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Michael Detto Ein Künstler sucht seine Geschichte

Als Michael Detto in die USA auswandert, stellt er sein Hab und Gut in einer Lagerhalle unter – darunter ein Film, den er in Polen gedreht hat. Doch dann werden alle seine Sachen verkauft. Die Geschichte einer Suche.

Michael Detto
Ein Vierteljahrhundert sind die Dreharbeiten zum Film schon her, aber für Michael Detto ist die Erinnerung an diese Zeit noch sehr lebendig. Foto: Andreas Förster

Michael Detto sitzt in seinem Arbeitszimmer in Venice Beach am Schreibtisch. Hinter ihm aufgeräumte Bücherregale, an den Wänden gerahmte Fotos, durch die Fenster dringt das warme Licht der kalifornischen Sonne. Detto, 63 Jahre alt, ist gebürtiger Berliner. Seit 2004 lebt der Fotograf, Filmemacher, Theaterautor und Videokünstler in der Nähe von Los Angeles. Er trägt eine Brille, schaut gütig und gelassen in die PC-Kamera, die sein Bild via Skype ins nieselig-graue Berlin überträgt. Einen lockeren Spruch am Anfang der Unterhaltung über das Wetter quittiert er lächelnd mit einem Achselzucken. „Das hier ist Venice Beach“, sagt er. Wetter ist hier kein Thema, soll das heißen – it never rains in California …

Wir wollen sowieso über etwas anderes sprechen. Um eine kleine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung soll es gehen, Rubrik Verschiedenes, links unten auf der Anzeigenseite der Wochenendausgabe. Detto hat sie aufgegeben, mit seiner Mailadresse darin. Alle 14 Tage soll sie erscheinen, ein halbes Jahr lang. Die Anzeige ist nur sechs Zeilen lang: „Gesucht: ‚Zertwa‘ – 35 mm-Film-Negative, Fotos, Arbeitskopie, Betacam-tapes, gerahmte Cibachroms und mehr, verschwunden 2006 oder 2007 in München“, steht darin. Das letzte Wort in Versalien gesetzt: FINDERLOHN!

Was will man damit anfangen?

Diese Zeilen sind eine kleine Bitte um Aufmerksamkeit für etwas, das verloren gegangen ist und nicht ersetzbar scheint. Ein leiser Schmerzenslaut über einen Verlust, den die Zeit offenbar nicht zu heilen vermag. „Vielleicht will ich mir selbst nicht irgendwann vorwerfen, die Suche nach ‚Zertwa‘ aufgegeben zu haben“, sagt Detto. „Und wer weiß, vielleicht hat ja einer die Kiste mit all diesen Sachen noch irgendwo herumstehen. Denn so was schmeißt doch niemand weg, oder?“
Natürlich gibt es Menschen, die so was wegschmeißen. Schwarzweiß-Fotos, die eine fremde Stadt zeigen und unbekannte Menschen, große Betacam-Videobandkassetten, für die es kaum noch Abspielgeräte gibt, endlose Streifen von Filmnegativen, Dias… Was will man damit anfangen? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand einfach auf den Müll wirft“, sagt Detto in seinem 9000 Kilometer entfernten Arbeitszimmer noch einmal.

Natürlich kann sich der 63-Jährige das nicht vorstellen. Er ist Künstler! Es gab Ausstellungen mit seinen Werken, in Deutschland, in den USA, in Kambodscha. Seit mehr als zehn Jahren lebt er jetzt in Kalifornien, gehört zur Künstlerszene in Los Angeles. Einer wie Detto denkt an Freunde und Bekannte in München oder L.A., wenn er sagt, dass niemand eine Kiste mit Filmen und Fotos wegwerfen würde.

Zertwa ist das russische Wort für „Opfer“. Und es ist der Titel eines Films, den Detto in den Jahren 1992/93 in Polen gedreht hat, der nun verschwunden ist, verschollen, vielleicht sogar für immer verloren. So bekommt der Filmtitel „Zertwa – Opfer“ in dieser Geschichte plötzlich eine neue Bedeutung. Eine Bedeutung, die Detto gar nicht vorhergesehen haben dürfte, als er vor einem Vierteljahrhundert in einer Fabriketage in Lódz den 35 Minuten langen Film drehte.

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