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Missbrauch in der katholischen Kirche Von Gott verlassen

Das horrende Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche wird durch eine Studie bekannt - und alles spricht dafür, dass es nicht vorbei ist

Beichtgelegenheit
Drei Viertel der Betroffenen standen in seelsorgerischer Beziehung zum Täter. Foto: dpa

Es hört einfach nicht auf. Immer neue Berichte über  sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, immer neue „Botschaften aus dem neunten Kreis der Hölle“ (Spiegel) machen noch dem letzten Zweifler klar, dass die  katholische Kirche weltweit ein Problem hat. Zuletzt erschütterten Zahlen aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania die Öffentlichkeit: 300 Täter,  1000 Opfer. Verteilt über einen  Zeitraum von 70 Jahren, gewiss. Aber welche  Dramen stehen hinter solch einer nackten Statistik!

Als diese Ende August bekannt wurde, die Schockwelle einmal um den Globus lief und im Vatikan tsunamigleich anbrandete, da spätestens müssen die deutschen Bischöfe gewusst haben, was ihnen in Kürze bevorstehen würde. Sie selbst hatten eine umfassende Studie  zum sexuellen  Missbrauch in Auftrag ergeben, um für die 27 Bistümer  Fallzahlen zu ermitteln, kirchliches Fehlverhalten aufzuzeigen und  der Frage nach Ursachen und begünstigenden Strukturen nachzugehen. „Für Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche“ sollte die Studie sorgen, hatte der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann,  versichert.

Fehlende Offenheit in der Kirche

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Die Jugendpädagogin Claudia Bundschuh hat da ihre Zweifel. Ihrer Meinung nach fehlt es den Verantwortlichen in der Kirche  nach wie vor an Offenheit.   Jetzt liegt die Studie vor, und als erstes haben die Bischöfe wieder ein Transparenz-Problem. Aber eines der dritten Art sozusagen. Denn noch bevor sie die Ergebnisse präsentieren und in ihrem Sinne erläutern können,  was auf der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in zwei Wochen passieren sollte, standen die wesentlichen Ergebnisse auf den Webseiten verschiedener Medien.  Verantwortungslos sei das, ärgert sich Ackermann, und nennt den Leak einen  „schweren Schlag“  für die Betroffenen. Aber doch wohl auch für die Bischöfe, die laut Ackermann die jetzt kursierenden Missbrauchszahlen selbst noch nicht kannten.

Und die sind allerdings erschlagend, genau wie die Begleitumstände, von denen der Forscher-Verbund von Psychiatern, Kriminologen, Soziologen und Psychologen der Universitäten Mannheim, Heidelberg, Gießen (daher der Name MHG-Studie) berichtet. Unter den 1670 Tätern, deren Vergehen in den Personalakten de Bistümer dokumentiert sind, waren 1429 Diözesanpriester,  159 Ordensmänner und 24 hauptamtliche Diakone.  

88 Täter exkommuniziert

Bei gut 1000  Beschuldigten lagen Hinweise auf nur eine Tat vor,  die anderen wurden mehrfach übergriffig. Von 96 Serientätern sollen mehr als hundert Taten dokumentiert sein. Knapp 63 Prozent der Opfer waren männlich. Dieses deutliche Übergewicht  unterscheidet sich nach Angaben der Forscher vom sexuellen Missbrauch  Minderjähriger außerhalb des kirchlichen Kontextes. Drei Viertel aller Opfer hatten einen im weiteren Sinn seelsorgerischen Kontakt zu ihren Peinigern. Sie waren zum Beispiel Messdiener, Schüler im Religionsunterricht, Kommunionkinder oder Firmlinge. Beim ersten Missbrauch waren gut 50 Prozent der Opfer nicht älter als 13 Jahre.

Gegen die Beschuldigten wurden in nur einem Drittel aller Fälle kirchenrechtliche Verfahren eingeleitet. Davon endete rund ein Viertel  ohne Sanktionen. Aus dem Klerikerstand entfernt wurden 41 Beschuldigte, 88 wurden exkommuniziert. Die weit überwiegende Zahl der Täter kam mit milden Strafen wie Frühpensionierung, Beurlaubung oder der Auflage geistlicher Übungen (Exerzitien) davon. Die MHG-Studie kritisiert überdies, dass die Täter von ihren Oberen häufig lediglich versetzt und die Gemeinden über die Hintergründe im Unklaren gelassen wurden.

Sollten die Bischöfe angenommen haben, dass sie mit ihrer Bereitschaft zur Aufarbeitung der Vergangenheit auch die verlorene Glaubwürdigkeit zurückerlangen könnten, dürften sie sich getäuscht sehen. Die Macher der Studie selbst, aber auch Kritiker wie der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, monieren die Verweigerung einer unabhängigen Akteneinsicht. Konkret: Die Forscher bekamen nur das Material in die Hand, das Beauftragte der Bistümer herausgaben.  Datenschutz, Persönlichkeitsrechte – gewiss. Aber es bleibt der Verdacht einer kirchlichen Kontrolle, zumal es selbst in den bereitgestellten Akten Hinweise auf Manipulationen gab.

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