum Altar und bekam mit, wie ein Junge seinem Nachbarn etwas zuflüsterte. Urplötzlich drehte Meier sich um und schleuderte wie von Sinnen die Patene, eine kleine vergoldeten Metallschale, auf der die Hostie liegt, in Richtung der Störer. „Das Kult-Tellerchen flog wie eine Diskusscheibe durch die Luft und traf einen der Knaben an der Schläfe, knapp am Auge vorbei. Der Ertappte wurde puterrot und brachte die Patene zurück zum Altar. Meier pustete sie kurz ab und machte weiter als wäre nichts passiert.“

Lange verjährt, aber nicht vergessen

Wolfgang Blaschka, längst aus der Kirche ausgetreten, nennt den Vorgang „einen klaren Fall von Sakraments-Schändung“. Damals tat sich bei dem sehr religiös erzogenen Achtjährigen ein Abgrund auf: Rohe Gewalt mit einem quasi heiligen Gegenstand. „Der erste Knacks in meinem bis dahin festen Glaubensgebäude.“ Fortan erlebte „Wolfi“ das Meiersche Strafregiment als noch unerträglicher. Wolfi hieß er allerdings nur daheim – in der Schule sei die Atmosphäre distanziert und unpersönlich gewesen, man habe sich meist mit Nachnamen angesprochen, und viele der Buben seien „untereinander spinnefeind gewesen – im Wettbewerb um die Gunst der Erzieher“. Schwächen zu zeigen war nicht vorgesehen, höchstens heimlich gegenüber dem besten Freund. Zur Gewalt, sagt Blaschka, kam der Psycho-Terror, „überzuckert mit dem ganzen religiösen Getue. Im Grunde war Etterzhausen ein Kinder-KZ. Ich sehe einen würgenden Klassenkameraden vor mir, dem Meier das Erbrochene gewaltsam einflößte.“ Alles lange verjährt, aber nicht vergessen. So wenig wie die Geschichte jenes ehemaligen Domspatzen, der Blaschka nach Bekanntwerden des Skandals 2010 von merkwürdigen Verarztungen berichtet hat. In dem autoritären Milieu hätten manche Jungen solche „Penis-Salbungen“ nicht nur über sich ergehen lassen, sondern manchmal sogar als angenehm empfunden. Der sexuelle Missbrauch wurde ihm erst im Erwachsenenalter bewusst. Aus Verzweiflung brach er Opferstöcke auf, um vor Gericht zu landen – in der irrigen Annahme, dort Gehör zu finden für seine traumatischen Kindheits-Erlebnisse.

Achim Metz (69) hätte sich manchmal gewünscht, von einem Erzieher in den Arm genommen zu werden, „vielleicht sogar von Johann Meier“. Obwohl er einige Jahre früher in Etterzhausen war, hat er an ihn nicht ausschließlich negative Erinnerungen. Von Meier habe er nur einmal „Tatzen“ mit dem spanischen Rohrstock auf die Finger bekommen. Aber auch er spricht von einer „unsichtbaren Angst, die uns immer begleitet hat“. Metz, Abitur-Jahrgang 1966, lange Jahre IT-Manager in der Münchner Allianz-Zentrale, schildert bei selbst gebackenem Strudel die zwei Gesichter des Johann Meier. Mit seinem goldenen Merino-Schal habe er wie ein Rauschgoldengel ausgesehen und begeisternd erzählen können von den alten Römern und von Raubrittern. Wen er aber auf dem Kieker hatte, den habe er „zielsicher“ auf den Hintern geprügelt wegen allerlei Nichtigkeiten, einer liegen gelassenen Zahnbürste zum Beispiel oder wegen Missachtung des „Silentium strictissimum“. Oft hätten die Strafaktionen „öffentlichen Hinrichtungen“ geglichen.

Den Internatsleiter Friedrich Zeitler habe er als Gymnasiast noch brutaler erlebt. Dessen dröhnendes Kommando „Bursch, komm vor!“ bei der Züchtigung im Speisesaal hat Metz noch in den Ohren. Zeitler wurde, ein Ausnahmefall, später wegen sexueller Verfehlungen verurteilt. Andere Ehemalige werfen auch Meier vor, von ihm „anal befingert“ worden zu sein. „Mich nicht. Ich habe ihn irgendwie sogar gemocht trotz der Dresche.“

Meier war nicht der Einzige, „es gab immer wieder kleine Meiers“, sagt Alfred Drechsler, der in Wirklichkeit anders heißt. Einmal hat ihn, schon auf dem Gymnasium Pater Wolfgang Böhm, der es später bis zum Abt brachte, wegen nicht ordentlich geputzter Schuhe blutig geschlagen. Meier aber habe systematisch geprügelt. Drechsler ist in doppelter Hinsicht Opfer des Mannes, der Etterzhausen „zu einer Art Stasi-Burg“ gemacht habe. Als kleiner Junge hat er unter der „Dressur“ in der Internats-Vorschule gelitten. Als er Mitte der 60er Jahre an der gleichen Schule selbst Musik unterrichtet, ist es Johann Meier, der ihm seine weitere Karriere vermasselt, als Drechsler gegen dessen „teuflische Pädagogik“ opponierte. Als Schüler hatte er Meiers Tobsuchts-Anfälle und den Geigenbogen auf dem Po zu spüren bekommen. Buben, die Meier sexuell hörig waren, habe er weniger hart rangenommen. „Das Schlimmste war aber die Hilflosigkeit.“ Und das Heimweh, besonders in den langen kalten Wintern. Vor kurzem ist in dem kleinen Ort in der Nähe von Bayreuth, wo wir Drechsler besuchen, nochmals Schnee gefallen. Böse Erinnerungen werden wach, zum Beispiel an den Nikolaus und seinen Furcht einflößenden Begleiter, den Krampus. „Der hat mit schweren Ketten an unsere Türen geschlagen. Dann hat er mich in einen Sack gesteckt, ihn zugeschnürt und mich in einem finsteren Keller abgestellt. So etwas kann man nie mehr vergessen.“ Wie hat er die lange Domspatzen-Zeit überhaupt durchhalten können? „Die Musik“, sagt Drechsler, mittlerweile 83, „hat uns getragen. Die Ausbildung war exzellent.“

Irgendwann konnte und wollte Drechsler als Chorerzieher das Leid der Kinder nicht mehr länger mitansehen. Er suchte den damaligen Regensburger Generalvikar Grätsch auf und spielte ihm heimlich mitgeschnittene Tonbänder vor, die Meiers „Prügel-Orgien“ dokumentierten. Außer peinlicher Verlegenheit zeigte der Verwaltungschef des Bistums keine Reaktion. „Von dem Moment an galt ich als Feind der Kirche.“ Meier rächte sich mit fristloser Entlassung. An sein geliebtes Orgelpositiv setzen, klagt Drechsler, könne er sich seit einem 2011 erlittenen Schlaganfall nicht mehr. In seinen Alpträumen muss er sich manchmal bis heute mit Missbrauchstätern und einstigen Vorgesetzten Kämpfe austragen. Jahrzehntelang hat er wie Dutzende andere gequälte Domspatzen geschwiegen über seine körperlichen und seelischen Wunden – und sich erst vor kurzem gegenüber dem unabhängigen Sonderermittler Ulrich Weber offenbart. „Zum ersten Mal wird uns geglaubt.“ Solange die Kirche nur Aufklärung in eigener Sache betrieb, verweigerte sich Drechsler „diesen Spielchen“.

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