Lade Inhalte...

Michael Mittermeier Der lustige Deutsche

Hierzulande füllt Michael Mittermeier Hallen, in Großbritannien kennt ihn niemand. Trotzdem wagt sich der Komiker für drei Wochen auf die gnadenloseste Bühne, die das Mutterland des Humors zu bieten hat: Das Fringe Festival in Edinburgh.

17.08.2012 17:42
Alva Gehrmann
In Deutschland kennt ihn fast jeder. Jetzt versucht der Comedian Michael Mittermeier das internationale Publikum zu begeistern. Foto: dpa

Er redet nicht über den Druck, der auf ihm lastet. Er macht einen Witz daraus. So wie man das eben macht, wenn man ein Comedian ist. Michael Mittermeier steht auf einer Bühne in einem geduckten Raum in Edinburgh, vor sich 80 Zuschauer, hinter sich ein Vorhang mit dem Berliner Fernsehturm , und erzählt von seiner Begegnung mit einem schottischen Taxifahrer. Der Taxifahrer fragt Mittermeier, was er in der Stadt mache. „Ich werde hier auftreten, ich bin ein deutscher Komiker“, sagt er. Der Taxifahrer antwortet: „Ah, das war ein guter Witz.“ Gelächter.

Willkommen beim Fringe Festival, einem von sechs Festivals, die im August in der schottischen Hauptstadt stattfinden – mit über tausend Veranstaltungen täglich. Von Burlesque-Tänzerinnen, die sich in einer ehemaligen Kirche räkeln, über Nachwuchsschauspieler, die in Aufzügen oder Toiletten performen, bis zu internationalen Comedians und Theaterstars, die ihr Publikum in großen Sälen begeistern, gibt es hier alles. Fringe selbst ist die größte der sechs Veranstaltungen, mit über 42.000 Aufführungen und rund 22.500 teilnehmenden Künstlern.

Einer von ihnen ist Michael Mittermeier. In Deutschland ist Mittermeier eine Comedy-Legende, füllt problemlos Hallen mit mehreren Tausend Zuschauern, er hat 25 Jahre Bühnenerfahrung und zahlreiche Comedy- und Kabarettpreise gewonnen. Hier in Großbritannien ist er ein Neuling. Warum tut er sich das an? „Jeder Comedian träumt davon, eines Tages mal beim Fringe aufzutreten“, sagt der 46-jährige Bayer. „Es ist für uns der Heilige Gral“.

Selten wie ein Einhorn

Mittermeiers Bühne steht auf dem Pleasance Courtyard. Außerhalb der Ferienzeit gehört das Gelände zur Universität, derzeit ist der verschachtelte Ort mit seinen zahlreichen Cafés, Bars und insgesamt 27 Bühnen einer der besten Plätze, um sich Comedy aus aller Welt anzusehen. Mittermeiers Auftrittsort heißt offiziell Baby Grand, der Komiker nennt die fensterlose Box aber liebevoll seinen „Baby Bunker“.

An diesem Nachmittag sitzt er in einer der Bars, knapp vier Stunden sind es bis zur nächsten Show. Seit Anfang August hat er jeden Abend sein Programm „A German on Safari“ aufgeführt. Ein Stück über einen Deutschen auf Weltreise, das sich über nationale Klischees lustig macht – auf Englisch, mit bayerischem Akzent. Bei seinen Auftritten sieht man ihn wild gestikulieren und Grimassen ziehen, jetzt ist er eher introvertiert. Michael Mittermeier lehnt sich in einem Plastikstuhl zurück, er sieht ein bisschen erschöpft aus. Erst als er erzählt, blüht er auf. „Das Festival ist wie ein überwältigender Comedy-Tsunami“, sagt er.

In der ersten Woche trat der Deutsche zusätzlich im Vorprogramm von Eddie Izzard auf. Der Engländer ist eine Comedy-Legende und Co-Produzent von Mittermeiers aktueller Show. Für den 50-Jährigen Izzard ist das Fringe Festival ebenfalls etwas ganz Besonderes, denn hier fing er als Straßenkünstler an und hatte später in den Neunzigerjahren seinen Durchbruch als Stand-Up-Comedian. Izzard bereitet derzeit seine neue Welttournee vor, die ihn in 27 Länder führen wird, nebenbei spielt er in Hollywood-Filmen mit. Vor einer Woche kehrte Izzard für einen Abend nach Edinburgh zurück, als Gast bat er unter anderem den Bayern auf die Bühne. „Michael Mittermeier ist sehr lustig und Deutscher“, sagt Eddie Izzard. „Wer sich das nicht vorstellen kann, muss einfach hingehen und ihn sich anschauen.“

Die Unterstützung hilft sicherlich im Mutterland des Humors, wo man deutsche Comedy bis heute für einen Widerspruch in sich hält. Mittermeier weiß das, er spielt damit in seinem Programm. An der Stelle mit dem Taxifahrer zum Beispiel, und auch, wenn er sagt: „Ich werde in Großbritannien wie ein Einhorn behandelt. ,Das ist Michael – er ist Deutscher’, sagen sie und haben dabei diese verhuschte Stimme, als würden sie sagen, er ist behindert.“

Das Spiel mit den Klischees ist die Flucht nach vorne. Die Chance, die eigene Schwäche zur Stärke zu machen. Jeder deutsche Comedian im Ausland spielt mit den Klischees, die es über sein Heimatland gibt. Und zahlreiche britische Komiker ergehen sich bis heute mit Freude in unzähligen Nazi-Gags. „Ach, die Zeiten sind doch längst vorbei“, sagt Andrew Learmonth vom Fringe-Team. Der 30-Jährige steht in einem Club namens Gilded Balloon, gerade beginnt die Talentshow „So You Think You’re Funny?“. Drei britische Nachwuchs-Comedians treten auf. Fast jeder macht Witze über die bösen Deutschen und den Zweiten Weltkrieg. Learmouth lächelt verlegen. Dann versucht einer der Neulinge eine Persiflage auf alle Stand-Up-Comedians zu machen, doch leider so schlecht, dass bereits nach wenigen Minuten die ersten Zuschauer den Saal verlassen. „Hey, wo gehst du hin?“, ruft er einem Mann hinterher. „Ich gehe pissen, das ist sicher lustiger als das hier“, sagt der Gast. „Fuck off“, brüllt der Comedian. Die Briten sind bekannt dafür, ein gnadenloses Publikum zu sein. Wer nicht lustig ist, wird nach fünf Minuten ausgebuht – spätestens.

Jede Show ausverkauft

Sogar Eddie Izzard hat das erleben müssen. Damals, im Londoner Club The Comedy Store, unweit des Piccadilly Circus. Ein Kellerclub, der seit über 30 Jahren als der beste Stand-Up-Ort des Landes gilt. Izzard scheiterte dort zu Beginn seiner Karriere an pöbelnden Zwischenrufern. Damals beschloss er, erst wiederzukommen, wenn er sie mit seiner Show umhauen kann. Das tat er dann auch. Heute füllt der bekennende Transvestit Hallen mit 10.000 Zuschauern, gelegentlich kehrt Izzard für Probeshows zu The Comedy Store zurück.

Deutsche Klischees, gnadenloses Publikum, Eddie Izzard als Co-Produzent. Die Aufgabe könnte leichter sein für Mittermeier. Vor einigen Wochen hat er ebenfalls im Comedy Store eine Probeshow absolviert, einen Testlauf vor seinem schottischen Auftritts-Marathon. „Ich war im Vorfeld schon ein bisschen nervös, was passiert, wenn ich sage, dass ich aus Deutschland komme“, gesteht er. „Doch die Zuschauer haben viel gelacht und Spaß gehabt.“

Wenige Stunden später stehen die Zuschauer in der Schlange vor dem Baby Grand. Neben einigen Deutschen warten vor allem Briten vor der Location, viele hat Izzards Empfehlung angelockt. In dem Container sind 80 Stühle dicht gedrängt aufgereiht worden. Die Decke ist niedrig, es ist stickig. Man versteht, warum Mittermeier den Raum mit einem Bunker vergleicht.

Dann betritt er die Bühne: ein Mann, ein Headset. In 60 Minuten nimmt der Comedian die Zuschauer mit auf seine Weltreise, ironisch und unterhaltsam beleuchtet er die Klischees über die verschiedenen Nationalitäten: Italiener, Chinesen, Schotten und natürlich die Deutschen. Mittermeier hält einen Zettel hoch, der im Hinterraum des Containers hing: „Die Gasinstallation wurde gesperrt, weil sie nicht angefragt und getestet wurde“, liest er vor, und fügt hinzu: „Das wäre in Deutschland nie passiert.“ Das Publikum lacht. Man hört besonders die deutschen Fans, die ihren Star sonst nie so nah zu sehen bekommen. Obwohl es verboten ist, machen sie mit ihren Kameras viele Fotos.

Natürlich freue er sich, wenn deutsche Zuschauer kommen, sagt Mittermeier später. „Doch ehrlich gesagt, spiele ich in Edinburgh am liebsten vor einem internationalen Publikum. Sie denken nicht so sehr darüber nach, ob ich Material von einer vorherigen Show verwende und wie sie mich sonst kennen.“ Vielleicht ist es aber so, dass seine Mission nur erfüllt ist, dass sich der ganze Aufwand nur lohnt, wenn er es hier auch schafft – vor britischem Publikum.

Bisher war jede Show ausverkauft. Das ist bei einem solchen Angebot keine Selbstverständlichkeit. Selbst der Hollywood-Schauspieler John Malkovich verteilte vergangenes Jahr tagsüber auf der belebten High Street Flyer für ein Theaterstück, bei dem er Regie führte.

Beim Publikum kommt „A German on Safari“ sehr gut an. Manche Kritiker sind weniger angetan. Der Guardian gibt Mittermeier gerade mal zwei von fünf möglichen Sternen. Ebenso der Event-Guide The List, der die Besprechung mit „Wir haben Wege, Sie zu langweilen“ betitelt. Einige Autoren kritisieren Mittermeiers vorhersehbare Behandlung der Klischees, andere Medien geben ihm aber auch drei oder vier Sterne: „Mittermeier ist sehr lustig, er liefert seine Gags mit einem unfehlbaren Timing, warm und selbstironisch. Es ist unmöglich, nicht zu lachen“, schreibt etwa eine Kritikerin des Fringe-Magazins Broadway Baby. Eine anderer Autor lobt ausdrücklich Michael Mittermeiers Gag über Tiffany, eine US-Amerikanerin, die ihn in einer Bar fragte, warum es in Europa eigentlich so viele verschiedene Sprachen gäbe. „Weil wir Deutschen den Krieg verloren haben“, lautet seine Antwort. Woraufhin Tiffany sagt: „Das tut mir so leid für euch.“

Wo große Karrieren begannen

Die meisten Künstler bekommen anfangs keine 5-Sterne-Kritiken – auch Eddie Izzard wurde in den ersten Jahren vom Feuilleton verrissen. Der Unterschied von Mittermeier zu englischsprachigen Comedians ist, dass diese meist schon zu Beginn ihre Karriere nach Edinburgh reisen. Das Festival ist offen: Jeder kann daran teilnehmen, solange er einen Auftrittsort für sich findet. Junge Comedians mieten sich schon mal einen Kleinbus und performen auf der Rückbank. Alles ist hier möglich, das Fringe Festival gilt als Ort, an dem große Karrieren begannen. Zum Beispiel die von Hugh Laurie, der als Dr. House bekanntwurde. Oder die von Schauspielerin Emma Thompson. Oder jene von Mike Myers alias Austin Powers.

Einer von denen, die es geschafft haben, spielt jeden Abend direkt gegenüber vom Baby Grand im großen Grand mit Platz für 770 Zuschauer. Hier tritt der Neuseeländer Rhys Darby auf. Seine Shows sind stets gutgefüllt.

2002 reiste Darby ans andere Ende der Welt, um sein Stand-Up-Programm zu zeigen. „Ich spielte meist vor gerade mal sechs Zuschauern“, erinnert sich Darby. „Doch jeder einzelne Zuschauer war für uns ein Erfolg.“ Er sitzt in einem Café, trägt eine dicke Hornbrille und ein Käppi, zwischendurch gibt er einem aufgeregten Fan ein Autogramm. Darby wurde tatsächlich auf dem Festival entdeckt. 2004 bekam er mit dem neuseeländischen Duo „Flight of the Conchords“ eine Radio-Show, später drehten sie eine HBO-Serie. Darby hat vor wenigen Monaten einen „autobiografischen Weltall-Roman“ veröffentlicht, „This Way to Spaceship“ heißt auch sein Programm, mit dem er dieses Jahr auf dem Fringe auftritt. Es ist sein achtes Jahr hier. Überall in der Stadt hängen seine Plakate, sogar auf einigen Taxen kleben Werbebilder. Besser kann es nicht werden, oder? „Das dachte ich auch. Und dann habe ich die Anzeige eines Kollegen auf einem riesigen Doppeldecker-Bus gesehen“, sagt er und lacht.

„Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch. Das ist der Spirit und die ursprüngliche Bedeutung des Fringe“, sagt Mittermeier. Er glaubt daran, dass er es schafft. Trotz der Kritiker, trotz des Drucks. Wer es einfach haben wolle, findet Mittermeier, der müsse dieses Land verlassen. Er selbst liebe Herausforderungen. Derzeit arbeitet er daran, sein Englisch zu verbessern, feilt täglich mit seinem Co-Autor am Programm. „Es ist ein Schritt auf einem langen Weg.“ Nächstes Jahr will Michael Mittermeier wieder auf dem Fringe Festival auftreten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen