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Milchskandal in China Sanlu geht in Konkurs

Der chinesische Sanlu-Konzern, an dessen Milchpulver Zehntausende von Säuglingen erkrankt sind, meldet Konkurs an. Den betroffenen Familien bleibt damit wenig Hoffnung auf faire Entschädigung.

26.12.2008 14:12
PETER FISCHER
Ein chinesisches Kind wird untersucht. Die melaninverseuchten Milchprodukte des chinesischen Herstellers Sanlu haben fast 290.000 Säuglinge an Nierensteinen erkranken lassen. Sechs Kinder starben. Foto: dpa

Ein Gericht hat laut offiziellen chinesischen Medien am 24. Dezember dem Antrag des großen chinesischen Milchprodukteherstellers Sanlu Group auf Einleitung eines Konkursverfahrens zugestimmt. Damit ist der Konzern nun offiziell bankrott, der im Zentrum des chinesischen Milchskandals gestanden hat und der eigentlich die zahlreichen Opfer entschädigen müsste, deren Familien heute mit für sie praktisch unbezahlbaren Arztrechnungen kämpfen.

Gepanschte Milch

Sanlu hatte erst im September zugegeben, dass sein günstiges und damit gerade bei ärmeren chinesischen Familien besonders verbreitetes Milchpulver stark mit der Industrie-Chemikalie Melamin verunreinigt war. Dabei soll der Konzern bereits mehrere Monate zuvor klare Hinweise auf sich häufende Erkrankungen nach dem Konsum der Säuglingsmilch erhalten haben.

In den nachfolgenden Untersuchungen wurde Melamin auch in Milchprodukten von gut zwanzig anderen chinesischen Herstellern gefunden; allerdings in geringeren Mengen.

Unter großem wirtschaftlichem Druck durch staatlich zu tief festgesetzte Milchpreise hatten offenbar verschiedene unabhängige regionale Milchsammelstellen von Sanlu versucht, sich vor dem Konkurs zu retten oder auch nur ihre Gewinne zu erhöhen, indem sie Milch mit Wasser panschten und danach Melamin zugaben, mit dem in Tests ein höherer Proteingehalt vorgetäuscht werden konnte.

Laut offiziellen chinesischen Angaben sind durch den regelmäßigen Genuss von so verunreinigtem Baby-Milchpulver fast 290.000 Säuglinge und Kleinkinder an Nierensteinen erkrankt und mindestens sechs gestorben.

Nicht gehaltene Versprechen

Wie das unabhängige chinesische Wirtschaftsmagazin "Caijing" kürzlich eindrücklich dokumentierte, hat der Milchskandal nicht nur die Sanlu Group, sondern auch viele betroffene Familien in große finanzielle Schwierigkeiten gestürzt. Chinas Regierung hatte zwar im September allen geschädigten Kleinkindern freie Behandlung in öffentlichen Spitälern versprochen. Doch die Versprechungen sind vielenorts nicht eingehalten worden. Die Dimensionen des Skandals haben zahlreiche Kliniken offensichtlich überfordert.

Das von Peking versprochene Geld zur Entschädigung der Gratis-Behandlung ist bei den meisten Institutionen bisher anscheinend nicht eingetroffen. So verlangen Spitäler für die Diagnose, Behandlung und für die häufig auch notwendige operative Entfernung der Nierensteine wieder Geld. Caijing berichtet von Eltern, die mehr als 100.000 Yuan (rund 10.000 Euro) Arzt- und Spitalrechnungen begleichen sollen. Solche medizinische Kosten sind in China in der Regel nicht versichert. Bei offiziellen Durchschnittslöhnen von rund 250 Euro pro Monat sind sie eine Belastung, welche vor allem ärmere Familien völlig überfordert.

Die chinesische Regierung hat inzwischen zwar versprochen, Familien, die nachweisen können, dass Gesundheitsproblemen auf den Milchskandal zurückzuführen zu seien, ihre Kosten zu erstatten. Doch während die Lage für manche betroffenen Familien immer verzweifelter wird, sind sich die Amtsstellen anscheinend bisher noch nicht schlüssig geworden, welche Zahlungen sie unter welchen Bedingungen wie leisten wollen.

Gerichte weigern sich, Klagen anzunehmen

Zahlreiche Familien haben nun Anwälte beauftragt, gegen die fehlerhaften Milchproduktehersteller vor Gericht zu klagen. Doch die chinesischen Gerichte weigern sich bisher, solche Klagen anzunehmen - angeblich, weil sie noch keine Instruktionen erhalten haben, wie sie damit umgehen sollen. Dabei sieht eigentlich auch das chinesische Recht die Möglichkeit zivilrechtlicher Klagen und Entschädigungen eindeutig vor.

Wenn die Sanlu-Group nun offiziell Konkurs gehen wird, dann wird für die vom Milchskandal geschädigten Familien in der Konkursmasse kaum mehr viel übrig bleiben. Die Milchpulver- und Joghurt herstellenden Sanlu-Fabriken, in denen gut 10.000 Beschäftigte wirkten, dürften allerdings ihre Produktion unter einem neuen Besitzer schon bald wieder aufnehmen.

Offenbar wünscht die chinesische Regierung, dass der Pekinger Milchproduktehersteller Sanyuan die Produktion der konkursen Sanlu (aber wohl kaum deren Verpflichtungen gegenüber Geschädigten) günstig übernimmt. Die kleinere Sanyuan gehörte zu den ganz wenigen chinesischen Hersteller, welche von dem Melamin-Skandal nicht betroffen waren. Sie ist auch offizieller Lieferant der chinesischen Regierung. Eine Übernahme von Sanlu durch eine normale Fusion hätte sie aber wohl finanziell überfordert.

Teure Blauäugigkeit der Neuseeländer

Teuer zu stehen kommen dürfte sein allzu großes Vertrauen auch den neuseeländischen Fonterra Konzern, der 43% an der Sanlu-Gruppe gekauft hatte, aber angeblich trotzdem keinen entscheidenden Einfluss auf die chinesische Geschäftsleitung ausüben konnte.

Fonterra hatte offenbar ebenfalls frühzeitig Hinweise auf eine mögliche gefährliche Verunreinigung der chinesischen Produkte erhalten. Laut eigenen Angaben hatten sich die Neuseeländer aber mit ihrem Wunsch nach einer sofortigen Reaktion angeblich intern nicht durchsetzen können und waren darauf erst viel zu spät an die Öffentlichkeit getreten.

Die neuseeländische Gruppe hat ihr chinesisches Investment in ihren Büchern inzwischen von gut 83 Mio. Euro auf Null ganz abgeschrieben. Neben dem finanziellen Totalschaden trägt sie auch einen entsprechenden Imageverlust davon.

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